Mal gucken, ob das was wird mit diesem Internet

Die Factory ist aktuell der spannendste Ort für Startups in Berlin. Wir haben mit Philipp M. Scharff (CPO und einer der 6 Partner der Factory) darüber gesprochen, ob Berlin das German Valley wird und wie man Old und New Economy zusammen an den Mittagstisch holt.

Maria Gerono • 13.07.2015

Philipp M. Scharff, Jeremias Wolf, Lukas Kampfmann und Niclas Rohrwacher sind im Dauereinsatz. Ständig klingelt oder vibriert das Telefon. In der Factory bekommt die Formulierung work in progress eine neue Dimension. Was hier entsteht, ist mehr als nur ein Bürogebäude für Start Ups. Es soll ein Brückenschlag werden von Old und New Economy und der bedeutet erst mal harte Arbeit für alle im Factory Team. Gerade wurde hier der schickste Co-Working Space von Berlin eröffnet und es gibt jede Menge zu tun. Nebenbei dürfen natürlich auch die anderen Mieter nicht zu kurz kommen und dazu gehören immerhin Soundcloud, Zendesk und der neue Lufthansa Innovation Hub.

Philipp, Jeremias, Lukas und Niclas sind 2012 selber als Mieter auf den Campus gekommen, damals mit ihrem Startup. Die Vision Factory ist wie eine Amöbe, die sich dauernd verändert und mit jedem Schritt weiter wächst. Am Anfang war die Immobilie, dann kamen Co-Working und Wohneinheiten dazu. Das Konzept ist ganzheitlich, geht immer von den Bedürfnissen der Mieter aus. Und die können durchaus widersprüchlich sein. Denn hier soll ein Ökosystem entstehen, in dem Startups in allen Lebensphasen mit großen Unternehmen zusammenkommen, um sich auszutauschen, zu unterstützen und für alle einen Mehrwert zu schaffen.

Wie schwierig das ist, zeigt das Studio Tim Raue im Erdgeschoss der Factory. Das Nobel-Restaurant hat extra für die Campus-Bewohner einen Mittagstisch mit akzeptablen Preisen im Programm, aber die Resonanz ist bescheiden, denn das Lunch Angebot ist den meisten Mietern trotzdem noch zu teuer und das Ambiente zu schick für die Mittagspause. Das Restaurant bleibt ein Fremdkörper im Startup System. „Auf der anderen Seite muss man sagen, wir versuchen ja auf diesem Campus nicht einfach nur Startups anzulocken, sondern zwei Welten miteinander zu verbinden. Und wenn man sich umguckt, ist hier eigentlich das Meiste für junge Gründer .“ Es geht darum, den Punkt zu finden, an dem man beide Seiten erreicht und da kann es immer mal sein, „dass das Pendel zu sehr in eine bestimmte Richtung schwingt.“ Beide Seiten sind interessiert aneinander, aber der Prozess ist begleitet von vielen Ängsten und Barrikaden. Das Factory Team muss also vor allem moderieren und ganz viel reden, mit allen Beteiligten.

Dabei sagt Philipp, „wenn ich meinen Job richtig gut machen wollen würde, würde ich die ganze Zeit durch die Welt jetten und mir alle möglichen verrückten Konzepte angucken.“ Dafür fehlt im Moment definitiv die Zeit.

Und gleich kommt der nächste vorbei und fragt, ob Philipp kurz Zeit für etwas ganz Wichtiges hat. Wichtig ist seine Arbeit auch und gerade für den Standort Berlin. Und der hat noch viel Nachholbedarf, wenn man ihn zum Beispiel mit London vergleicht. „Das merkt man an der Schrittgeschwindigkeit der Leute oder an der Infrastruktur, an der Menge an Geld, die im Umlauf ist, an der Menge an Möglichkeiten, Talenten und dem Grad der Internationalität.“ Dort sitzen alle Investoren und alle Startups, aber die sind gesättigt und hier liegt das Potenzial von Berlin. „Berlin ist so was wie ein Startup in sich. Arm aber sexy, wie ein Rüpeljunge. Wir müssen uns bewusst machen, wir haben eine Chance, sind aber noch nicht am Ziel.“

Und diese Chance liegt vor allem darin, die Old Economy in Deutschland dafür zu begeistern, Startups zu unterstützen, um im Zuge der Digitalisierung nicht den Anschluss zu verlieren. Der deutsche Mittelstand basiert auf der Autoindustrie und die wird in den USA zur Zeit von Tesla, dem Elektro-Super-Auto, überrollt. Die deutschen Automobilhersteller „wissen inzwischen, dass sie sich das hier mal angucken müssen, weil sie immer öfter von dieser verrückten neuen Welt hören.“ Die Digitalisierung hat auch schon andere Geschäftsmodelle auf den Kopf gestellt.

Die größte Content Firma der Welt (facebook) produziert keinen Inhalt, der größte Hospitality Anbieter (airbnb) hat nicht eine Wohnung, der größte Mobilitätsanbieter der Welt (Uber) hat nicht ein Auto. „Inzwischen kann keiner mehr sagen, mal gucken, ob das was wird mit diesem Internet.“

Und wie das so funktioniert mit dem Internet wollen sich jetzt immer mehr Leute auf dem Berliner Campus angucken.

Dabei könnten die Konzern-Delegationen noch etwas anderes lernen, nämlich wie man zeitgemäß arbeitet, um gerade für junge Leute attraktiv zu sein. In der Factory herrscht ein moderner Führungsstil mit flachen Hierarchien und transparenter Kommunikation. Der einzige Weg, wie man mit diesem Konzept skalieren kann, liegt darin viel Verantwortung abzugeben. "Wenn mein Team hier die Erfahrung macht, wie viel man erreichen kann, wenn man positiv bestärkt wird und Teil einer Gemeinschaft ist, dann werden sie genau diese Motivation weitergeben." Das Konzept für die weitere Entwicklung der Factory ist klar:„Überall Räume öffnen - und sie dann von jemandem gestalten lassen.“

Vielen Dank, Philipp.

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Perspektive