Manchmal macht es Sinn, den Reset Button zu drücken

Selbstbestimmtes Arbeiten mit Zeit für die Familie und das als erfolgreiche Redakteurin.  Da hat man viele Bälle in der Luft. Mareile Braun hat ihren Weg gefunden, den Beruf, den sie liebt und der sie fordert, mit Familie und Privatleben in Einklang zu bringen . Wir haben sie zum Interview getroffen und nachgefragt, wie das funktioniert.

09.12.2016 • Maria Gerono

Erzähl mal ganz kurz, was du beruflich machst und wie du dorthin gekommen bist.

Ich bin die Redaktionsleiterin von emotion SLOW, einem Ableger der emotion, dem Magazin für selbstbestimmte Frauen.  Emotion SLOW erscheint vierteljährlich und wird herausgegeben von einem kleinen Hamburger Verlag namens Inspiring Network. Unsere Verlegerin ist eine Self Made Frau, wie sie im Buche steht. Sie hat das Blatt sehr mutig bei einem Hamburger Großverlag herausgekauft und ist gestartet mit einem Kredit, mehreren Business Angels und einer sehr ungewissen Zukunft. Und sie hat ein Herz für Frauen, die mit viel Eigenverantwortung und Unternehmergeist visionäre Dinge erreichen wollen.

Wir haben zueinander gefunden zu einem Zeitpunkt, als ich eigentlich gar nicht mehr mit Verlagen zu tun haben wollte. Ich habe sechs Jahre lang den Bereich Style bei einem großen deutschen Wochenmagazin geleitet. 2008 wurde dann meine zweite Tochter geboren und nach einem Jahr Elternzeit wünschte ich mir ein anderes Arbeitszeitmodell. Nach der Geburt meiner ersten Tochter hatte ich sämtliche häuslichen Aufgaben und die komplette Kinder-Betreuung ausgelagert. Ich wollte damals ein anderes Modell finden, mit dem ich faktisch mehr Zeit mit meiner Familie verbringen kann. Dazu kamen noch verlagsinterne Umstrukturierungen, durch die die Arbeitsbedingungen schlichtweg nicht mehr so waren, wie ich sie mir gewünscht habe.

Was hat dich denn konkret gestört?

Ich habe in 20 Jahren Redaktionsarbeit eigenverantwortliches Arbeiten und Teamwork schätzen gelernt und empfand eine Struktur, in der mit sehr beschränktem Blick auf die eigene Nische gearbeitet wird, als enorm einschränkend. Ganzheitliches, übergreifendes Denken ist mir wichtig. Außerdem hat es mir an Flexibilität gefehlt. Für mich sind es heute immer mehr diese Faktoren, die die Arbeit sinnhaft und wertvoll machen. Ich habe mir Spaß und Erfüllung lange über mein kleines Team geholt, aber wenn die Kommunikation dauerhaft durch bestimmte Hierarchien eingeschränkt ist, ist das nicht der richtige Ort für mich.

In welchen Etappen hat sich dieser Erkenntnisprozess bei dir seinen Weg gebahnt?

Es hat sich langsam aufgebaut. Mit der Geburt meiner zweiten Tochter wurde mir bewusst, was ich auf privater Ebene hergeben müsste, um meiner Position voll zu entsprechen. Also hab ich mir überlegt, wie wichtig mir Macht, Status und Anerkennung sind, habe mir aber auch vor Augen geführt, wie groß mein Handlungsspielraum ist.

Ich bin nicht der Typ, der vorschnell aufgibt, deshalb bin ich nach der Elternzeit auch noch mal angetreten und habe mir die Situation sehr aufmerksam angeschaut. Ich kämpfe sehr für die Dinge, die mir wichtig sind, aber wenn mir der Sinn abhanden gerät, dann bin ich nicht zimperlich und stürze mich auch ins Ungewisse. Und das habe ich dann getan.

Hattest du den Plan in der Tasche als du gekündigt hast?

