Es muss ein Umdenken erfolgen, gerade in den kleineren Unternehmen

Angela Schindler ist Unternehmensberaterin und Personalvermittlerin. Seit 3 Jahren assistiert sie Menschen beim Umdenken. Sie berät vor allem mittelständische Firmen im Rhein-Neckar-Gebiet, die sich fit machen wollen für den Arbeitsmarkt von morgen. Keine einfache Aufgabe. Wir haben uns auf dem Unternehmenstag Erfolgsfaktor Familie getroffen und nachgefragt, wie das so funktioniert und wo es vielleicht noch Entwicklungspotential gibt.

28.05.2015, Maria Gerono

Mit welchem Grundbedürfnis fragen Unternehmen bei Ihnen an?

Der erste Impuls ist meistens die Suche nach Fachkräften. Dazu erarbeite ich gemeinsam mit dem Kunden ein Anforderungsprofil. Dabei wird häufig sehr schnell klar, warum dieses Unternehmen so große Probleme hat Personal zu gewinnen. Sehr oft liegt es daran, dass Mitarbeiterbindung keine wirkliche Rolle spielt – und dazu gehört eben familienbewusste und gesundheitsfördernde Personalpolitik. Gerade in kleinen und mittelständischen Unternehmen fehlt das sehr häufig. Akuter Fachkräftemangel in bestimmten Bereichen oder Fehlende Mitarbeiterbindung

Wie geht’s dann weiter?

Das ist dann eine Art Change Management, das wir in den Unternehmen betreiben. Im Moment führen wir in einem der Unternehmen eine Mitarbeiterbefragung durch, in der wir herausfinden wollen, was schon gut funktioniert und wo noch Handlungsbedarf besteht. Am Beispiel älterer Mitarbeiter wird das häufig recht deutlich. Sie arbeiten immer mehr und länger, auch begünstigt durch das mobile Arbeiten. Aber eigentlich möchten sie gern etwas kürzer treten und sich abgrenzen. Ziel ist es ganz klar herauszufinden, was sich die Mitarbeiter eigentlich vom Unternehmen in Bezug auf familienbewusste aber auch gesundheitsfördernde Personalpolitik wünschen. Da kommt dann heraus, dass die Mitarbeiter gern viel mehr mobil arbeiten möchten. Also weg von starren Anwesenheitszeiten und Präsenzkultur. Das ist ja nicht nur für Familien mit kleinen Kindern eine dankbare Form, auch im Falle von pflegebedürftigen Angehörigen ist mobiles Arbeiten hilfreich, um Dinge besser vereinbaren zu können.

Ist der Erfolg solcher Maßnahmen messbar?

Das ist natürlich immer schwieriger als zum Beispiel im Vertriebswesen. Was man allerdings sehr gut messen kann, ist der Zeitaufwand für die Personalgewinnung und auch die Fluktuation. Wenn man sich ansieht, wie hoch die Fluktuation in den letzten zehn Jahren gewesen ist und wie sie sich im letzten Jahr verändert hat, kann man schon eine positive Veränderung beobachten. Ein Jahr reicht allerdings meistens nicht aus, denn ein Change Prozess dauert ja auch eine Weile. So ein Unternehmen ist dreißig oder vierzig Jahre gewachsen und eine Kultur hat sich herausgebildet. Man muss schon eine längere Zeit einplanen um Dinge zu verändern.

Hat sich seit Ihrer Unternehmensgründung vor drei Jahren etwas verändert in den Unternehmen?

Definitiv. Gerade im letzten Jahr habe ich festgestellt, dass Unternehmen schon sehr gut informiert sind über das Thema Vereinbarkeit, also familienbewusste und gesundheitsfördernde Personalpolitik. Das sind meine zwei Steckenpferde, die beiden greifen wie Zahnräder ineinander. Es gibt dennoch viele Unternehmen, bei denen noch akuter Handlungsbedarf besteht.

Ist spürbar, dass durch die Generation Y neue Ideen und Impulse in die Unternehmen kommen?

Ich war mit einem kleinen Unternehmen im Gespräch um neue Mitarbeiter zu vermitteln. Es gab dort sechzig Mitarbeiter, wenn ich mich recht erinnere. Dort arbeiteten überwiegend Mitarbeiter vierzig plus, ein nicht unerheblicher Teil war bereits fünfzig plus, sprich, noch zehn bis dreizehn Jahre, dann geht ein entscheidender Teil der Belegschaft in Rente oder Altersteilzeit. Wir kamen auf das Thema lebensphasenorientierte Personalpolitik zu sprechen, und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ich wollte wissen, ob sie ein Bild davon haben, welche Ansprüche, die Bewerber an ihr zukünftiges Unternehmen stellen. Da stellte sich heraus, dass sie keine Ahnung hatten, was eigentlich die Ansprüche von Bewerbern im Alter zwischen 19 und 29 Jahren sind. Dieser Wertewandel, den die Generation Y mitbringt, ist in vielen kleinen Unternehmen überhaupt nicht angekommen. Man geht immer noch davon aus, dass die Absolventen von der Uni ins Unternehmen kommen und nichts weiter wollen, als eine möglichst steile Karriere hinlegen. Es muss ein Umdenken erfolgen, besonders in den kleineren Unternehmen. Es geht ja nicht immer nur um Kinder oder Pflegebedürftige. Es gibt auch Mitarbeiter, die wollen einfach mehr Freizeit haben.

 

Vielleicht ist der Druck gutes Personal zu finden, einfach noch nicht groß genug um sich mit diesen Ansprüchen der Bewerber auseinanderzusetzen? Genau. Den Druck verspüren Unternehmen meistens erst, wenn es akut wird. Dann bekomme ich einen Anruf, und dann soll bis morgen jemand her, der die freie Stelle besetzt. Dann kann ich nur sagen, „Ich bin kein Zeitarbeitsunternehmen, tut mir leid. Da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen.“ Der Druck kommt auch dann, wenn die nächsten Mitarbeiter in Rente gehen, dann fehlen auf einmal vier oder fünf Leute, aber dann ist es leider zu spät. Man muss auch bedenken, in diesen kleinen Unternehmen gibt es nicht unbedingt eine Personalabteilung, die sich mit rechtlichen Dingen auskennt. Das heißt, der Geschäftsführer und seine Frau oder die Kinder kümmern sich um alles. Da ist einfach die Expertise nicht gegeben, weil man sich in einem Familienbetrieb um alles selbst kümmert. Und da hilft es, anzusetzen und zu sagen, wenn Sie Mitarbeiter gewinnen möchten, ihre Mitarbeiter halten möchten, wenn Sie Führungskräfte aufbauen möchten oder Fachkräfte weiterentwickeln, dann müssen sie einfach mehr Personalpolitik betreiben.

Wäre es für Sie nicht einfacher, auf größere Unternehmen zuzugehen?

Ich schwimme gern gegen den Strom. Zu den großen Unternehmen geht ohnehin jeder, die haben ihre Berater. Für mich ist das langweilig, mich reizt die Herausforderung, etwas ganz Neues in einem Unternehmen zu implementieren. Überzeugen können, dass man wirklich etwas Gutes tut, wenn man bestimmte Dinge einführt. Deshalb sind für mich die kleinen und mittelständischen Unternehmen wichtig. Das ist die Wirtschaftskraft in Deutschland und die muss gehalten werden.

Vielen Dank!  

Kategorie: Allgemein

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Flexibilität , Mit Perspektive