Die neue Arbeitswelt ist wie ein Rafting Boat

Das Filmprojekt AUGENHÖHE hatte vor knapp einem Jahr Premiere und hat seitdem auf über 240 Veranstaltungen, in sieben Ländern und unzähligen Online-Sitzungen Menschen für eine neue Arbeitswelt begeistert. Am 4. März legen die Macher des Dokumentarfilms mit AUGENHÖHEwege nach. Wir sind neugierig und haben uns mit Sven Franke, einem der Initiatoren getroffen, um schon mal einen kleinen Vorgeschmack zu bekommen.

19.02.2016 • Maria Gerono

Warum brauchen wir noch einen zweiten AUGENHÖHE Film, der auf den ersten Blick das gleiche Ziel verfolgt?

Wir haben nach „AUGENHÖHE“ gemerkt, dass wir mit dem Film eine Sehnsucht nach einer neuen Arbeitswelt geweckt haben. Inzwischen gab es über 240 Film und Dialog Veranstaltungen in sieben Ländern. Der Film wurde heiß diskutiert. Immer wieder sind Fragen aufgekommen nach dem Weg der Unternehmen. Warum haben sie sich auf den Weg gemacht? Was ist ihnen dabei begegnet? Und wo waren Hindernisse? Was hat sie ermutigt weiter zu gehen?

... also ist der der zweite Film eine Art Gebrauchsanweisung für neues Arbeiten?

Natürlich nicht. Wir bieten keine Blaupausen. Wer einen Konzern mit Premium Cola (Anm. d. Red.: Protagonist aus dem ersten Film) vergleicht, wird sehen, wie groß die Unterschiede sind. Aber man wird Muster erkennen. Ich vergleiche die neue Arbeitswelt immer mit einem Rafting Boat. Du setzt Dich da rein und weißt nicht, was nach der nächsten Welle kommt, geschweige denn nach der nächsten Kurve. Und das haben die Unternehmen, die wir zeigen, erkannt.

Habt Ihr im zweiten Teil eine komplett neue Auswahl von Firmen begleitet oder besucht ihr Firmen ein zweites Mal?

Wir haben zwei Unternehmen aus dem ersten Film wieder mit dabei, weil bei denen einfach sehr viel passiert ist. Dann aber auch Firmen, die wir zum ersten Mal besucht haben. Zum einen sind das bekannte Unternehmen, wie Haufe-Umantis aus der Schweiz. Die wählen unter anderem ihre Führungskräfte und Geschäftsführer selbst und wir waren die ersten, die mit der Kamera dabei waren. Dann aber auch unbekannte Firmen, die man so gar nicht auf dem Schirm hat. Auch das war uns wichtig, weil wir zeigen wollen, dass das Thema viel größer ist, und nicht nur diese zehn, fünfzehn Firmen betrifft, die immer genannt werden.

War es diesmal leichter die Firmen zu gewinnen? Mit dem Erfolg im Rücken?

Das war eigentlich kein Unterschied. Schon beim ersten Film war es eigentlich keine Hürde, die Unternehmen zu überzeugen. Die Firmen haben für sich erkannt, dass sie mit dem Thema rausgehen wollen, um zu zeigen, dass sie etwas anders machen. Sie wollen zeigen, dass es sich lohnt, in diese Richtung zu gehen.

Gab es beim Dreh öfter mal Situationen, in denen die Firmen Einschränkungen gegeben haben, was genau gedreht werden darf?

Dazu muss man wissen, wie wir vorgehen. Wir erwarten eine offene Tür und dass wir alles drehen können, was wir wollen. Natürlich hat man mal einen Mitarbeiter, der nicht vor die Kamera möchte und das ist auch okay. Wir haben uns aber keinerlei Freigabe für unser gedrehtes Material von den Unternehmen geholt. Die Unternehmen bekommen den Schnitt zwar zu sehen, aber nur um zu checken, ob rechtlich alles okay ist. Ein gutes Beispiel dafür ist adidas. Bei denen waren wir im letzten Jahr, als sie an der Farbpalette für 2021 gearbeitet haben. Die sollte dann natürlich nicht mit im Bild sein.

Seid ihr den Film mit dem gleichen Team angegangen wie beim ersten Dreh?

Das Kern-Team ist etwas kleiner geworden. Inzwischen haben wir die AUGENHÖHEworks GmbH gegründet und parallel dazu den AUGENHÖHEcommuinty e.V.. Wir sind thematisch nun breiter aufgestellt. Es entstehen flankierend immer mehr Projekte, mit denen wir kaum noch Berührung haben. Was wir großartig finden.

Also eine Art Ideen-Franchise?

