Mein Menschenbild ist eine Abkehr von der Selbstoptimierung

Cathy Narriman unterstützt in ihren Workshops Menschen bei der Suche nach dem passenden Job. Und das ohne Persönlichkeitsoptimierung oder gepimpte Lebensläufe. Mit einer ganz speziellen Methode schickt sie die Teilnehmer auf eine Recherchereise. An deren Ende steht jede Menge Wissen und ein großes Netzwerk, an das man anknüpfen kann. Wir haben Cathy in Aktion getroffen und ihr die Mittagspause geklaut.

 25.04.2016 • Maria Gerono & Anja Dehghan

Erzähl doch mal, was Du aktuell für einen Workshop gibst. 

Im Kern geht es darum, dass die Teilnehmer lernen, wie sie mit dem, was sie gerne machen ihr Geld verdienen können: Es ist ein siebenwöchiges Training mit 14 Präsenztagen. Ich gehe dazu über, es „Training“ zu nennen, weil es das tatsächlich besser trifft: Im Unterschied zu einem Workshop findet da wirklich ein Veränderungsprozess statt, der nach dem Training weiter geht.

Was steckt dahinter?

Eine wichtige Grundannahme dahinter ist, dass jeder Mensch so, wie er ist, in Ordnung ist und für sich bei der Gestaltung seiner Arbeit im Mittelpunkt steht – und um ihn herum lauern jede Menge Möglichkeiten. Klassischerweise sieht man in unserer Arbeitsrealität ja den Job im Mittelpunkt und ist auf der Suche nach der passenden Besetzung dafür. Aber die Frage ist doch: Was wissen wir eigentlich über die Aufgaben und Probleme, die da draußen sind? Im Zweifelsfall finden sich in Stellenanzeigen doch schon stark interpretierte, rein verschriftliche Attribute, wie „Wir suchen jemanden der Englisch spricht oder dies oder das studiert hat.“ An dem Punkt ist aber schon jede Menge verloren gegangen! Stellenanzeigen haben mit den eigentlichen Aufgaben die jemand in der jeweiligen Position erfüllen soll, häufig nur noch wenig zu tun.

Ich frage mich oft: Wie sind die Prozesse dahinter? Warum sucht man für eine spezifische Stelle unbedingt einen Geografen, der Englisch spricht? Könnte nicht vielleicht auch ein anderer aus dem Team diese Aufgabe übernehmen und eigentlich braucht es dann jemanden, der etwas ganz anderes kann und übernimmt? Ein Jobprofil ist häufig eine Vereinfachung der tatsächlichen Situation im Team und sagt wenig darüber aus, welche Fähigkeiten tatsächlich gefragt sind. Auf der anderen Seite reagieren auch die Bewerber klassischerweise mit einer Verschriftlichung ihrer Fähigkeiten und mit Selbstoptimierung. Beide Seiten formulieren natürlich mit dem Ziel, attraktiv zu sein, Werbung eben. Dabei geht Authentizität verloren! Und am Ende findet nicht ein menschlicher Bewerber zu der zu lösenden Aufgaben zusammen sondern eine Stellenausschreibung und ein Bewerbungsschreiben. Nur mit ganz viel Glück passt das dann vielleicht auch zusammen, aber an den Realitäten scheitert es dann doch häufig: Die Nase passt der Kollegin nebenan nicht, der ist zu laut oder das Büro ist mir zu groß.

Was ist Deine Schlussfolgerung aus dieser Beobachtung?

Wir haben überlegt, wie man das lösen kann, ohne dass nun jeder mit jedem einzeln Kontakt aufnehmen muss. Das erste, was jeder selber machen kann ist: Anstelle von Bewerbungen zu schreiben tatsächlich erst mal gründlich und ehrlich zu schauen: Was bringe ich mit oder was kann und möchte ich gern einbringen? Unser Menschenbild bei Flipped Job Market ist eine Abkehr von der Selbstoptimierung: Also, so wie Du bist, bist Du schon in Ordnung und Du kannst auch ohne weitere Powerpoint-Weiterbildung oder x-tem Englischkurs mit allem was Dich ausmacht Deinen Platz finden. Dazu gehört, dass man sich nicht besser oder anders darstellt als man ist. Und im zweiten Schritt geht es darum, die reale Arbeitswelt zu erkunden: Nicht vor dem Bildschirm oder theoretisch, sondern indem man mit Menschen spricht, sie kurz und wertschätzend interviewt und somit Bereiche erkundet.

Wie läuft so etwas im Rahmen Deines Trainings ab?

