Ich habe eine große Leidenschaft für das, was ich tue

Unternehmen den Weg in die Zukunft weisen, das ist das erklärte Ziel der Innovationsagentur Dark Horse. 30 Absolventen der HPI School of Design Thinking haben die Agentur gegründet. Einer von ihnen ist Christian Beinke. Er hat uns erklärt, was genau Design Thinking eigentlich ist und was Maschinenbau mit Innovationsberatung zu tun hat.

06.01.2016 • Anja Dehghan 

Dark Horse führt die Revolution an, heißt es auf eurer Website. Was macht ihr denn genau?

Die Digitalisierung ändert nicht nur die Art und Weise, wie wir Produkte und Services verstehen, sondern auch, wie wir miteinander arbeiten und agieren. Dies schließt dann natürlich auch die Methoden und Arbeitsweisen ein, die für die Produktentwicklung benutzt werden. Wir leben das selber sehr radikal.

Unsere Aufgabe sehen wir aber eigentlich darin, Unternehmen dabei zu unterstützen, Produkte und Services zu entwickeln oder weiterzuentwickeln. Drum herum ist in den letzten Jahren noch etwas entstanden - denn die Unternehmen hatten mehr und mehr Interesse daran, zu verstehen, wie wir das machen. Also haben wir angefangen die Methoden, mit denen wir arbeiten, in die Unternehmen zu tragen. Dies betrifft natürlich nicht nur die reinen Arbeitsmethoden wie z.B. des Design Thinkings oder Lean Startups, sondern auch die komplette Auffassung, wie Probleme gefunden und adressiert werden sollten. Relativ schnell ist uns bewusst geworden, dass wir da auch ganz klar in die Strukturen, Prozesse und kulturellen Gegebenheiten eines Unternehmens eingreifen. Und was sind das so für Unternehmen? Das ist ganz unterschiedlich. Wir arbeiten viel mit DAX30 Konzernen, aber auch mit NGOs, Universitäten, Mittelständlern oder der Verwaltung haben wir schon Projekte gemacht. Als Methodenexperten profitieren wir natürlich von der Unterschiedlichkeit der verschiedenen Branchen und können immer wieder interessante Verknüpfungen ziehen oder Übertragungen anregen. Bezüglich der Organisationsentwicklung und der digitalen Revolution sind eine Menge Unternehmen gedanklich schon recht weit, zumindest in Teilbereichen. Der Mut konsequent zu sein und sich nachhaltig zu verändern, fehlt allerdings manchmal, denn innerhalb einer Übergangsphase verliert man natürlich auch immer einige seiner Stärken. Wichtig ist es daher nicht in irgendeinem seltsamen Zwischenstadium feststecken zu bleiben, dass einem weder die Vorteile der alten Strukturen noch das Potential der neuen Strukturen bietet. Glücklicherweise gibt es intern immer wieder Front Runner, die ganz viel Know How haben und genau wissen, was sie verändern wollen. Die sind natürlich häufig ganz allein auf weiter Flur. Die werden dann Promoter für uns in ihrem eigenen Unternehmen. Für uns ist es toll, in den Unternehmen Leute zu identifizieren, mit denen wir Lust haben zu arbeiten. Da kommen zwei Dinge zusammen: Solche Menschen wollen ja nicht nur einfach für ihr Unternehmen arbeiten, sondern die wollen Spaß haben und auch was bewegen.

Du hast ja eigentlich Maschinenbau studiert. Hat das irgendwas mit dem zu tun, was du jetzt machst?

Das hat tatsächlich was miteinander zu tun. Es gibt im Maschinenbau einen Fachbereich, den die meisten Maschinenbauingenieure ganz schrecklich finden, da geht es um die methodische Herangehensweise und zwar in erster Linie darum, wie man konstruiert. Dieser Konstruktionsbereich ist schwer zu formalisieren: Man kann schwer genau vorgeben, wie etwas zu konstruieren ist, weil extrem viele Interdependenzen zwischen unterschiedlichen Bauteilen bestehen. Sehr viele konzeptionelle Entscheidungen, die man am Anfang trifft haben daher Riesenauswirkungen. Wie fertige ich, wie greifen Teile ineinander? Das hat natürlich auch immer Auswirkungen auf die Kosten. Dadurch ist im Maschinenbau ein Forschungsbereich entstanden, der sich damit beschäftigt, wie man methodisch vorgeht um im Vorfeld bessere Entscheidungen treffen zu können. Und einer meiner damaligen Dozenten hat mich dann auf Design Thinking als neue Innovationsmethodik aufmerksam gemacht und mich dazu bewegt, diese in einer Studienarbeit in die Konstruktionsmethodik einzuordnen. Während meines Design Thinking Studiums am Hasso Plattner Institut habe ich dann den Rest meiner Partner und Mitgründer von Dark Horse kennengelernt.

Das sind allerdings keine Maschinenbauingenieure.

