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Der Holzmarkt: Schlaraffenland am Spreeufer

Auf dem ehemaligen Gelände der Bar 25 am Berliner Spreeufer entsteht eine Utopie. Dort, wo vor ein paar Jahren noch selbst gezimmerte Bretterbuden Partygäste aus aller Welt anlockten, soll nun etwas viel Größeres wachsen. Auf einer Fläche von 6000 Quadratmetern entwickelt sich in kleinen Schritten der Holzmarkt, ein richtiges Dorf mit Restaurant, Kindergarten und allem was dazu gehört. Und dazu gehört auch das Eckwerk, ein Lebens-, Arbeits- und Innovationsraum aus Holz, mit Fischzucht und Gemüseanbau auf dem Dach. Wir haben Johannes Husten, der das Projekt mitentwickelt, auf der Baustelle getroffen. Hier gibt es neben Bauarbeitern schon Hühner, Mixgetränke und Schaukeln mit Blick auf die Spree.

20.07.2016 • Maria Gerono & Anja Dehghan

Was ist das Eckwerk genau?

Das Eckwerk wird ein Wohn- und Arbeitsgebäude, das aus insgesamt fünf Türmen besteht. Der höchste hat zwölf Stockwerke. Es wird insgesamt ca 500 Einheiten geben, die aber nicht klar als Wohn- oder Arbeitsräume definiert sind. Die Einheiten können ohne viel Aufwand von Wohneinheiten zu Arbeitseinheiten umgewandelt werden. außerdem wird es es Läden und Veranstaltungsräume geben, Ateliers, Werkstätten, Konzerträume und auch einen Supermarkt - also einen Deli, keine Kette. Whiskeybar, Tanzstudio, Hacker Space... Da sind total viele Sachen geplant.

Ein bepflanzter Wanderweg zieht sich durch alle Gebäudeteile. Damit wollen wir Schnittstellen schaffen. Der Weg ist modular und lässt sich ja nach Bedarf verkleinern oder vergrößern. Man kann Teile schließen für Veranstaltungen und um Interaktionen zu schaffen. Und die Wege auch immer mal wieder ändern.

Wer soll ins Eckwerk einziehen?

Es soll eine gute Mischung entstehen aus Labs von alteingesessenen Firmen, Start Ups und Studenten, quer durch alle Branchen. Wichtig ist, dass das ganze kleinteilig bleibt und nicht durch einige große Firmen dominiert wird. Von großen Konzernen kamen schon Anfragen, ganze Etagen zu mieten, aber das gibt’s nicht. Wir beschränken jede Einheit auf 200qm. Auch zeitlich soll die Mietdauer befristet sein. Nach 900 Tagen müssen die Mieter raus. So soll Bewegung drin bleiben. Wer auszieht, bildet einen neuen Knoten im Netzwerk.

Was macht das Arbeiten und Leben im Eckwerk so besonders?

Der individuelle Privatbereich wird auf ein notwendiges Minimum beschränkt, damit die Vorteile gemeinschaftlicher Nutzung von Infrastruktur wie Waschmaschinen, Fernsehern und Küchen maximal zur Geltung kommen. Die Mieteinnahmen sollen Kosten decken, nicht Gewinne maximieren. Grundsätzlich wollen wir keine Quadratmeterpreise verlangen. Stattdessen zahlen Mieter eine Pauschale, in der Strom, Wäscherei, Arbeiten, Leben etc. enthalten sind. Ziel ist es, alles möglichst günstig zur Verfügung zu stellen um Technologien zu fördern und Start Ups eine Chance zu geben. Mit dem, was große Firmen mehr für die Miete bezahlen, können wir Kreativen unter die Arme greifen, die nicht ausreichend finanzielle Möglichkeiten haben.

Natürlich gibt es auch kommerzielle Interessen. Das Restaurant, der Club, das Hotel, die sollen auf jeden Fall Geld bringen. Der Gewinn soll allerdings sofort wieder reinvestiert werden. Und wenn wir irgendwann ein Plus erwirtschaften, soll das die Mieten senken. Wir wollen ja hier bezahlbaren Wohnraum schaffen.

Teil des Konzepts ist auch eine Art Studentenwohnheim?

Nicht wirklich. Man braucht keine Immatrikulationsbescheinigung, aber man braucht eine tolle Idee oder irgendetwas, das man anbieten kann. Es wird ein Komitee geben, dass entscheidet, wer dazu passt und wer nicht. Wir wollen keine reichen Studenten, die sich hier ihren schicken Zweitwohnsitz anmelden. Wir wollen zeigen, dass man Arbeiten und Leben super miteinander verbinden kann.

Sind solche Abstimmungsprozesse nicht wahnsinnig schwierig?

Für uns gilt die Devise, erstmal machen. Das hat auch bei unserem Co-Working Space gut geklappt. Den haben wir hingestellt, gesehen wer kommt und dann geschaut, was haben die Mieter eigentlich für Bedürfnisse.

