© Ali Mahlodji

Wenn ich mal Chef bin, dann trag ich weiße Turnschuhe

Ali Mahlodji ist ein Multiltalent - Flüchtlingskind, Schulabbrecher, Lehrer, Geschäftsführer und EU-Jugendbotschafter, aber zu allererst mal Ali. Seine Video-Plattform Whatchado hat es von einer Kindheitsidee zum Wikipedia der Lebensläufe geschafft. 5000 Menschen erzählen hier von ihrem persönlichen Werdegang. Wir wollten von ihm wissen, was er von all diesen Geschichten gelernt hat.

17.05.2017 • Maria Gerono

Erzähl noch mal kurz, was Whatchado macht.

Die Idee für Whatchado ist eigentlich aus einer Kindheitsidee entstanden. Als ich 14 Jahre alt war, wusste ich nicht, was ich aus meinem Leben machen sollte. Ich habe mir eine Übersicht über alle Jobs dieser Welt gewünscht. Und alle Erwachsenen haben gesagt, das geht überhaupt nicht.

In der Schule gibt es immer diese Freundschaftsbücher, die die Kinder ausfüllen. Und das Konzept ist sehr einfach, jedes Kind klebt ein Foto rein und beantwortet immer dieselben Fragen. Genau so etwas habe ich mir für den Arbeitsmarkt vorgestellt. Ein Handbuch mit Lebensgeschichten, in dem alle die gleichen Fragen zu ihrem Werdegang beantworten.

Jahre später, 2010 war das, war ich selber Lehrer an einem Gymnasium. Zum dem Zeitpunkt hatten bereits alle Kinder ein Handy, einen Facebook Account und nutzten YouTube. Deswegen bin ich davon ausgegangen, dass die Kinder viel informierter sind als wir damals. Aber in der Realität waren sie immer noch genau so orientierungslos. So kam mir die Idee meine Kindheitspläne vom Handbuch der Lebensgeschichten im Internet umzusetzen. Also habe ich zusammen mit drei Freunden eine Videoplattform gegründet, auf der Menschen berufliche Orientierung finden.

Wir interviewen Menschen aus der ganzen Welt, quer durch alle Hierarchien, unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht und stellen allen dieselben sieben Fragen zu ihrem Werdegang und ihrem Job. Was macht Ihnen besonders viel Spaß, was sind die nicht so coolen Seiten des Jobs und so weiter. Bis hin zu: Welchen Ratschlag würdest du dir selber mitgeben, wenn du noch mal 14 Jahre alt wärst?

Die Plattform war am Anfang ein Freizeitprojekt. Wir haben einfach auf der Straße Leute interviewt. Die ersten 100 Videos habe ich alle selber mitgemacht.

Kannst du dich an dein allererstes Whatchado-Interview noch erinnern?

Das war Markus Lindner, ein Jungunternehmer und das Interview war im Nachhinein betrachtet echt unprofessionell. Wir hatten eine kleine, günstige Kamera und ich hatte überhaupt keine Ahnung, wie man so ein Interview macht. Ich habe ihm die Fragen, die wir vorbereitet hatten, einfach hingelegt und hab zu ihm gesagt, er soll sie vorlesen, bevor er sie beantwortet. Und ich hab nichts gemacht, nur auf die Kamera geschaut.

Als wir die Seite aufgesetzt haben, hatten wir insgesamt 17 Videos. Wir haben die Seite online gestellt und plötzlich waren wir im Fernsehen. Zweieinhalb Minuten in den Hauptnachrichten. Das war echt verrückt. In diesem Bericht habe ich gesagt „Ich wollte immer die Welt retten.“ Wenn wir es schaffen, nur für einen Menschen, der Angst hat, die Perspektive zum Positiven zu verändern, dann haben wir die Welt dieses einen Menschen gerettet.

Mittlerweile sind es nicht mehr 17, sondern 6000 Videos. Wir haben inzwischen 60 Mitarbeiter aus 15 Nationen, sprechen 20 Sprachen und sind in Deutschland, Österreich und der Schweiz tätig.

Parallel haben wir noch das Projekt WhatchaSKOOL gegründet.  Um Kinder zu inspirieren, haben wir eine Workshop-Konzept entwickelt, mit dem wir in die Schulen gehen und Berufsorientierung vermitteln, die bei den Kindern auch ankommt. Mit dem Projekt haben wir letztes Jahr über 60.000 Schüler erreicht und waren von Wien nach Berlin, bis nach Rom und Mailand eingeladen.