Grundsätzlich könnte man das so sehen, allerdings ohne finanziellen Rückfluss. Uns geht es darum das Thema voran zu treiben. Wer diesen Gedanken teilt, kann in dieser wilden Wolke seine Projekte starten. Unter anderem wird es ein regionales Filmprojekt in Ostwestfalen Lippe geben, das wir beraten, aber das komplett alleine arbeitet und agiert.

Und das löst bei Euch keine Ängste aus? Ihr habt so viel Arbeit da reingesteckt und jetzt kann jeder seine eigenen Ideen, unter Eurem Namen in die Welt tragen, die vielleicht auch mal nicht zu Euch passen?

Immer. Und verständlich. Man muss davon überzeugt sein, dass die Menschen, die ein Thema treiben, den Geist von AUGENHÖHE teilen. Die Basis dafür ist ein positiven Menschenbild. Die „neuen“ Akteure machen das auch nach ihrem besten Wissen und Gewissen. Aber man fragt sich natürlich immer mal, wie wird das sein, wenn ein AUGENHÖHE Film in einen anderen Team entsteht. Aber wenn wir das Thema in die Breite tragen wollen, müssen wir das genau so machen.

Merkt man dem zweiten Film Eure zunehmende Professionalisierung an, was das Thema Unternehmenskultur betrifft?

Wir bekommen von den Unternehmen gespiegelt, dass wir ziemlich intensive und tiefgehende Fragen stellen, die sie so nicht gewohnt sind. Somit denke ich schon, zumal sich unser Blick auch verändert hat. Ich bin überzeugt, das merkt auch der Zuschauer des neuen Films.

Wir lange wart ihr bei den einzelnen Firmen?

Wir sind in den meisten Fällen hingefahren und haben on the block gedreht. Zwei Unternehmen haben wir auch über einen etwas längeren Zeitraum begleitet. Sonst haben wir viel nach dem Weg gefragt. Der Aufwand pro Unternehmen war ganz unterschiedlich, von zehn Drehstunden bis rauf zu fünfundzwanzig Stunden.

Das ist ja doch ein sehr großer Aufwand. Könnt Ihr Euch inzwischen über das Projekt finanzieren?

Wir finanzieren uns zum Großteil über die Projekte die wir in anderen Rollen machen. Die Nachfrageentwicklung von Anfragen rund um AUGENHÖHE nimmt aber zu.  Aktuell erreichen uns immer mehr Speaker- und Seminaranfragen. Somit spielt das eine Rolle, reicht aber nicht, um vier Leute zu finanzieren.

Du bist unter anderem auch als Equity Change Manager tätig. Wann hast Du damit angefangen?

Das mache ich seit achtzehn Jahren. Equity Change Management kümmert sich um das Thema Mitarbeiterbeteiligungen im Unternehmen. Ich war neun Jahre auf Unternehmensseite in einem Konzern und habe dort Beteiligungsprogramme für Mitarbeiter entwickelt, war dann sechs Jahre lang bei einem global arbeitenden Dienstleister, verantwortlich für Deutschland, Österreich und die Schweiz, mit Kunden im DAX Bereich. Danach habe ich mich mit Equity Change Management selbständig gemacht, weil ich gemerkt habe, das Konzernthema liegt mir nicht so. Ich war ziemlich am Ende meiner Entwicklung innerhalb des Konzerns. Ich habe direkt an den Geschäftsführer berichtet, der genau so alt war wie ich, aber andere Vorstellungen davon hatte, wie man führt. So bin ich immer stärker an die Konzerngrenzen gestoßen. An so einem Punkt kann man weiterkämpfen oder das Thema noch mal anders angehen. Und das habe ich dann mit der Gründung gemacht.

Welche Möglichkeiten haben Konzerne und auch kleine Firmen, Mitarbeiter zu beteiligen?

Die Basis für Equity Change Management war tatsächlich die Beteiligung am Unternehmenskapital. Und da gibt es eine große Palette. Bei einer AG sind das natürlich Aktien, bei Startups wird es sich eher um virtuelle Beteiligungen handeln. Also die Palette an Möglichkeiten ist breit und richtet sich dann am individuellen Unternehmen aus. Jeder hat andere Vorstellungen, was die Mitarbeiter für ein Beteiligungsangebot leisten müssen. Oder müssen sie überhaupt etwas leisten, um beteiligt zu werden? Dazu kommen weitere Thematiken wie Laufzeit und so weiter.

Kann eine rein monetäre Beteiligung der Mitarbeiter etwas an den Arbeitsprozessen ändern? Das ist ja nur eine spezifische Ebene.

