© Maxime Le Conte des Floris

Arbeit ist eine Form, sich die Welt anzueignen

Max Neufeind macht sich berufsbedingt viele Gedanken zum Thema Zukunft der Arbeit. Außerdem ist er Policy Fellow des Berliner Think Tanks "Das Progressive Zentrum" und wurde 2016 von der Zeitschrift Capital zu den „Top 40 unter 40“ im Bereich „Staat und Gesellschaft“ gewählt. Wir wollten von ihm wissen, wie sich jeder Einzelne und natürlich Unternehmen für die Arbeitwelt von morgen rüsten können.

27.06.2017 • Maria Gerono

Du bist Teil des Progressiven Zentrums, einem gemeinnützigen Think Tank in Berlin. Was macht ihr da genau? Und mit welchem Ziel?

Wir sind eine Organisation, die Entscheider, aber vor allem Entscheidungsvorbereiter zusammenbringen möchte. Wir versuchen relativ frühzeitig gesellschaftliche Entwicklungen zu erkennen und gemeinsam mögliche Antworten darauf zu finden.

Wir stoßen ganz unterschiedliche Projekte an. Ein zentraler Themenschwerpunkt ist Europa. Aktuell geht es in einem großen Projekt für das Auswärtige Amt darum junge, zivilgesellschaftliche Vertreter aus südeuropäischen Ländern zusammenzubringen, um über die zentralen Themen der Zeit zu diskutieren, wie Migration, Jugendarbeitslosigkeit, Populismus oder eine nachhaltige Wirtschaft.

Unsere Funktion besteht also im Kern darin, Diskurs zu organisieren, Menschen zusammenzubringen und Netzwerke aufzubauen.

Und dein Lieblingsthema ist das Thema Arbeit?

Im Think Tank arbeiten wir mit dem Konzept der Policy Fellows. Wir haben einen Beruf, mit dem wir Geld verdienen und finden im Progressiven Zentrum einen Inkubator für Themen, die wir in einem freieren Rahmen entwickeln können. Ich bin Policy Fellow für das Thema Zukunft der Arbeit.

Seit wann begleitet dich das Thema?

Seit ungefähr zehn Jahren. Ich habe ursprünglich dazu geforscht, im Bereich Arbeitspsychologie, Organisationswissenschaften und politische Ökonomie, in Zürich an der ETH und in London.

Mich interessiert, wie und warum Menschen arbeiten wollen, Wie sich die Organisation von Arbeit durch Technologie verändert. Welches Potenzial für eine menschengerechtere Arbeitswelt der digitale Wandel bietet, aber auch welche Herausforderungen für Fragen der sozialen Absicherung.

Digitaler Wandel und Wandel der Arbeitswelt. Sind das für dich zwei Seiten der gleichen Medaille?

Technologie ist sicherlich ein zentraler Treiber für den Wandel unserer Arbeitswelt. Die Digitalisierung ist ein technologischer Strukturbruch, wie es ihn historisch immer wieder gegeben hat.

Es ist absehbar, dass Roboter und intelligente Systeme immer mehr Aufgaben übernehmen können, mit denen heute Menschen beschäftigt sind. Die globale Vernetzung von Produktion, Produkten, Produzenten und Konsumenten und die Einbindung künstlicher Intelligenzen in die Arbeitsprozesse werden eine ganz andere Art des Arbeitens ermöglichen. Insofern lassen sich auch Digitalisierung und Globalisierung nicht getrennt von einander betrachten: Wertschöpfung wird zum Teil global neu verteilt werden. Für Deutschland stellt sich die Frage: Was ist eigentlich unser komparativer Vorteil im digital-globalen Zeitalter?

Hast du den Eindruck, dass deutsche Unternehmen verstehen, was da auf sie zukommt?

Ich glaube, die meisten großen Organisationen sehen, dass sie mit der bisherigen Strategie nicht weiterfahren können. Sie wissen, dass sie sich verändern müssen. Nur das Wie ist nicht klar. Da findet gerade ein großes Ausprobieren statt. Nach und nach wird man sehen, welche Modelle funktionieren. Eine der zentralen Herausforderungen wird sein, das bestehende Geschäft weiter auszuschöpfen und zugleich neue Geschäftsfelder zu erschließen.

Was glaubst du, wie sich jeder einzelne für diese Arbeitswelt von morgen rüsten kann?

Ich glaube, man muss sich die Frage stellen, wofür der Mensch im Zusammenspiel mit intelligenten Systemen zukünftig gebraucht wird. Es gibt eine Reihe von Dingen, die Menschen auch auf absehbare Zeit besser können als jede Maschine. Es ist natürlich wichtig, dass Menschen ein Verständnis für Technologie haben. Aber es muss nicht jeder programmieren können. Viele Berufe der Zukunft werden dort liegen, wo es darum geht, zu begreifen, was für eine Welt wir uns geschaffen haben und andere Menschen dazu zu befähigen, sich in dieser Welt zu bewähren. Coaching, Counseling, Consulting, Caring sind für mich die Schlagworte.