Im ersten Schritt geht es eben ums biografische Arbeiten, darum, herauszufinden, was man wirklich gerne macht. Es ist erstaunlich, wie schwer das den Leuten manchmal fällt. Das ist einfach oft ein Thema, das keine Rolle gespielt hat bis dahin: Man wird von der Schule an viel häufiger vor die Frage gestellt: Was kannst Du? Worin bist Du gut? Was sind Deine Stärken? Noten, Zertifikate, Jobs als Selbstzweck eben.... Die Idee, dass etwas Freude machen sollte, es sinnbehaftet ist, damit man sich intensiv damit beschäftigt und durchaus auch mit dem Ziel, dass man gut wird in etwas, ist in der Arbeitswelt immer noch fremd. Das merkt man auch bei den jüngeren Leuten. Wir finden also in unseren Kursen erst einmal heraus, was man gerne macht oder womit man sich gerne beschäftigt, worin man sich gern herausfordert. Und im zweiten Schritt erarbeiten wir im die eigenen Ansprüche: Wo hält man sich gerne auf, welche Werte sind einem grundlegend wichtig, unter welchen Menschen fühlt man sich wohl, welche Rahmenbedingungen braucht man, um am Ball zu bleiben?

Ich gehe davon aus, dass man dann am produktivsten ist, wenn man Freude an seiner Arbeit hat. Das mündet aber nicht zwangsläufig in eine Spaßgesellschaft. Die meisten Leute wollen sich ja auch herausfordern und weiterentwickeln. Dabei hat mich unter anderem der britische Bildungsexperte Ken Robinson inspiriert. Der bringt die beiden Themen Bildung und Arbeit sehr dicht zusammen und fragt, wie und wofür die Schule eigentlich ausbildet. Geht es um Menschen als „humane Ressource“, die für den Arbeitsmarkt ausgebildet werden? Das ist nicht meine Sicht! Und selbst wenn: Was braucht denn der Arbeitsmarkt überhaupt? Es braucht doch Teamleute, die mitdenken, die mit Fehlern umgehen können, die sich selbst kennen und einschätzen können... Man braucht auf jeden Fall etwas ganz anderes als das, was an den Schulen passiert. Ken Robinson nennt das auf die Arbeitswelt übertragen „sein Element finden“. Wenn man in seinem Element ist, dann ist man auch gut in dem, was man tut und trägt zu einem Mehrwert bei, im weitesten Sinne. Mir ist wichtig, sich dabei von seiner eigenen Bildungsbiografie zu lösen, also davon ob man jetzt ein gutes oder ein schlechtes Abi hatte, eine Ausbildung abgebrochen oder wie auch immer. Das ist nur ein kleiner Teil des eigenen Lebens. So genannte „brüchige Lebensläufe“ werden zum Normalfall, das hab ich auch vor ein paar Tagen bei Gesprächen mit Entscheidungsträgern aus der Bundesagentur für Arbeit bestätigt bekommen und man sieht es ja auch. Man kann gut in etwas sein, auch ohne das entsprechende Zertifikat dafür in der Tasche zu haben.

Arbeitest Du nach einer speziellen Methodik?

Der Anfangspunkt ist das Interessegeleitete, dass man sich für ein bestimmtes Thema interessiert, offen ist, und akzeptiert, dass man erstmal noch gar nicht weiß, wonach man konkret sucht. Zu welchem Berufsbild das Ganze führt oder in welche Branche ist erst einmal völlig offen und das Ergebnis kann auch überraschend ausfallen. Man begibt mich auf die Suche, indem man ganz kurze strukturierte Gespräche mit Leuten führt, die sich ebenfalls in irgendeiner Weise mit demselben Thema beschäftigen. Ich vermittle eine spezielle Frage- oder Interviewtechnik, die die Leute für ihre Recherche nutzen können. Diese Interviewtechnik geht auf den Schweizer Daniel Porot zurück: Man stellt sechs kurze Fragen und begibt sich damit auf eine kleine Lernreise. Um ein Beispiel zun nennen: Ich hatte jemanden im Kurs, die für sich erkannt hat, dass sie sich offenbar sehr für Kinderbücher interessiert. Die hat dann mit allen gesprochen, die damit zu tun haben. Mit Papierherstellern, mit Leuten auf der Buchmesse, Illustratorinnen, auch mit Kindern, Kindergärten... also nicht nur mit Verlagen oder Buchhändlern. Im Training erschließen wir uns gemeinsam die verschiedenen Dimensionen von den Themen der Teilnehmenden. Und dann geht jeder einzelne los um diese Interviews zu führen. Es bietet es sich an, erst einmal im Freundeskreis herumzufragen, ob jemand jemanden kennt, der sich beispielsweise mit Kinderbüchern auskennt, wir arbeiten nicht mit „kalten“ Kontakten, es geht um ein echtes persönliches Netzwerk. Und daher ist die letzte Frage immer: Wen kennst Du noch, der sich mit dem Thema beschäftigt? Dann bekommt man in den meisten Fällen wieder zwei drei Kontakte zu denen man gehen kann.

Besteht nicht das Problem, dass die Leute oft gar nicht das Selbstbewusstsein dafür haben?

