Die Digitalisierung macht Unternehmen orientierungslos

Die Digitalisierung stellt kleine wie große Unternehmen vor riesige Herausforderungen. Sie müssen nicht nur ihre Prozesse automatisieren und digitalisieren, sondern ganze Geschäftsfelder neu überdenken und Unternehmensstrukturen innovieren. Das Kompetenzzentrum Mittelstand Berlin will mittelständischen Unternehmen als Lotse zur Seite stehen. Leiterin Alexandra Horn hat uns dazu ein paar Fragen beantwortet.

07.12. 2017 • Maria Gerono

Was ist das Kompetenzzentrum Mittelstand Berlin?

Das Kompetenzzentrum Mittelstand ist ein vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördertes Projekt für kleine und mittlere Unternehmen.  Neben uns gibt es aktuell noch siebzehn weitere Kompetenzzentren in Deutschland, die alle unterschiedliche Schwerpunkte haben. In Berlin sind das: digitales Marketing, digitales Personalmanagement, digitale Geschäftsmodelle und Industrie 4.0.

Wir bieten den Unternehmen Informationen über Möglichkeiten, die Digitalisierung bietet. Dazu gehören unter anderem Filme oder Newsletter, analog und digital, die wir über alle Kanäle verbreiten, die uns zur Verfügung stehen. Aber auch Trainings und Workshops, um Mitarbeiter mit neuen Ideen zurück in ihr Unternehmen zu schicken. Und zu guter Letzt Umsetzungsprojekte direkt in den Unternehmen. All diese Angebote für die Unternehmen werden gefördert.

Was wäre so ein beispielhaftes Problem, mit dem ein Unternehmen zu Ihnen kommt?

Bei unseren Evaluierungen merken wir immer wieder, dass ein Thema für viele Unternehmen im Zentrum steht und das ist das Thema Marketing. Wenn man genauer nachfragt, zeigt sich, dass es den Unternehmen eigentlich darum geht, Fachkräfte zu suchen. Das digitale Marketing dient also in erster Linie dem digitalen Recruiting. Das größte Problem dieser Unternehmen ist der Fachkräftemangel.

Viele Anfragen zeigen aber auch, dass kleine und mittlere Unternehmen zwar Interesse an Digitalisierung haben, aber noch orientierungslos sind.  Die Unternehmen wissen zwar, dass sie irgendwas machen müssen, aber nicht was. Wir sind an der Stelle neutraler Intermediär und zeigen, welche Möglichkeiten es gibt.

Und wie würden sie so ein Unternehmen, das zu Ihnen kommt, unterstützen?

Zum einen arbeiten wir mit Erfolgsgeschichten, die Mut machen und die man nachahmen kann. Wir bieten neutrale unabhängige Unterstützung an, nicht im Sinne von Beratung, sondern einen Schritt davor. Meistens beginnt man mit einer Prozessoptimierung und schaut erstmal, wie das Unternehmen effizienter arbeiten kann, zum Beispiel, in dem es sein Recruiting innoviert. Aber eigentlich wollen wir, dass der Unternehmer am Ende mit einer neuen digitalen Geschäftsidee rausgeht.

Wir waren beispielsweise bei einem Cloud Anbieter und haben dort ein Schnellläufer-Projekt gemacht. Es ging darum, dass viele mittelständische Unternehmen noch enorme Vorbehalte gegen Datenspeicherungen in Clouds haben, obwohl ihnen grundsätzlich bewusst ist, dass die Entwicklung dahin geht. Seine Idee war, gemeinsam mit uns, das Dashboards seines Produkts zu überarbeiten. Am Ende stand dann aber etwas ganz anderes, nämlich die Ausgründung eines Start Ups, das sich ausschließlich mit Services rund um das Thema Cloud-Computing befasst. Die Erkenntnis in diesem Prozess war, dass das Vertrauen am besten durch einen individuellen Beratungsprozess aufgebaut werden kann und nicht durch eine Verbesserung des Dashboards.

Gibt es branchenspezifische Unterschiede?

