Das Sankt Oberholz macht die Leute ganz wuschig

Es gilt als die Wiege des Co-Workings in Berlin. Und tatsächlich gehört das Café Sankt Oberholz am Rosenthaler Platz in Berlin zu den ersten, die Gastronomie und Coworking miteinander verbunden haben. Gemeinsam mit Ansgar Oberholz hat Tobias Schwarz nun das Institut für neue Arbeit gegründet. Er ist der Co-Working Manager und versteht es, Unternehmen an neues Arbeiten heranzuführen. Wir haben uns mit ihm getroffen und erfahren, warum nicht jedes Unternehmen in den Cowoking Space kommt.

07.11.2016 • Anja Dehghan & Maria Gerono

Was ist das Ziel des Instituts für Neue Arbeit?

Das Institut für Neue Arbeit nimmt eine beobachtende und auch beratende Position des Wandels der Arbeit ein. Das Blog auf unserer Webseite stellt deshalb auch die Startseite dar. Sowohl die Mitglieder des Instituts für Neue Arbeit selbst, als auch Gastautoren, schreiben hier über ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Wandel der Arbeitswelt. Da geht es um Themen, wie „Wie organisiert man eigentlich eine Bahnfahrt mit dem Smartphone und bekommt die Kalendersynchronisierung hin?“ oder darum, welche Tools man täglich bei der Arbeit nutzt.

Das sind alles Themen, die einem selbst eigentlich selbstverständlich erscheinen. Aber beispielsweise Cloudworking ist noch unwahrscheinlich jung und gerade in der Geschäftswelt in weiten Teilen noch nicht angekommen. Ich habe zum Beispiel kürzlich einen Artikel dazu veröffentlicht, wie man Trello am besten nutzt. Das ist jetzt nicht der coole Artikel, der in der Wired erscheinen würde, aber er trifft den Nerv der Corporates, die ich fast jeden Tag im St. Oberholz zu Besuch habe, denn für die sind Trello oder andere Tools zum Projektmanagement oft noch unbekannt.

Was passiert neben dem Blog?

Das Institut für Neue Arbeit hat gerade zwei Projekte in Vorbereitung. Das eine nennt sich „Design Discourse“. Hierbei entwickeln wir eine Methode, mit der man Unternehmen analysieren und gleichzeitig auch verändern kann. Dazu sprechen wir gerade mit interessierten Corporates, die das einmal mit uns wagen wollen. Das zweite Projekt nennt sich „Office Design Berlin“ und ist eine Antwort darauf, dass wir sehr viel Zeit damit verbringen, anderen Unternehmen zu zeigen, wie hier gearbeitet wird. Wir nennen das Corporate Tourism, denn uns besuchen fast täglich Corporates mit bis zu 25 Besuchern, die sich ein Coworking Space anschauen und es verstehen wollen.

Ich könnte die ganze Zeit Führungen durch die beiden Coworking Spaces des St. Oberholz machen, aber für uns ist das Prinzip „Community first“ am wichtigsten und ich muss aufpassen, dass ich nicht den ganzen Tag Unternehmen wie durch einen Streichelzoo führe und sage „Bitte nicht die Freelancer füttern!“. Unsere Member sind ja im St. Oberholz, um fokussiert zu arbeiten. Und die Unternehmen wünschen sich meistens nicht nur das St. Oberholz zu sehen, sondern gleich noch mehr mitzunehmen. Viele kommen von woanders und denen bieten wir dann mit „Office Design Berlin“ zusätzlichen Input. Es wird so was wie ein Reiseprogramm für Unternehmen, die an verschiedenen Bürodesigns und Arbeitsmethoden interessiert sind.

Woher kommen die Unternehmen?

Wir haben weltweit Interessenten: Universitäten von der arabischen Halbinsel oder aus den USA, Firmen aus St. Petersburg, San Francisco und Tokio, sowie an Coworking Spaces interessierte Menschen aus Belgien, Dänemark oder Israel. Im St. Oberholz kann man die ganze Welt treffen. Am meisten sind es aber im Moment Immobilienfirmen. Danach kommen interessanterweise schon Bibliotheken und Bildungseinrichtungen.