Wir kommen alle aus sehr unterschiedlichen Bereichen. Und das ist es, was wir letztendlich auch verkaufen. Wir versuchen Probleme aus anderen Blickwinkeln zu begreifen. Das unterstützen wir durch die Methoden, die wir gelernt haben und natürlich durch unsere eigenen persönlichen Paradigmen, die wir mitbringen, und können so ein Problem holistisch erfassen.

Eines der Prinzipien von Dark Horse lautet: Keine Hierarchien und eine einzigartige Unternehmenskultur. Wodurch zeichnet sich die aus?

Als ich angefangen habe Design Thinking zu studieren, war ich relativ schnell ernüchtert, weil ich dachte, methodisch gesehen ist das ja alles andere als neu. Und alles andere als wirklich aufregend. Mit der Zeit habe ich begriffen, dass es um etwas ganz anderes geht. Dass eigentlich Design Thinking ein Tool für uns war, um für uns als interdisziplinäres Team eine gemeinsame Arbeitskultur zu finden, die es uns ermöglicht hat gute Ergebnisse abzuliefern. Und dazu gehört natürlich auch ein kultureller Kontext. Das ist nur möglich, wenn gewisse Werte gelten, wenn das Team sich auf ein gemeinsames Setting verständigt, ein gemeinsames Mindset hat. Und diese Kultur wollten wir in unser Unternehmen transportieren. Wir haben relativ schnell gemerkt, dass klassische Unternehmensstrukturen dieses Mindset zerstören. Also haben wir uns gefragt, wie müsste eigentlich die Struktur eines Unternehmens sein, die uns diese Kultur der Zusammenarbeit ermöglicht. Und ein wichtiger Punkt ist unter anderem, keine formalen Hierarchien zu haben. Jeder wird ermutigt, sich jederzeit bestmöglich zu entfalten.

Wie werden in so einem Umfeld Entscheidungen gefällt?

Es gibt ja immer jemanden, der bestimmte Entscheidungen will. Das ist automatisch jemand, der sich verantwortlich dafür fühlt, dass es eine Entscheidung gibt. Und derjenige weiß ja dann auch schon, wie die idealtypische Entscheidung aussehen wird. So eine Entscheidungsfindung kann man entweder allein oder im Team entwickeln. Und jetzt bin ich natürlich im Kontext des Unternehmens eingebunden, das heißt, ich kann Entscheidungen gar nicht alleine treffen, sondern muss schauen, wen ich eigentlich mit dieser Entscheidung tangiere. Das heißt, wer ist betroffen? Und dann bin ich quasi verpflichtet, diese Menschen mit einzubeziehen in meinen Entscheidungsprozess, sprich ihn zu konzipieren. Aber es ist eben nicht so, dass wir in einer großen Gruppe diskutieren. Da missversteht man sich ja bloß. Es geht immer darum konkrete Entscheidungen vorzustellen, die auch in ihrer Gänze verstanden werden. Und dann kann man ein Veto einlegen. Das heißt ich bin jederzeit in der Lage eine Entscheidung, die das Unternehmen betrifft, zu stoppen.

Kannst du in drei Sätzen erklären, was Design Thinking ist?

Wenn du dreißig Leute fragst, würdest du wahrscheinlich fünfzig verschiedene Antworten bekommen. Ich gebe dir jetzt mal eine, die ich für mich ganz passend finde. Für mich ist Design Thinking eine Sammlung an Best Practices, wie gute konzeptionelle Arbeit funktioniert.

Was gefällt dir an deinem Job?

Ich habe eine große Leidenschaft für das, was ich tue. Und ich kann alles selber gestalten, das ist eine wahnsinnig komfortable Situation. Ich bin in der Lage das Unternehmen mitzugestalten, ich bin in der Lage meine Kundeninteraktion zu gestalten, ich kann dort bei meinen Kunden Dinge gestalten. Das ist etwas, wofür ich sehr dankbar bin.

Ihr beschäftigt euch ja sehr viel mit der Zukunft. Was denkst du, wie wir in zehn Jahren arbeiten werden? Wird das ganz anders sein als heute?

Ich glaube tatsächlich nicht. Ich denke nur die Prozentanteile, wie Menschen arbeiten, verschieben sich. Es wird deutlich mehr Menschen geben, die so arbeiten wie wir. Davon gibt es ja heute schon viele, aber prozentual auf die Gesamtbevölkerung gesehen ist das immer noch ein sehr geringer Anteil. Und das wird zunehmen. Nichtsdestotrotz denke ich, dass es alle anderen Arbeitsverhältnisse auch geben wird. Es gibt ja auch heute noch sehr altbackene Organisationen, wie z.B. die Kirche oder das Militär, von denen man denkt, die sind irgendwie aus der Zeit gefallen. Die funktionieren noch nach ganz anderen inneren Paradigmen und haben trotzdem immer noch ihren Platz.

Über ihre Arbeit haben die Gründer von Dark Horse auch ein Buch geschrieben. Das gibt es hier: Thank God It's Monday

Vielen Dank, Christian!

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Auf Augenhöhe