Auf der Suche nach der Grenze zwischen Arbeit und Leben

Sehr facettenreich und von unterschiedlichen Perspektiven wurde letzte Woche auf der Konferenz “Arbeitszeit ist Lebenszeit” die Frage beleuchtet “Was macht die neue Arbeitswelt mit uns Menschen und wie können wir Menschen die Arbeitswelt in Zukunft so gestalten, dass sie unseren Bedürfnissen entspricht?”

13.11.2015 • Maria Gerono

Den Auftakt gab Trendforscher Ragnar Willer. Er erläuterte wie tiefgreifend die aktuellen Veränderungen sind. So wie die Schrift die antike Hochkultur begründete und der Buchdruck die Moderne hervorgebracht hat, löste der Computer und die damit verbundene Vernetzung den Aufbruch in eine ganz neue “nächste Gesellschaft” aus, die ganz eigenen Regeln folgt und neue Perspektiven eröffnet. “Der Umgang mit Komplexität wird zur zentralen Herausforderung” auch in einer sich stark verändernden Arbeitswelt. Wir sind freier und flexibler, gleichberechtigter und autonomer. Strukturen werden transparenter und Hierarchien flacher. Auf der anderen Seite empfinden wir die Zukunft als chaotisch, uns fehlen Sicherheit und Beständigkeit. Willer entwirft ein Bild völliger Entgrenzung, in dem es jedem einzelnen überlassen ist, achtsam seine eigenen Strukturen zu finden. Nur dann ergeben sich neue Freiräume und Möglichkeiten. Konkret überträgt er dieses Szenario auf die Grenze zwischen Arbeit und Leben, die sich nach und nach auflöst. Zentrale Kernkompetenzen sind Kreativität, Neugier und eben Grenzziehung - zum eigenen Schutz. Wir müssen lernen, die Verantwortung für die Gestaltung der eigenen Arbeitsstrukturen zu übernehmen.

Feel-Good-Manager: Spagat zwischen Effizienzsteigerung und Gutmenschentum

An dieser Stelle setzt die Gründerin von Goodplace, Monika Kraus-Wildegger an. Sie stellt den Feel-Good-Manager als kompetenten Grenzzieher vor, der dem modernen Menschen zur Seite steht, um die Arbeitsumgebung zu optimieren. Diese Funktion wurde durchaus kritisch diskutiert. Der Vorwurf, dass es weniger um das persönliche Wohlergehen, als um eine Optmierung der menschlichen Resource geht, wurde von verschiedenen Seiten geäußert. Es stellte sich die Frage, ob man die Kommunikation mit den Mitarbeitern und das Gespür für Bedürfnisse und Entwicklungen einem neu geschaffenen Berufsbild überlassen muss. Oder ob nicht jeder Geschäftsführer und jede Personalabteilung, die erfolgreich mit ihren Mitarbeitern arbeiten möchte, selbst ein Stück Feel-Good-Management betreiben muss. Sei es durch eine gelungene Feedback-Kultur, transparente Kommunikation oder eine Kultur der Wertschätzung. Gudrun Nolte-Wacker vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt sieht in einer zu starken Identifizierung mit dem eigenen Unternehmen die Grundlage für eine verstärkte Selbstausbeutung. Grenzen zur Arbeit sind Ihrer Ansicht nach notwendig, um sich auch über andere Aspekte des Lebens zu definieren. Wenn Sinnstiftung vor allem in Erwerbsarbeit gesucht wird, sinkt die Anerkennung von nicht entlohnter Arbeit und  schließt eine große Gruppe Menschen von gesellschaftlicher Teilhabe aus. Die Schere zwischen Menschen, die in erster Linie arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und denen, die eine vollständige Identifikation mit Ihrem Job suchen wird immer größer. Denn der Arbeitsplatz einer Putzfrau wird auch in Zukunft keinem “Business Playground” gleichen.

Die Flügel der Begeisterung oder wie funktioniert Motivation?

Der Unternehmensphilosoph Dominic Veken stellte die Frage nach dem Sinn von Arbeit. Das Gefühl an etwas Großem beteiligt zu sein beflügle mehr als jeder andere Anreiz. Das kann durchaus auch die erwähnte Putzfrau motivieren, wenn sie in ihrer Aufgabe den größeren Kontext erkennt und ihre eigene Rolle als wesentlich für das Wohlergehen der Patienten begreift. Moderne Unternehmen müssen also der Entfremdung von der eigenen Arbeit entgegenwirken und eher Bewegungen gleichen, wenn sie auch zukünftig attraktiv bleiben wollen. Sein Beispiel - die Mission der Otto Group “Die Kraft der verantwortung”- wirkte leider wenig überzeugend und warf für uns die Frage auf, ob nach innen gerichtete Markenkommunikation für den einzelnen Mitarbeiter tatsächlich Sinn stiften kann. Ein gutes Beispiel dafür, wie beflügelnd Begeisterung sein kann, war Jonas Puschke-Rui, der Gründer des Obstlieferdienstes Biobob. Die Liebe zu dem was er tut und der Spaß bei der Arbeit haben bei Biobob eine authentische und sympatische Unternehmenskultur geprägt, die jenseits von Optimierung und Effizienzsteigerung funktioniert. Die Frage bleibt, ob sich so etwas auch auf große Konzernstrukturen übertragen lässt. Das Fazit der Veranstaltung: Es geht nicht um die Trennung von Arbeit und Leben, sondern um die Frage, ob wir unsere erlebte Zeit als sinnvoll, erfüllt und selbstbestimmt erfahren.   Bildnachweis: Flickr (Thomas Leuthard)

Kategorie: Allgemein

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Flexibilität , Mit Perspektive