Der große Vorteil an Mitarbeiterprogrammen ist, dass das Zugehörigkeitsgefühl ein ganz anderes ist. Die Schraube, die runter fällt, ist dann auch deine Schraube, egal wie gering dein Anteil am Unternehmen ist. In der neuen Arbeitswelt sollen die Mitarbeiter immer mehr Mit-Unternehmer sein, die folgerichtige Konsequenz ist dann, sie auch tatsächlich am Unternehmen zu beteiligen. Wir beobachten in ganz vielen Firmen, dass die Mitarbeiter eine Beteiligung auch einfordern. Für mich wichtig ist, dass ich Bonusthemen nicht bearbeite, da ich überzeugt bin diese helfen keinem. Das weiß jeder, der schon mal einen Bonus bekommen hat. Den rechne ich schon bei Zielvereinbarungsunterzeichnung im Kopf mit.

Wir haben viele Mitarbeiter in Unternehmen gefragt: Was war Dein schönster Moment im Unternehmen? Wenn man spontan überlegt, denkt man, da kommt jetzt eine Beförderung oder Gehaltserhöhung oder ein Bonus. Und kein Mensch hat so was gesagt.

Und was antworten die Menschen?

Das sind so zwischenmenschliche Kleinigkeiten. Was mir super in Erinnerung geblieben ist, weil es mich berührt hat, ist: „Ich hatte meinen schönsten Tag, schon bevor ich hier angefangen hab.“ Und dann zuckt man und denkt, wie geht denn das. Die Mitarbeiterin hat am Tag, bevor sie in ihrem Unternehmen angefangen hat, einen Blumenstrauß nach Hause bekommen mit einer Karte „Wir freuen uns auf sie.“ Das sind 20 Euro und das ist so einfach und hat sie nachhaltig geprägt. Sie ist ganz anders in das Unternehmen reingegangen.

Du hast gesagt, die Mitarbeiter sollen immer mehr zu Unternehmern werden. Ist das nicht auch eine Frage von Persönlichkeit? Kann überhaupt jeder solche Unternehmerkräfte freisetzen?

Definitiv nicht. Aber es passt einfach auch nicht jeder Mitarbeiter zu jeder Organisation. Das ist das eine. Es wird keine schöne heile Arbeitswelt geben und in den Unternehmen selber wird es immer Ein- und Austritte geben. Der andere Aspekt ist, dass die Organisation das auch auffangen kann, so lange der Mitarbeiter nicht gegen das System arbeitet. Wenn er in dem System arbeitet, ist das gar kein Problem. Das Team kann so etwas auffangen. Die Erfahrung habe ich selber gemacht.

Habt Ihr das Gefühl, Ihr habt mit einer Speerspitze an Unternehmen zu tun oder geht das inzwischen auch in die Breite?

Es ist immer noch ein kleiner Sektor. Aber was immer mehr Unternehmen merken ist, dass es mit den alten Strukturen nicht weitergeht. Es ist ihnen oft nicht klar, wie es anders weitergehen kann, aber die Diskussion beginnt. Auch in großen Unternehmen.

Was hat es bei den Firmen aus dem ersten Film ausgelöst, mit dem Thema so in der Öffentlichkeit zu stehen?

Erstmal haben sich die Bewerberzahlen extrem gesteigert. Das zeigt, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Sie bekommen gleichzeitig immer mehr Kontakt mit Firmen, die sich auch auf den Weg gemacht haben. Das ist besonders toll, weil dieses Vernetzen eines unserer großen Ziele ist, um zu zeigen, ihr seid nicht allein, tauscht euch aus. Das sind vielleicht die zwei Kernaspekte, aber es hat auch intern etwas mit den Unternehmen gemacht. Das hat noch mal eine Reflexionsschleife ausgelöst, über das was in den Unternehmen passiert. Wenn man im Prozess steckt, merkt man vielleicht gar nicht mehr, wie weit man ist. Und dann kommt ein Team von außen und sagt, ihr seid aber schon ganz schön innovativ. Das macht etwas mit dem Unternehmen.

Bietet ihr flankierend zu Eurem Film auch Beratung an?

Zum einen gibt es das AUGENHÖHEcamp. Das ist ein freies Format, das jeder nehmen und ausrollen kann. Das nächste findet jetzt am 5. März in Frankfurt statt. Das zweite Format das wir haben, ist das AUGENHÖHElab. Da laden wir fünfzehn UnternehmerInnen und Führungskräfte aus Unternehmen ein, die schon sehr weit sind, damit sie sich austauschen können. Der Ansatz lautet: „Pay what you think is right“. Das nächste Lab ist im Juni. Der dritte Schritt, der kommen wird ist, eine Ausbildung als AUGENHÖHEwegbegleiter, zusammen mit der sysTelios Akademie. Wir merken, dass wir Unternehmen mehr Handwerkszeug an die Hand geben müssen. Aber auch die Menschen müssen gestärkt werden. Das versuchen wir in einem Kurs zusammen zu fassen, gepaart mit Anteilen von Körpertherapie und Musiktherapie zur Selbstreflexion.

