Gehört das Anschreiben auf's Abstellgleis?

Die Deutsche Bahn schafft das Anschreiben ab und das Geschrei ist groß. Weniger groß ist allerdings die Differenziertheit, mit der das Thema diskutiert wird. Allen voran die WELT, die sich nun fragt, ob die Bahn nur noch „die Dummen“ sucht.

04.07.2018 • Anja Dehghan

 

Es ist eine interessante Definition von Dummheit, die allein darauf fußt, dass ein Sechzehnjähriger keine halbe Seite Text aus diversen Google-Vorlagen zusammenstückelt oder die eigenen Eltern konsultiert, die dann mit ein paar Formulierungen weiterhelfen.

Die vielbeschworenen Möglichkeiten eines Cover Letters - die meisten Bewerber bleiben deutlich dahinter zurück. Die Zahl der Bewerber, die die Gelegenheit nutzen, sich intensiv mit sich und ihrer Bestimmung auseinander zu setzen, ist relativ überschaubar. Zugegeben, diese Zahl schwankt von Branche zu Branche, auf verschiedenen Karrierestufen und den diversen Ausbildungswegen.

Und damit wären wir beim nächsten Punkt: Die Bahn verzichtet nicht grundsätzlich auf das Anschreiben, sondern gibt lediglich ihren Ausbildungsbewerbern die Möglichkeit auch ohne vorstellig zu werden. Azubis braucht sie aktuell circa 3.600. Da kann es sicher nicht schaden, ein paar Hürden abzubauen. Und wer hat überhaupt gesagt, dass all die unfähigen, „dummen“ Bewerber auch automatisch eingestellt werden? Alle Bewerber müssen einen Online Test absolvieren, in dem logisches Denken, Reaktions- und Merkfähigkeit getestet werden. Dieser Online Test ersetzt bei der Bahn sogar den Blick auf die Zeugnisnoten. Anschließend werden Telefoninterviews und strukturierte Gespräche geführt, die sich erfahrungsgemäß sehr gut eignen, um einen umfassenden Eindruck vom Bewerber zu bekommen.

One Fits All? Eignungsdiagnostik muss zielgerichtet eingesetzt werden

Es gibt natürlich eine Reihe von Argumenten, die für ein Anschreiben sprechen, wie Henning Steier auf Linkedin schreibt. Dazu gehört zum Beispiel die Möglichkeit Lücken im Lebenslauf wettzumachen oder sich von anderen Bewerbern abzugrenzen. Man stellt sich allerdings die Frage, wieviele Lücken in der Vita ein sechzehnjähriger Azubi vorzuweisen hat. Und ganz sicher hebt sich ein rhetorisch gewandter Bewerber von anderen ab. Wenn es aber um die Stelle eines Lokführers geht, sind  andere Fähigkeiten möglicherweise relevanter, als die sprachliche Gewandtheit. Und auf die sollte man sich konzentrieren.

Das persönliche Anschreiben oder Motivationsschreiben, um das noch immer reflexartig für die meisten Bewerbungen gebeten wird, hat nämlich auch seine Tücken. Häufig werden wenig objektive Kriterien zur Bewertung herangezogen, die nichts mit der fachlichen Eignung zu tun haben, Tippfehler oder eine routinierte Selbstdarstellung sind nur zwei Beispiele. Beides Kriterien, die für bestimmte Berufsgruppen unerlässlich sind. Aber eben nicht für alle.

Moble first? Mit Anschreiben eine Herausforderung

Wer schon einmal versucht hat, einen längeren Text auf seinem Handy zu tippen weiß, dass man dabei schnell die Geduld verliert. Ein Anschreiben mobil einzureichen stellt potentielle Kandidaten also vor eine mittelschwere Herausforderung. Gerade im Blue Collar Bereich gewinnt die mobile Bewerbung immer mehr an Bedeutung. Wer da nicht schnell sein Interesse auf dem Handy bekunden kann, ist weg.

Zielgruppenspezifische Anforderungen an den Bewerber zu stellen ist wesentlich sinnvoller, als ein stoisches "Das haben wir schon immer so gemacht!" Das macht im ersten Moment natürlich deutlich mehr Arbeit, zahlt sich aber aus.

 

Das Anschreiben gehört also vielleicht nicht grundsätzlich auf's Abstellgleis, der Verzicht darauf ist aber ein mutiger und innovativer Schritt der Deutschen Bahn, sich flexibel auf ihre jungen Bewerber einzustellen. Damit liegt der Großkonzern absolut im Trend. Der Mangel an Bewerbungen wird zunehmend mehr Unternehmen unter Druck bringen, ihre Bewerbungsprozessen zu überdenken und neu zu definieren. Bei diesem Prozess muss der Bewerber mit seinen Bedürfnissen und Erwartungen im Zentrum stehen. 

 

Kategorie: Aktuelles

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Perspektive