Wann wurde aus deiner Mission eine Geschäftsidee?

Mich haben schon am Anfang ganz viele Leute gefragt „Wie willst du damit Geld verdienen?“ und ich habe immer geantwortet „Das darf aktuell nicht im Fokus stehen.“ In dem Moment, in dem du dich auf ein Business Modell festlegst, limitierst du dich enorm. Mein Vorteil war, dass ich meinen Job als Lehrer hatte. Jubin, Manuel und Stefan meine Co-Founder hatten auch alle einen Job. Das war also ein reines Freizeitprojekt. Bis unser Beitrag im Fernsehen gelaufen ist, dann hat mein Telefon nicht mehr aufgehört zu läuten.

Unter anderem hat sich ein großer amerikanischer Konzern bei mir gemeldet. Mit der Bitte mal dorthin zu kommen und die Mitarbeiter zu interviewen. Ich hab gedacht, ja klar, ich kann am Samstag vorbei kommen und ein zwei Leute interviewen. Seine Antwort war, nein, wir hätten gerne 30 Interviews. Auf meine Frage „Warum?“ hat er geantwortet „Wir sind zwar ein bekannter Konzern, aber viele Menschen bewerben sich nicht bei uns, weil sie nicht wissen, welche Jobs es bei uns gibt.“ Ich hatte noch keinen Schimmer, wie ich diese 30 Videos machen soll, als er gefragt hat „Wie teuer wird das?“. Ich musste an Eminem denken, der rappt „You got one Shot“ und habe einfach einen imaginären Preis genannt und ihm angekündigt, dass zwei Leute von unserem nicht existenten „Videoteam“ vorbeikommen werden und dann ist mir noch eingefallen, dass es geschickter wäre ein Profil als Abo zu verkaufen und hab ihm ein Unternehmensprofil angeboten, das es zu dem Zeitpunkt noch nicht gab. Am Ende hatte ich einen Auftrag über 40 Videos in der Tasche und hab gedacht, „Verdammt, ich war zu billig.“

Dann haben wir uns zu viert zusammengesetzt und überlegt, ob wir wirklich wollen, dass aus dem gemeinnützigen Verein Whatchado ein richtiges Unternehmen wird. Und die Antwort war JA! Wir haben dann relativ schnell unsere Jobs gekündigt und losgelegt.

Viele Leute haben das damals nicht verstanden. In Österreich herrscht immer noch ein Sicherheitsdenken und viele konnten nicht verstehen, warum ich eine Festanstellung mit Weihnachtsgeld aufgebe für eine unsichere Unternehmensgründung in einem Bereich von dem ich keine Ahnung habe. Aber wovor haben wir in Österreich eigentlich Angst? Das Sozialsystem ist so gut, dass ich auch bei einer Bauchlandung nicht auf der Straße lande und das Wasser in unseren Toiletten so sauber, dass man es trinken könnte.

Hast du manchmal das Gefühl, dass es einen Gewissenskonflikt gibt, wenn du dich von Firmen für die Interviews bezahlen lässt? Anders gefragt, wie authentisch bleiben solche Interviews?

Wir hatten tatsächlich am Anfang Probleme damit. Aber unser Glück war, dass wir das Geld nicht brauchten. In den ersten Jahren haben ungefähr 10 bis 14 Unternehmen abgelehnt oder die Interviews abgebrochen, weil sie zu starke Vorgaben machen wollten. Wir haben in sehr kurzer Zeit sehr viele Videos gemacht, die strikt mit den ursprünglichen sieben Fragen gearbeitet haben und so hatten wir einen Proof of Concept, dass dieser Aufbau funktioniert. Und immer mehr Unternehmen verstehen auch, dass sie ihren Mitarbeitern keinen Maulkorb anlegen können.

Ich habe immer gesagt, der Tag, an dem ein User auf unsere Seite kommt und sich als Produkt fühlt oder denkt, so verdienen die Geld, haben wir verloren.

Wenn ihr mal eure eigene Unternehmenskultur anschaut. Welche Erkenntnisse aus den Whatchado Videos konntet ihr da umsetzen?