Wie verhält sich das Institut für Neue Arbeit zum St. Oberholz?

Im Moment sind es Ansgar Oberholz und ich. Aber jeder von uns hat ein Netzwerk von Leuten, die andere Fähigkeiten haben. Das St. Oberholz hat räumlich aber auch philosophisch einen sehr spannenden Effekt. Es macht die Leute ganz wuschig. Die wollen, nachdem sie hier waren, keinen Stein mehr auf dem anderen lassen. Und daraus resultierte die Idee, so eine Beratung anzubieten. Da wir nicht über alles Wissen selber verfügen, entstand die Idee das Ganze mit agilen Teams umzusetzen, die das Knowhow haben, und als Einzelpersonen wahrscheinlich nicht an solche Jobs gekommen wären.  Mit zurzeit sieben Freunden aus unserem Netzwerk bilden wir agile Teams, je nach Anforderung, um so dem Bedürfnis nach Beratung, das von allen Seiten an uns herangetragen wird, zu begegnen. Das Team ist immer weiter gewachsen und in Kürze steht die Ausgründung aus dem St. Oberholz an.

Welche Leistungen werden da bei euch angefragt?

Das fängt an mit Anfragen, wie „Hey, ich möchte einen Coworking Space aufmachen.“ aus der Immobilienwirtschaft. Oder „Ich würde gern das St. Oberholz in Leipzig eröffnen.“ Und dann muss man diesen Hybrid aus Gastro und Coworking erklären. Dieser Ort ist immer noch ein Café und Coworking kommt auch aus der Kaffeehauskultur – aber das was du hier siehst, wirst du nicht woanders einfach so hinstellen können.

Es kommen zum Beispiel auch Unternehmen mit der Frage, was ein Startup ist. Und da Marken einfacher mit anderen Marken kommunizieren können, wird eben das St. Oberholz auf solche Dinge angesprochen und nicht ein Startup oder ein Freelancer. Und während wir dann durchs Haus führen um zu zeigen, wer hier arbeitet, sagt man so Dinge wie, „die chatten mit Slack“ oder „die machen ihr Projektmanagement mit Trello oder mit Asana“. Daraus ergeben sich dann Workshops, zum Beispiel zum Thema: „Was ist Trello?“ Oder man kann einen PR-Workshop machen um Peer Recruting vorzustellen.

Welche St. Oberholz Elemente kann man denn überhaupt in Unternehmen integrieren?

Ein gutes Coworking Space ist nicht zu kopieren, weil es authentisch ist. Deshalb würden wir auch nie ein Coworking Space ohne angeschlossenes Café machen. Kaffee ist unglaublich wichtig für einen Coworking Space. Du hast einerseits einen Ort zum Treffen, der nicht die Teeküche oder Lobbyraum ist, sondern das coole Café. Außerdem hat Koffein einen unglaublichen Einfluss auf die Arbeitswelt. Und so was kann man alles nicht lernen. Kein großes Unternehmen kann einfach sagen, wir machen jetzt einen Coworking-Bereich und dann entsteht so etwas wie das St. Oberholz. Das funktioniert nicht.

Ein Grund, warum Coworking auch in großen Räumen funktioniert, ist, dass jeder was anderes macht. Die Leute müssen nicht miteinander reden. Je voller es ist, also je größer der Raum, umso leiser wird es. Weil dann die soziale Norm eintritt. Das kann man aber zum Beispiel in einer Zeitungsredaktion nicht machen, weil die Leute da miteinander reden müssen. Das lässt sich also nicht so einfach übertragen. Was man aber vermitteln kann, ist die Einstellung. Coworking ist von Heterotopie geprägt, ein Begriff, den der Philosoph Focault verwendet hat. Ich stelle immer gern den Vergleich an zu einem Schiff, das den Hafen verlässt, also die Gesellschaft, und aufs Meer ausläuft. Da können dann andere Regeln, Utopien ausprobiert werden. Das bedeutet, das St. Oberholz versucht als Raum ein Ort zu sein, an dem andere Regeln ausprobiert werden können. Abseits unserer Alltagsregeln. An dem man Sachen mal anders macht.