Wir sprechen ja immer über die Digitalisierung, aber jeder hat etwas anderes im Kopf. Der Maschinenproduzent denkt an die vernetzten Maschinen, der Dienstleister an neue Geschäftsmodelle ... Aus unserer Sicht sind vernetzte Maschinen kein neues Thema. Die gibt es im Prinzip schon länger. Lediglich Ausmaß und Qualität sind immer weiter gestiegen. Die wirklichen Herausforderungen liegen in der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Deutschland ist eine Tüftler-Nation, aber ganz oft werden Ideen im Kämmerlein entwickelt, ohne zu fragen „Wer braucht das?“ Wir schauen im Kompetenzzentrum immer, „Was braucht der Mensch?“ und „Was bietet der Markt dafür?“ und wenn man das weiß, dann kann man anfangen eine Lösung entwickeln, ganz eng am Menschen und am Markt, indem man immer wieder zyklisch testet. Im Silicon Valley arbeitet man erfolgreich so. Das ist natürlich ein ganz andere Denke und die muss erstmal hier in Deutschland ankommen. Dass man mal „menschenbegeistert“ statt „technikbegeistert“ arbeitet.

Wie verändern sich dadurch die Anforderungen an die (Fähigkeiten der) Mitarbeiter?

Alle Tätigkeiten, die sich oft wiederholen - zum Beispiel Belege scannen in der Buchhaltung - werden irgendwann automatisiert und durch Algorithmen übernommen werden. Das ist auch die große Angst, die über dem Thema Digitalisierung steht. Was machen dann all die Menschen, die jetzt diese Tätigkeiten ausüben? Ich glaube, die Fähigkeiten, die wir in der Digitalisierung brauchen, sind die, die nur Menschen haben. Eigenschaften wie Kreativität und Empathie werden die Jobs der Zukunft beherrschen. Nehmen wir als Beispiel die Pflegekraft, die aktuell ständig irgendwelche Daten eintragen muss. Wenn man diesen Bereich automatisieren kann, wird die Pflegekraft auch wieder mehr Zeit für den Menschen haben. Dafür wird sich natürlich auch im Bildungssystem einiges ändern müssen. Führungskräfte werden vor allem lernen müssen mit Transparenz umzugehen. Wenn viele Daten für alle einsehbar sind, und meine Mitarbeiter sehen, auf welcher Datenbasis ich meine Entscheidungen treffe, dann bin ich viel angreifbarer.

Ist Digitalisierung also zwangsläufig mit Kulturwandel verknüpft?

Ja, absolut. Und das ist vielleicht sogar der größte Knackpunkt. Wir haben eine prosperierende Wirtschaft. Die Auftragsbücher der Mittelständler sind voll. Aber es fehlt an Personal, um die große Zahl der Anfragen abzuarbeiten. Aber das ist eine Momentaufnahme, die sich auch schnell wieder verändern kann. Und dann wird es umso wichtiger, auf die Kundenbedürfnisse zu hören. Das merken auch wir ganz oft, wenn wir mit Dienstleistern zusammenarbeiten. Ich habe Problem A und die kommen mit Lösung B. Und dann habe ich am Ende das falsche Problem für die richtige Lösung. Wir haben keine gelebte Dienstleistermentalität. Die Sprache ist nicht kundenfreundlich. Das Angebot ist nicht kundenfreundlich. Wir stellen allerdings auch fest, dass die Unternehmen beginnen sich kulturell zu verändern und sich solchen Themen zu öffnen.

Expertentum im Bereich Digitalisierung ist vielfältig und undefiniert. Was haben Sie als Team für einen Hintergrund?

Ich bin Sprachwissenschaftlerin und Historikerin. In unserem Team hier vor Ort gibt es viele Medienwissenschaftler, Geisteswissenschaftler, etc. Wir verstehen unsere Mittelständler und können gut miteinander kommunizieren. Für die Unternehmen müssen wir vor allem Komplexität reduzieren. Sprache ist das A und O. Sicher gibt es wahnsinnig viele Studien zum Thema Digitalisierung, die liest aber kein Mittelständler. Für die ist es wichtig, die Essenz einer 100 Seiten langen Studie auf zwei Din A5 Seiten runtergebrochen zu bekommen. Wir leisten also wahnsinnig viel „Übersetzungsarbeit“. Wir sind ein Team von zwanzig Experten, darunter auch Fachleute vom HPI und von der TH Brandenburg. Wahrscheinlich ist der Mix das Geheimrezept.

Vielen Dank Frau Horn!

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Mit Perspektive