Als wir Whatchado gegründet haben, hatten wir alle so 7-10 Jahre Berufserfahrung. Ich habe schon mit 14 angefangen mein erstes eigenes Geld zu verdienen und hatte in meinem Leben über 40 Jobs, vom Unternehmensberater bis zum Gebäudereiniger. Ich habe oft gesehen, dass Unternehmenswerte etwas Realitätsfernes, Starres sind.

Wir wollten nicht vorgeben, was unsere Werte sind, sondern es herausfinden und spiegeln, wie wir arbeiten und handeln. Eine Prämisse die wir zusammen entwickelt haben ist, dass wir alle im selben Boot sitzen, egal ob Mitarbeiter, Lieferant oder Putzfrau. Eine andere ist, dass wir zukunftsweisend sein wollen. Wir wollen immer die Frage stellen „Was wäre, wenn ...?! Und wenn etwas nicht funktioniert, dann orientieren wir uns eben neu. Unsere Kultur lässt Raum dafür, etwas Neues ohne Angst zu probieren.

Ein Unternehmen ist ja auch nicht statisch, sondern entwickelt sich mit seinen Mitarbeitern und Unternehmenskultur muss gelebt werden. Wenn ein Briefträger zu Whatchado kommt, dann soll er im Idealfall nicht merken, wer der Chef ist, weil alle gleichberechtigt miteinander umgehen.

Wir fahren einmal im Jahr alle zusammen in den Urlaub. Im ersten Jahr waren wir 10 Tage in Thailand. Das ist mit 60 Mann schon schwieriger, aber dafür waren wir ein paar Tage in Spanien am Strand. Das schweißt zusammen. Eine andere Sache, die wir umgesetzte haben: Uns ist aufgefallen, das die Gehälter von Männern und Frauen unterschiedlich waren. Das war keine Absicht, das hat sich einfach ergeben. Als uns das aufgefallen ist, haben wir den Gender Gap sofort geschlossen. Was ich damit sagen möchte, Kultur lässt sich nicht verordnen und muss nicht irgendwo an der Wand geschrieben stehen, sondern gelebt werden.

Da gibt es auch noch eine Geschichte, die mit weißen Turnschuhen zu tun hat ...

Die meisten Chefs, die ich als junger Mensch erlebt habe, waren ältere Herren mit schwarzen Anzügen und Lackschuhen, die wahnsinnig ernst geschaut haben. Das Verhalten der Chefs wirkt sich eins zu eins auf ihre Mitarbeiter aus. In einem Unternehmen mit einem so patriarchalen Chef traut sich kein Mitarbeiter ernst gemeintes Feedback zu geben. Ich hab immer gedacht, wenn ich mal Chef bin, dann trag ich weiße Turnschuhe. Und bei der Firmengründung habe ich zu unserem Anwalt gesagt, jeder Mitarbeiter, der für uns arbeitet, bekommt nach drei Monaten weiße Turnschuhe. Und das machen wir seit Gründung genau so. Im August habe ich eine Bewerbung bekommen, von einem Top Manager einer großen deutschen Bank und der Knaller war, er hat im Betreff direkt die Schuhgröße für seine Sneakers angegeben.

Was glaubst du, welche Fähigkeiten man auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft stärker brauchen wird?

65% der Jobs, die wir in zehn Jahren machen werden, gibt es noch nicht. Heute zu prognostizieren, welche Fähigkeiten morgen wichtig werden, ist gefährlich, weil wir die Welt in zehn Jahren noch nicht kennen. Bei aller Veränderung, die passiert, gibt es aber eine Konstante, nämlich den Menschen selber. Wenn Menschen verstehen, wer sie selber sind und wo ihr Potenzial liegt, dann kann sie auch keine Veränderung aus der Bahn werfen. Fragt euch nicht, welche Kompetenzen ihr braucht, sondern, was ihr selber wollt und könnt. Der Jobmarkt hat noch nie so viele Möglichkeiten geboten wie heute, wenn man sein eigenes Ziel kennt. Und bleibt neugierig.

Wenn ich drei Fähigkeiten benennen müsste, die man heute und in der Zukunft braucht, würde ich sagen Flexibilität, Weltoffenheit und eine gute Selbstwahrnehmung.

Vielen Dank Ali.

 

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Perspektive

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