Nein. Ich habe ganz einfach daran geglaubt, dass sich neue Türen öffnen, wenn man alte schließt. Ich wollte auch nicht irgendeinen anderen Job machen.  In 20 Berufsjahren hat bei mir immer ein Schritt folgerichtig den nächsten ergeben und zurückentwickeln wollte ich mich nicht. Es sollte zu mir und meiner Lebensphase passen, sowohl inhaltlich als auch von den Rahmenbedingungen. Das „was kann danach noch kommen?“ habe ich für mich ganz neu definiert und hab mich 2010 selbständig gemacht und parallel eine Ausbildung zum Trainer und Coach begonnen. Vorrangig, weil ich schon immer eine große Befriedigung daraus gezogen habe anderen etwas weiterzugeben und ihnen bei ihrer persönlichen Entwicklung zur Seite zu stehen. In dem Moment, wo sich der Plan B für mich immer stärker geformt hat, kam Plan A wieder zurück – so ist es ja oft im Leben. Als mir das Konzept für die Slow vorgeschlagen wurde, konnte ich nicht anders: Diese Zeitschrift wolle ich unbedingt machen!

Wie viel Slow war zu dem Zeitpunkt schon da?

Im Prinzip bloß eine Din A 4 Seite. ;) Es gab einen Subclaim: Mehr Zeit fürs Wesentliche. Und es gab eine Grobstruktur an Ressorts. Es sollte ein Lifestyle Magazin 3.0 werden. Klassische Ressorts, aber neu gedacht – nachhaltiger, weniger aufgeregt, mit einem entspannten Grundtempo. Der unausgesprochenen Slogan lautet: Man braucht nicht alles, aber das richtige.

Das Magazin bietet auch verschiedene Kaufanregungen, Produkttests usw. Ein Gedanke, der sich mir direkt aufgedrängt hat, war der Widerspruch, der darin steckt zum Konsum zu animieren, wo doch Nachhaltigkeit ganz klar auch etwas mit Beschränkung zu tun hat...

Wir denken, dass du niemanden dazu bekommst, mit einem Mal alles in seinem Konsumverhalten richtig zu machen. Unser Blatt ist eine Einladung zum Umdenken, es soll den Einstieg erleichtern. Ein gutes, glückliches Leben zu führen ist ein Weg der vielen kleinen Schritte. Aber wenn man in der richtigen Art und Weise Alternativvorschläge macht oder Menschen vorstellt, für die Reduktion etwas Bereicherndes ist, dann kann das animieren. Ich glaube, dass nichts den Menschen so sehr interessiert, wie andere Menschen. Etwas über spannende Lebensmodelle und mutige Projekte zu erfahren, kann bewirken, dass ich selbst auch Mut fasse und meine Themen und Probleme neu angehe.

Für mich war die Aufgabe, eine kleine unabhängige Redaktion zu leiten, auch ein Schritt raus aus dem Elfenbeinturm des Journalismus. Bei Slow kann jeder, der eine spannende Geschichte hat und in der Lage ist, diese stilistisch ansprechend zu erzählen, dies auch tun. Meinungs- und Sprachvielfalt ist ausdrücklich gewünscht. Das Konzept finde ich charmant. Außerdem konnte ich mir die Arbeitsbedingungen weitestgehend nach meinen Vorstellungen erschaffen – das war natürlich auch ein wichtiges Argument für mich.

Was waren denn deine Wünsche? Was war dir wichtig?

Das Projekt steht und fällt mit dem Team. Ich wollte Einfluss darauf haben, mit wem ich das zusammen mache. Arbeiten auf Augenhöhe und menschliche Nahbarkeit sind mir ebenfalls sehr wichtig. Ich habe viele Freiheiten - angefangen beim Konzept und den Inhalten, über mein Home Office bis hin zu regelmäßigem Feedback und Planungsgesprächen mit der Verlagsleitung. Außerdem entspricht das Blatt meinem Anspruch an Textqualität, Ästhetik und Auftreten.

Wie arbeitet ihr bei der emotion slow?

Wir haben eine Art Co-Working Space, den wir für unsere Produktionszyklen nutzen. Wir tragen viermal im Jahr 14 Tage lang das Heft in der Redaktion bis zum Versand der Seiten an die Druckerei zusammen und danach ist es wieder vorbei. Die Vorbereitungszeit kann ich wann und wo ich möchte gestalten. Egal, ob zuhause, in Berlin oder auf Bali, Hauptsache alles ist startbereit, wenn das Team in der Hoheluftchaussee zusammenkommt. Jeden Tag in eine Redaktion zu gehen, würde mir mittlerweile schwer fallen. Ich muss in unserem Dörfchen auf meine Wiese schauen und dann fallen mir die besten Sachen ein. Dass das möglich ist, für mich jetzt die Riesenqualität.