Sehr gelegen kommt uns, dass Coworking ein unregulierter Raum ist. Die Verwaltung zum Beispiel sieht uns nicht, weil sie keine Kategorie für uns hat. Sie kann uns nicht einordnen, also lässt sie uns in Ruhe. Die Arbeitsstättenverordnung gilt nicht im Coworking Space. Das heißt, wir können mit Tischen und Stühlen experimentieren , was sich kein klassisches Unternehmen trauen dürfte. Hier können wir ganz anders sein: mit Teams experimentieren, Leute zusammenbringen, die sich nie treffen würden. Es gilt das schöne Prinzip, der Serendipität. Das lässt sich nicht gut übersetzen, aber man kann es so beschreiben: es ist etwas, das ich finde, obwohl ich nicht danach gesucht habe. Das hat aber nichts mit glücklichem Zufall zu tun, sondern ist quasi mein täglich Brot: einen Raum zu schaffen, an dem es überhaupt zu solchen Effekten kommen kann. An dem Leute sich kennenlernen und erst mal keinen Anlass haben, miteinander zu reden, denn jeder hat seinen Job. Also muss man einen Raum schaffen, in dem Leute sich wohlfühlen, und dann reden sie miteinander. Und das macht Coworking aus: Es geht um einen Zugang zur Community.

Ich würde nie sagen, dass ich Arbeitsplätze vermiete, mir ist völlig egal, was die Leute hier machen, und wenn sie drei Tage Netflix schauen. Aber wenn sie am vierten Tag mit jemandem ins Gespräch kommen und eine Idee entwickeln, ihr Geschäft zu verändern, einen neuen Impuls finden, dann hat das einen Mehrwert.

Wer kommt zu euch?

Das ist im St. Oberholz am ehesten die internationale Community aus der Nachbarschaft. Coworker wollen statistisch gesehen, ihren Coworking Space innerhalb von 20 Fußminuten erreichen. In erste Linie kommen also die Leute zu uns, die hier wohnen. Aufgrund der höheren Mieten hier in Mitte und Prenzlauer Berg sind das nicht mehr die klassischen Berliner. Die sind weggezogen und dafür sind die Expats eingezogen aus Stockholm, London, San Francisco, Sidney. Der Vorteil für uns ist, das sind alles Kulturregionen, in denen Coworking wesentlich verbreiteter ist. Das heißt, wir müssen keine Übersetzungsleistung erbringen. Gingen wir jetzt nach Köpenick, sähe das ganz anders aus. Lange Zeit kamen nur Freelancer. Seit zwei Jahren beobachten wir einen Shift und es kommen auch immer mehr Angestellte aus Unternehmen.  Zu uns kommen Leute, die Zugang zur internationalen Community suchen und zum Beispiel unseren 24/7 Service brauchen, weil sie vielleicht ihre Arbeitgeber in anderen Zeitzonen haben.

Und setzt ihr den 24/7 Service auch personell um oder hat einfach jeder einen Schlüssel?

Es bekommt jeder einen Schlüssel. Ich habe eigentlich kaum etwas zu tun mit Verwaltungs- und Routineaufgaben. Das funktioniert gut. Es gibt eine Wertschätzung. Man klaut nicht innerhalb der Community, es gibt keinen Vandalismus, es gibt aber eine sehr freie, kreative Nutzung. Ich hab schon erlebt, dass ich am Montagmorgen in den  Space komme und die Tische stehen alle ganz komisch. Ich weiß dann nicht, was hier passiert ist. Ab und zu sehe ich es auf Instagram.

Ich bin letztes Jahr für zwei Monate durch Europa gereist und hab jeden Tag in einem anderen Coworking Space gearbeitet und hab die Leute nach so was gefragt. Und alle haben mir erzählt, dass sie dieses Vandalismus Problem oder Diebstahl, also eine Ausnutzung von Freiheiten, nicht kennen.