Digitalisierung bedeutet radikale Aufwertung des Inviduelluen. Da sich alles zu vernachlässigbaren Kosten replizieren lässt, zählen nur noch originäre Inhalte. Wenn wir uns überlegen, wo wir Originäres leisten können, dann sind das immer Dinge sein, die etwas mit uns selbst zu tun haben, Dinge zu denen wir intrinsisch motiviert sind. Sind heute dazu alle Menschen in der Lage? Natürlich nicht. Und das ist die Herausforderung. Wir müssen die komplette Kette der Bildung und beruflichen Entwicklung  so aufbauen, dass Menschen Erfahrungen mit Selbstwirksamkeit und intrinsischer Motivation machen und für sich die Frage beantworten können: Was will ich eigentlich tun?

Arbeit ist eine Form, sich die Welt anzueignen. Wenn Menschen die Frage beantworten können, auf welche Art sie sich die Welt aneignen wollen, werden sie auch in der Zukunft ihren Platz in der Arbeitsgesellschaft haben.

Was bleibt den anderen? Das Grundeinkommen?

Das ist aus meiner Sicht keine Lösung. Wir sind eine hoch arbeitsteilige Gesellschaft, Erwerbsarbeit ist in unserer Gesellschaft die zentrale Quelle für Identität und Anerkennung. Lass uns über konkrete Menschen reden. Da ist jemand Ende vierzig ist und arbeitet in der Produktion am Band. Jetzt kommt eine neue Generation der Robotik und er wird seinen Job los. Er ist arbeitslos und bekommt das bedingungslose Grundeinkommen. Und wir sagen ihm: Hey, fang doch mit Acrylmalerei an und zieh daraus deine Anerkennung. Er wird sich verstoßen fühlen. Viele Studien zeigen, dass wenn jemand aus dem Erwerbsleben herausfällt, das ähnlich schmerzhaft ist wie der Verlust des Partners.

Mein Problem mit dem Grundeinkommen ist, dass es die Eliten aus der Verantwortung entlassen würde, dafür zu sorgen, dass jeder Mensch seinen Platz  in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft findet. Meine Prognose ist, dass die Polarisierung der Gesellschaft durch ein Grundeinkommen eher zunehmen würde.

Könnte ein Grundeinkommen nicht auch Anreize bieten, alle Arbeitsumgebungen positiver zu gestalten, um weiterhin Arbeiter zu finden, auch wenn es den Sachzwang zum Geldverdienen nicht mehr gibt?

Ich möchte weiter an der Idee festhalten, Erwerbsarbeit zu humanisieren. Gleichzeitig sollten wir die Idee eines gelungenen Arbeitsleben als selbstbestimmte Kombination unterschiedlicher Tätigkeiten weiterentwickeln. Erwerbsarbeit wäre für mich immer Teil davon. Eine Arbeitswelt in der Erwerbsarbeit, die auf dem Markt ein Einkommen erzielt, nur noch einer Elite vorbehalten ist, wird meiner Meinung nach nicht funktionieren.

Was ist für dich der Inbegriff von New Work?

Sitzsäcke, MacBooks und Slack. Zumindest sind das die Bilder, in denen wir Neues Arbeiten assoziieren und die für viele Menschen Anfang 20 verständlicherweise attraktiv sind. Die Frage ist, ob sie auch mit Mitte 40 noch attraktiv sind. Wenn man den ersten Haltungsschaden von den Sitzsäcken hat. Wenn man eine Programmiersprache gelernt hat, die keiner mehr verwendet und es keinen Betriebsrat gibt, der die nötige Weiterbildung erstreitet. Dann ist das alles vielleicht nicht mehr ganz so attraktiv. Der digitale Wandel verspricht mehr Souveränität. Und das ist eine riesige Chance. Wir sollten uns nur als Generation ehrlich klarmachen, wie nachhaltig diese Souveränitätsgewinne sind. Wenn ich als digitaler Nomade zwar 3000 Facebook-Freunde aber keine Altersvorsorge habe, dann fühlt sich das irgendwann nicht mehr so schrecklich souverän an.

Wie viel New Work lebst du persönlich?

Ich bewege mich zu großen Teilen in Arbeitszusammenhängen, die sehr traditionell geprägt sind. Gleichzeitig versuche ich neue Arbeitspraktiken dort einzubringen. Das ist bisweilen für beide Seiten eine Zumutung – aber eine durchaus produktive.

Vielen Dank, Max.

 

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Mit Perspektive

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