In den Redaktionsräumen sitzen wir alle zusammen in einem großen Raum. Eine direktere, unmittelbarere Kommunikation gibt’s gar nicht. Jeder macht alles. Wir arbeiten in allen Bereichen so. Niemand sagt, mein Arbeitsbereich beginnt hier und endet dort. Wir sind ein Team und möchten zusammen dieses Produkt erschaffen und das Team ist so klein, dass alle mit anpacken müssen.

Warum muss das Heft in einem so engen Zeitfenster „zusammengetackert“ werden?

Das geht aus Kostengründen nicht anders. Es gibt innerhalb des Verlages genau festgelegte Slots für die einzelnen Produktionen. Wir haben zum Beispiel auch Mietrechner, die für den Zeitraum der Produktion zur Verfügung gestellt werden. Nur so rentieren sich die Arbeitsräume. Von den großen Verlagen war ich zig Einzelbüros gewohnt, die oft monatelang leer standen, weil Reporter unterwegs waren. Aber so funktionieren kleine Verlage nicht.

Vermisst du dein eigenes Büro?

Nein, im Gegenteil. Am Anfang war es etwas ungewohnt. Man richtet sich ja normalerweise in seinem Büro irgendwann häuslich ein und, hat da seine Zimmerpflanze und sein Gekrusche, aber inzwischen finde ich es total befreiend, mit meinem Laptop, aufzuschlagen, mich ein bisschen auszubreiten und am Ende wieder alles zusammenzupacken und zu gehen. Morgens reinzukommen und fokussiert und auf den Punkt mit den anderen zu arbeiten, das macht mir Spaß. Was ich am allerwenigsten vermisse, ist dieses endlose Sitzen in irgendwelchen Konferenzen. Wenn wir uns im Team zu Meetings treffen, dann ist das extrem konzentriert und ergebnisorientiert. Wir haben einen Teamspirit und einen Zusammenhalt, wie ich ihn ganz selten irgendwo vorher gespürt habe.

Kannst du dich im Home Office gut konzentrieren?

Hervorragend. Viel besser als unter Leuten, weil ich immer so neugierig bin, was da so alles geredet wird. Meine Kinder sind tagsüber unterwegs. Ich schaffe mir diese Freiräume, muss mich dann aber natürlich auch disziplinieren. Wenn man etwas Unangenehmes machen muss, ist die Gefahr der Prokrastionation natürlich groß.

Hast Du das Coaching Thema dann gar nicht weiter verfolgt?

Doch, es beschäftigt mich mehr denn je. Gerade bin ich dabei, gemeinsam mit meinem Geschäftspartner Nico Lee Gogol unsere pferdegestützten Coachings aufzubauen. Ab dem Frühjahr 2017 bieten wir Firmen und Einzelpersonen Führungskräfte-Trainings, Team Workshops und auch Einzel-Sessions zu Themen aus dem beruflichen und privaten Umfeld an. Wir arbeiten mit unseren eigenen Pferden hier in Hamburg und haben tolle Feedbacks von unseren Teilnehmern erhalten. Die Methode mit den Pferden als Co-Coaches ist ebenso einfach wie wirkungsvoll. Und uns als Natur- und Pferdemenschen macht sie unglaublich viel Spaß!

Neben dem Heft auch noch Coachings - das klingt nicht unbedingt nach Entschleunigung?

Ich war schon immer ein Mensch mit hohem Grundtempo. Und trotzdem fühle ich mich heute in guter Balance, weil ich mein Leben und die Inhalte so gestalten kann, dass da wenig unangenehme Fremdbestimmung ist. Ich glaube, wenn es einem gelingt, seinen eigenen Rhythmus zu finden und die Dinge, die einem wichtig sind, in dem Tempo und in der Intensität zu leben, die einem liegt, kann auch „Stress“ ganz positiv sein.                                        

Das gilt auch bei der Wahl des Arbeitgebers. Es wird schwerlich gelingen, ein ganzes Umfeld zu ändern, wenn auf der anderen Seite kein Interesse daran besteht. Dann macht es manchmal mehr Sinn, sich eine neue Umgebung zu suchen und den Reset-Button zu drücken.

Vielen Dank, Mareile!

 

Mehr Infos zu den Pferdecoachings gibt es hier: leebrown-coaching.com 

Zum Emotion Slow Magazin geht es hier: emotion-slow.de

 

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Mit Familie , Mit Flexibilität

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