Wie bindend ist denn die Community?

Nicht jeder engagiert sich in der Community. Manche wollen das auch einfach nicht und machen hier ihren nine to five Job um nicht in Hannover leben zu müssen, und haben auch keinen Bock abends noch ein Bier mit den anderen zu trinken. Das muss auch okay sein.

Also Community, so wichtig sie ist, und so gut sie auch funktionieren kann, das ist kein Zwang. Man muss auch die Freiheit haben, nicht Mitglied einer Gemeinschaft sein zu wollen. So jemand nutzt Coworking in einer Art, wie ich es nicht praktisch finde, als Bürofläche. Aber das ist auch okay. Solange das nicht die Mehrheit ist, funktioniert das.

Kommen auch große Unternehmen zu euch, die mal ein paar Mitarbeiter bei euch platzieren wollen, damit ihnen etwas frischer Wind um die Nase weht?

Sehr viele sogar. Versicherungen, Banken, Retail, es ist eigentlich alles dabei. Coworking verändert sich stark und wir müssen sehen, wohin es geht. Das St. Oberholz hat dafür eine sehr gute Ausgangslage: wir sind eine starke Marke und wir haben wenig Platz. Wir können also auch gewisse Bedingungen stellen. Wenn also Unternehmen zu uns wollen, müssen sie wirklich etwas verändern wollen und nicht nur eine Schicht Neue Arbeit über ihren alten Bullshit legen.

Corporates denken auch ganz anders als Startups. Die mieten dann gleich für ein bis fünf Jahre im Vergleich zu einem Startup, das nach durchschnittlich vier Monaten entweder weiterzieht, weil es sich vergrößert oder aufgibt. Und das macht auch einen Großteil der Viralität aus. Unternehmen erhoffen sich ja auch bestimmte Dinge von so einem Space. Das drückt sich auch schon im Namen für solche Orte aus: Innovation Lab oder Business Development Circle. Da entsteht dann manchmal auch wirklich was. Die BVG hat ihr Innovationslab ins St. Oberholz verlagert und entstanden ist eine App für Radtouren von Endstation zu Endstation. Find ich super!

In einem Coworking Space bekommt man Kontakt zu anderen Denkweisen, losgelöst von der eigenen Ausbildung und Erfahrung. So kommt es zu einem Impuls. Ein großer Kosmetikkonzern hat zum Beispiel drei Plätze im offenen Bereich angemietet. Die haben kein Büro in Berlin sondern nur den Platz bei uns.

Wie verhindert man denn, dass Sich zum Beispiel drei Angestellte einer Bank hier einmieten und einfach dasselbe machen, was sie im Büro vorher gemacht haben?

Das findet sich im Gespräch. Wenn ich mit den Leuten rede und ihnen erzähle, was ich alles mit ihnen vorhabe, bekommen sie entweder Angst und sagen ab. Oder es sind die Raumvorstellungen, die sich schon ausschließen, wenn zum Beispiel VW mit 30 Leuten kommt und 300 qm anmieten möchte, und wir ihnen 30 qm anbieten.

Wer in den Open Space reingeht, der kann nicht dasselbe machen, wie vorher. Das geht gar nicht. Für Unternehmen, denen es nur darum geht, cool zu spielen, die sich aber nicht wirklich verändern wollen, für den sind Serviced Offices das Richtige. Da muss man nichts machen. Aber bei uns muss man was machen. Ich stehe dann zum Beispiel bei dem Unternehmen und sage: „Lasst doch mal die Tür offen. Das ist doch hier kein Büro. Quatscht doch mal mit den Leuten. Erzählt doch mal den anderen, was ihr macht. Lasst uns doch mal ein Event machen, bei dem ihr euch präsentiert.“ Aber die Tür offen zu lassen, ist immer erst mal am schwierigsten.

Danke Tobias!

 

Foto: Carolin Saage

 

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Flexibilität

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