Zur Auswahl der Bewohner: Es geht nicht immer nur darum, eine unheimlich tolle Business Idee zu haben. Es reicht vielleicht auch, wenn man für gute Stimmung sorgt oder als Ratgeber zur Verfügung steht. Das kann ganz unterschiedlich sein, je nachdem, was man eben einbringen kann. Die Gründer, das sind alles keine Businessleute, sondern Türsteher, Fotografen, Journalisten und Köche. Hier geht es darum, was Du ausdrückst, wofür Du stehst und wie Du Dich einbringst. Eins ist ganz wichtig. Entweder man teilt die Idee oder nicht. Wir vertreten hier nicht in erster Linie irgendwelche Investoreninteressen. Wenn die Leute nicht mögen, wie wir an Sachen rangehen, dann sollen sie es lassen. Wer hier rein möchte, der muss drei Dinge erfüllen: Deine Idee muss stimmen. Du musst einen Mehrwert für die Gemeinschaft schaffen. Und Du musst deine Miete bezahlen können mit dem, was du tust.

 

Wie können in einem so großen Rahmen Synergien entstehen?

Die meisten hier stehen noch recht am Anfang. Verbindend sind vor allem Veranstaltungen, bei denen man unabhängig von seinem Job zusammenkommt. Man läuft sich immer wieder über den Weg, beim Mittagessen oder im Café. Und eben nicht so viele eingesessene Firmen. Wenn man hier zu groß wird, geht man raus.

Der Kern Eurer Idee ist Kollaboration. Das heißt unter anderen, dass ihr eine zu strenge Auslegung des Urheber- und Patentrechts ablehnt.

Wir wissen noch nicht, ob das funktioniert, das werden wir herausfinden. Jeder soll seine Idee umsetzen und sich die Rechte daran sichern. Aber wir wollen, dass alle die Synergieeffekte hier nutzen können. Und wenn dann jemand aus nichtigen Gründen rechtlich gegen jemanden vorgeht, weil er seiner Meinung nach Patentrechte verletzt, dann hat er hier keinen Platz und muss gehen. Wichtig ist, dass man Lust darauf hat, etwas zusammen zu machen. Wenn wir hier fünf Bäcker haben, dann sollen die im Idealfall eine gemeinsame Idee entwickeln, was man daraus machen kann.

Kannst Du ein paar Sätze zu Eurem Team sagen? Wie rekrutiert ihr beispielsweise Eure Mitstreiter?

Das ursprüngliche Team besteht aus Leuten, die sich schon lange kennen. Der harte Kern hat schon zusammen die Bar 25 aufgezogen. Dann gibt es Spezialisten, die dringend gebraucht und auch entsprechend bezahlt werden. Und dann gibt es immer wieder Leute wie mich, die gern mitmachen wollen, aber nicht direkt gebraucht werden. Also schaffen die sich ihren Job selber. In meinem Fall war es so, dass ich mich unter anderem um einen Teil der Finanzierung gekümmert habe. Inzwischen mache ich alles, was die Geschäftsführung nicht macht: Führungen, Präsentationen, Förderanträge schreiben.

Mittlerweile haben wir ein festes Controlling-Büro, einen Wirtschaftsprüfer und einen Rechtsanwalt, das ist ganz wichtig. Es gibt natürlich mittlerweile auch Zuständigkeiten, aber die großen Themen werden immer noch von allen zusammen entschieden. Es ist nicht leicht, in einer großen Gemeinschaft inhaltliche Entscheidungen zu fällen, aber am Ende sind wir bis jetzt immer zu einer Lösung gekommen. Und manchmal ist auch die Wirtschaftlichkeit ein Taktgeber. Wenn so ein Gebäude ein paar Millionen Euro kostet, dann muss das auch irgendwie abbezahlt werden. Es bedeutet eben auch viel Arbeit, viel Kritik und enge Zusammenarbeit mit der Politik.

Woher nehmt Ihr die Energie für Eure Arbeit?

Wir verdienen hier am Ende wahrscheinlich weniger Geld als wären wir irgendwo normal angestellt. Und das für einen immensen Arbeitseinsatz. Eigentlich geht es um die Verwirklichung von Träumen. Ich glaube, das hier ist einfach der geilste Arbeitsplatz, den man sich vorstellen kann. Und man kann etwas bewegen. Wir wollen der Stadt zeigen, dass es auch anders geht. Berlin verliert sonst seinen Charme. Sechs der Gründer waren auch schon in der Bar 25 aktiv und wissen, was Orte wie dieser für den Kulturstandort Berlin bedeuten.

Ich stand damals vor der Wahl: Gehe ich in irgendeinen Verlag, oder mache ich etwas, das die Welt nachhaltig ein kleines Stückchen verbessert. Also bin ich hierher gekommen. Und daher kommt auch meine Motivation. Denn ich glaube daran, dass es funktioniert. Ich hatte in der Anfangszeit drei Nebenjobs, damit ich das hier machen kann. Aber das war es wert.V

Vielen Dank Hannes!

 

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Flexibilität , Mit Perspektive