In den Unternehmen selber haben wir mehr eine begleitende Rolle. Wir sind nicht die klassischen Berater, die für acht Wochen ins Unternehmen kommen. Wir reden ja hier von einer Kulturveränderung und die funktioniert nur von innen. Das heißt, wir halten einen Spiegel vor und zeigen Wege auf. Vor allem fragen wir nach: „Wir waren jetzt vier Wochen weg. Was ist in der Zwischenzeit passiert?“ Vielleicht sogar die Frage stellen: „Braucht ihr uns überhaupt, wenn ihr an dem Thema nicht arbeitet?"

Beide Filme wurde über ein Crowdfunding finanziert. Wie waren Eure Erfahrungen damit?

Man muss dazu sagen, dass ich Crowdfunding Manager mit IHK Abschluss bin. Ich hab das also mal richtig „gelernt“. Was man zuerst dazu sagen muss: Es ist höllisch anstrengend und extrem hart verdientes Geld. Es ist halt nicht damit getan, dass man das Projekt auf irgendeine Plattform stellt und dann Geld bekommt. Wir kennen 85% unserer Unterstützer, entweder aus unserem direkten oder indirekten Netzwerk. Die Hälfte unserer Unterstützung kommt aus dem Firmenbereich. Beim Crowdfunding geht es zum einen um die Kommunikation nach außen, also darum die Community größer zu machen und zum anderen darum das fünfzehnte Mal bei Unternehmen anzurufen, die noch nicht nein gesagt haben. Das ist beim zweiten Mal ein bisschen leichter gewesen. Wobei manche auch gesagt haben: "Ihr habt doch schon ein Projekt so finanziert. Müsstet ihr nicht langsam mal auf eigenen Beinen stehen? Wollt Ihr das jetzt jedes Jahr machen?" Also auch kritische Stimmen. Damit muss man umgehen. Manchmal gehört aushalten einfach dazu.

Ich empfehle jedem ein Kommunikationskonzept zu haben. Die Wochen schon mal durchgeplant, was will ich wann kommunizieren, denn irgendwann gehen einem die Inhalte aus. Das ist völlig normal. Man kann sogar Texte vorschreiben. Dann fällt es einem leichter. Wir haben es den Unterstützern aber auch nicht einfach gemacht: Wir wollten einen Film über die Arbeitswelt machen, ihn kostenfrei zeigen und die DVD nicht verkaufen. Warum soll man in so ein Projekt investieren? Allein die Creative Common Entscheidung ... Schwierig. Aber für uns die optimale Entscheidung.

Seid Ihr euch über diesen Weg von Anfang an einig gewesen?

Absolut nicht. Mit der Entscheidung, den Film Creative Common zu stellen, haben wir uns am schwersten getan. Die Diskussion wurde getrieben von einem Münchener IT Unternehmen, das uns gefragt hat: „Euch geht es doch darum, den Film möglichst breit zu streuen. Warum stellt ihr den dann nicht Creative Common?“ Und dann sitzt Du da und denkst, eigentlich wollten wir doch die DVD verkaufen. Wir haben dann sechs Wochen diskutiert. Als die Entscheidung dann feststand, ist allen erst einmal die Kinnlade runtergeklappt, wenn es um die Finanzierung ging. So nach dem Motto, die sind total verrückt. Aber für uns war es die richtige Entscheidung. Der Dialog, den wir dadurch angeregt haben: Ungefähr 25.000 Leute haben über das Projekt AUGENHÖHE diskutiert auf den zahlreichen Veranstaltungen – das hätten wir anders nicht erreicht. ... Aber lukrativ ist diese Idee noch nicht.

Bewundernswert, dass Du diese Energie über diesen Zeitraum trotzdem aufbringst.

Ich habe meinen Lebensstandard runter geschraubt und gesagt, mir ist das wichtig. Was mich trägt, ist die Community. Es kommt ganz viel Positives zurück. Vielleicht nicht immer da, wo man es hingegeben hat, aber an ganz vielen anderen Stellen.

Vielen Dank Sven.

 

AUGENHÖHEwege Premieren gibt es am 4. März parallel in 10 Städten: http://augenhoehe-wege.de/premieren/

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Flexibilität