Karrieren sind keine Leitern mehr, sondern Klettergerüste

Am 14. Oktober trafen sich im Haus der Wirtschaft in Berlin verschiedene Interessenvertreter familienbewusster Personalpolitik. Eingeladen hatte das Netzwerk Erfolgsfaktor Familie. Was erst einmal recht sperrig klingt, war alles in allem sehr spannend, denn es saßen interessante Gesprächsgäste im Podium. Neben Caren Marks vom Bundesfamilienministerium und Lena Hipp vom WZB waren unter anderem auch Anne von Fallois (Kienbaum) und die Journalistin Margaret Heckel gekommen.

28.10.2015 • Maria Gerono & Anja Dehghan

Mit dem Unternehmensprogramm setzt sich das Bundesfamilienministerium laut eigenen Aussagen dafür ein, Familienfreundlichkeit zu einem Markenzeichen der deutschen Wirtschaft zu machen. Mit an Bord sind die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft und der Deutsche Gewerkschaftsbund.

Wie funktioniert Karriere heute?

Zentrales Thema der Veranstaltung war das Bild von Karriere. Wie funktioniert sie heute anders als noch vor dreißig Jahren? Ist der Begriff überhaupt noch zeitgemäß? Was versteht die Generation Y eigentlich darunter? Zu Beginn bat Vorsitzende Sophie Geisel um eine kurze TED Abstimmung zur Geschlechterverteilung im Raum. Das Ergebnis war einigermaßen ernüchternd, wenn auch nicht überraschend: nur zwanzig Prozent der Teilnehmer waren Männer. Die nächste Frage brachte deutlich weniger Klarheit, nämlich, was genau denn unter einer erfolgreichen Karriere zu verstehen sei.

Die Impulsvorträge zeigen Einigkeit darüber, dass der Generationswandel in den Unternehmen neue Karrierebilder produziert. Besonders deutlich zeigt das die aktuelle Shell Jugendstudie. Junge Menschen interessieren sich nicht mehr für die klassische Karriere. Anne von Fallois, Leiterin der Hauptstadtvertretung von Kienbaum, verbindet mit einem modernen Karrierebegriff ein Wachstum an Verantwortung, an Gestaltungsmöglichkeiten und an Sichtbarkeit. Sie betrachtet die alten Karrieremuster als überholt, in denen es in erster Linie um Budgetverantwortung, Hierarchie und Macht geht. Die Zukunft ist bunter, individueller und kollaborativer. Möglichkeiten zur Mitgestaltung werden immer wichtiger: Wie autonom kann ich über meine Zeit verfügen? Kann ich mir selbst Herausforderungen suchen? Bilder von Erfolg werden multipler. Die Richtung verliert ihre determinierende Rolle. Und so sagt sie es mit Sheryl Sandbergs Worten: „Karrieren sind keine Leitern mehr, sondern Klettergerüste“.

Führung in einer bunten kollborativen Zukunft

Ausgedient haben auch alte Führungsmuster, weil Feedback und Selbstwirksamkeit als elementar wichtig wahrgenommen werden. Auch darin sind sich alle einig. Komplizierter wird es, wenn es an die Umsetzung in realen Unternehmenstrukturen geht. Vereinbarkeit ist für Caren Marks vom Familienministerium ganz klar ein Netzwerkthema, auf das sich Unternehmen einstellen müssen. Viele Arbeitnehmer sehen allerdings noch nicht die gewünschte Lebenslaufperspektive, sondern vor allem ihre eigene Position. Warum soll ich die partnerschaftliche Vereinbarkeit meines Kollegen ausbaden? Lena Hipp plädiert nicht nur für eine individuelle Einkommenbesteuerung, sondern auch dafür, die Anreize für Väter zu stärken und zu verlängern, Lohnunterschiede auszugleichen und Rollenbilder zu überdenken. Wichtig ist, dass ein Umdenken ohne Angst vor dem Abstieg ermöglicht wird. Dann wird die Reduktion der Arbeitszeit in einer bestimmten Lebensphase nicht automatisch zur Karrierefalle. Menschen brauchen Sicherheit, um etwas ausprobieren. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die Führungskräfte in Ihrer Vorbildfunktion. Wenn sie das Prinzip fluide Karriere leben lernen, werden es auch immer mehr andere tun.

Margarete Hecke hat sich intensiv mit dem demographischen Wandel auseinandergesetzt und liefert eine sehr anschauliche Zahl: Fünfzig Prozent der Mädchen, die in diesem Jahrhundert geboren sind, werden  100 Jahre alt. Das hat natürlich einen starken Einfluss auf die Arbeitsbiographien. Lernen, Arbeiten Ausruhen ist passé, heute gilt "Lange leben und besser arbeiten". Und dafür müssen die Voraussetzungen geschaffen werden.

Und die Karriere? Kann die in Teilzeit überhaupt funktionieren? Sicher, meint Anne von Fallois. Aber eins  muss klar sein: Karriere ist kein Ponyhof. Alle Seiten müssen etwas dafür tun, nicht nur die Unternehmen.

Das Fazit am Ende: Neue Arbeitsmodelle sind kein „nice to have“, sondern ein muss für alle, die auch in Zukunft noch wirtschaftlich arbeiten wollen. Mehr Informationen zum Erfolgsfaktor Familie gibt es hier.

Kategorie: Aktuelles

Schlagworte: Auf Augenhöhe , In Teilzeit , Mit Familie , Mit Flexibilität , Mit Perspektive