In dem Fall nicht, weil man ja nicht dahin geht um einen Job zu bekommen – man macht schlicht eine Recherchereise, und das fühlt sich anders an. Man ist in jeder Sekunde authentisch, weil man ganz ehrlich sagen kann, wie es ist. Zum Beispiel, dass man diesen Kurs gemacht hat und einen bestimmten Bereich besser kennen lernen möchte. Und: Man redet über ein Thema, das man liebt, und man redet mit anderen Menschen, die dasselbe Thema lieben! Das ist wirklich ganz einfach. Im Hinblick auf die Jobsuche braucht es meiner Meinung nach persönliche Begegnungen. Ungefähr zwei Drittel der Jobs werden über Kontakte vergeben, und dieses Netzwerk muss man erst einmal knüpfen. Da ist so eine Recherchereise ein guter Anfang.

Wie bist Du auf diese Technik gestoßen?

Auch ich wollte vor ein paar Jahren mein Thema wechseln. Ich komme aus dem Bereich Medienentwicklung im arabischen Raum. Ich habe dann irgendwann Kinder bekommen und wollte das Thema Krise nicht mehr jeden Tag in meinem Leben haben, etwas Sinnvolles machen, ohne reisen zu müssen. Kurz: Ich wollte mich komplett neu aufstellen und habe dann eine Weiterbildung zum Thema „Life/Work Planning“ gemacht. Dort bin ich auch auf die Fragetechnik von Porot gestoßen, habe sie ausprobiert und meine Jobs in den letzten Jahren genau so gefunden. Mir ist „walk the talk“ wichtig, und ich bin total überzeugt von dem, was ich anderen erzähle.

Die Technik entwickeln wir ständig weiter, auch vor dem Hintergrund von der Idee der „Potenzialentfaltung“, wie ich sie während meiner Zeit bei der Initiative „Schule im Aufbruch“ kennengelernt habe. Und wir integrieren Methoden aus dem Coaching, der wertschätzenden Kommunkation, dem Design Thinking, Theaterpädagogik etc.

Dein Training ist als Gruppencoaching konzipiert. Warum?

Die Idee dahinter ist, dass man immer die Reflexion von außen braucht, um sich zu umfassend zu reflektieren. Wir wollen ja gar nicht an Dinge neu erschaffen, die noch gar nicht da sind, sondern das entdecken, was wesentlich ist. Das Vorgehen ist eher archäologisch: Was steckt hinter all den Ansprüchen, Erwartungshaltungen und Selbstbildern? Und dafür brauchen wir Feedback von außen. Am Anfang arbeiten wir zum Beispiel gerne mit biografischen Gelingens-Geschichten: Was macht man gerne, für das man sich selbst auf die Schulter klopfen möchte? Mit welchen Themen befasst man sich gern? Und dann schärfen wir gegenseitig in Kleingruppen den Blick dafür, welche Fähigkeiten man dafür gebraucht hat. Und in dem Moment sehen andere viele Dinge, die man selber gar nicht sieht, weil man sie eben für selbstverständlich und nicht für besonders, nicht für wertvoll hält. Zum Beispiel gut zuhören können oder Konflikte bewältigen. Dafür ist es sehr hilfreich, vielfältige Blicke darauf zu bekommen und auch anderen Menschen Feedback zu geben. Vielfältig im Hinblick auf Alter, Geschlecht, Background, von der Ausbildung her und basierend auf unterschiedlichen Erfahrungen ist super für den Kurs. Je vielfältiger so eine Gruppe ist, umso mehr kann jeder für sich herausfinden! Und: Es macht auch einfach viel mehr Spaß, als alleine vor sich hin zu grübeln...

Kann Dein Ansatz auch Leuten helfen, die keinen Branchenwechsel planen?

Klar, es geht nicht nur darum, ein für alle mal den richtigen Job zu finden, es sondern auch darum, sich seinen eigenen Job, seinen Weg so zu gestalten, dass man sich wohler fühlt. Ich kann mit der Methode immer wieder herausfinden, ob mein Job auf die richtigen Werte einzahlt, ich die richtigen Arbeitsbereiche besetze oder meine Arbeitsumgebung zu mir passt und so anfangen aktiv zu gestalten. Vielleicht finde ich heraus, dass ich lieber mit anderen Leuten zusammenarbeiten möchte oder eine andere Teilaufgabe übernehmen oder eine abgeben möchte. Es geht auch im laufenden Job immer darum, Dinge so zu machen, dass ich sie gerne mache, so dass ich darin gut bleibe. Vielleicht liegt mir Excel nicht und ich verbringe viel Zeit vor Tabellen. Warum kann ich das dann nicht so organisieren, dass meine Kollegin mehr Excel machen, weil sie das gern macht, und ich ihr zum Beispiel die unangenehmen Anrufe übernehme, die sie ungern macht? New Work bedeutet für mich, starre Gefüge, in denen Tätigkeiten für bestimmte Positionen festgeschrieben sind, noch mal neu zu denken.

Vielen Dank, Cathy!

 

Mehr Infos zu den Trainings gibt es hier: flipped-job-market.de

Titelbild: Annie Spratt

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Mit Perspektive