From Business to Being. Wie wollen wir leben und arbeiten?

Der Dokumentarfilm “FROM BUSINESS TO BEING” begleitet drei Karrieristen auf ihren Wegen aus dem Hamsterrad: Ein ehemaliger Investmentbanker bei Lehman Brothers, ein Großprojektmanager der Automobilindustrie und ein Gebietsleiter der Drogeriemarktkette dm. Sie alle haben auf der Suche nach mehr Begeisterung, Sinnhaftigkeit und Authentizität bei ihrer Arbeit beschlossen etwas zu ändern und bei sich selber angefangen. Hanna Henigin und Julian Wildgruber gewähren seltene Einblicke in die Gefühlswelt von Führungspersönlichkeiten und gehen der Frage nach, welche Fähigkeiten Führungskräfte in Zukunft benötigen. Der Film hatte auf dem Dokumentarfilmfestival in München Premiere. Wir wollten von den beiden Machern etwas über die Entstehungsgeschichte des Films erfahren.

20.07.2015 • Anja Dehghan

Wie seid ihr zu diesem gemeinsamen Filmprojekt gekommen?

 Julian: Ich bin eigentlich Werber. Es gab da diesen einen Moment bei einem Kunden, da ging es um die Digitalisierung der Medizinbranche. Als ich dann irgendwann mal in einem Meeting fragte, wo heilt ihr denn eigentlich Menschen und helft wirklich? Da bekam ich als Antwort, darüber könne man jetzt nicht reden, schließlich müsse man hier Geld verdienen. Da war mir klar, hier werde ich nicht lange bleiben. Heute arbeite ich hauptsächlich für Unternehmen und mit Menschen, mit denen ich wirklich zusammenarbeiten will. Gemeinsam mit einem Partner entwerfe ich Kommunikationsprojekte und klassische Kampagnen für sozioökologische Unternehmen. Die Idee für den Film entstand aus der Zusammenarbeit mit einem unserer Kunden heraus. Es sollte eigentlich ursprünglich eine Reportage über Arthur Zajonc zum Thema Meditation und Führung werden. Aber es stellte sich ziemlich schnell heraus, dass da viel mehr dahinter steckt.

Hanna: Julian und ich haben uns bei einem Doku-Projekt in Berlin kennengelernt. Ich war damals Redakteurin bei einer TV-Produktionsfirma. Allerdings hatte ich dort relativ schnell das Gefühl mich freischaufeln zu müssen und eigene Sachen umzusetzen. Eines Tages kam Julian mit der Idee für den Film auf mich zu und das passte einfach. Ich bin schon länger um das Thema Nachhaltigkeit gekreist und habe mir die Frage gestellt, wie können wir unsere Gesellschaft aktiv gestalten?Julian: Ich wollte schon immer einen Dokumentarfilm machen: Ich halte ihn für die interessanteste Filmform, die wir haben. Er ist aus dem Leben gegriffen und man erstellt damit ein Zeitdokument. Im Laufe der Arbeit an dem Film habe ich gemerkt, er könnte vielleicht wirklich ein Hebel sein um etwas zu verändern.

Wer sind die Protagonisten?

Julian: Rudolf Wötzel ist der Typ charismatischer Karriereüberflieger. 2007 ist er bei Lehmann Brothers ausgestiegen, und hat eine Bergtour gemacht. Er ist in einem halben Jahr zu Fuß von Salzburg nach Nizza gewandert. Er war körperlich und seelisch am Ende und hat über diese Wanderung sein Gleichgewicht wieder hergestellt. Sein Buch „Über die Berge zu mir selbst“, wurde zusammen mit der Lehmann Pleite ein Bestseller.

Reinhard Stachel, der Großprojektmanager aus der Automobilindustrie, ist auch gesundheitlich immer wieder an seine Grenzen gekommen. Am Ende war der Leidensdruck so groß, dass er angefangen hat, sich mit Meditation zu beschäftigen. Hanna: Das Spannende für uns an unseren drei Hauptprotagonisten war, dass wir sie eigentlich alle an unterschiedlichen Punkten ihrer Entwicklung getroffen haben. Rudolf Wötzel war durch diese Krise schon durchgegangen. Reinhard Stachel war eigentlich gerade mitten drin, als wir ihn das erste Mal getroffen haben. Und Torsten Müller von dm war jemand, der im Unternehmen die Möglichkeit gefunden hat sich weiterzuentwickeln und dort als Führungskraft Dinge zu bewirken. Er hat erkannt, dass gute Unternehmenskultur nur dann entsteht, wenn sie aktiv gelebt wird.

Was denkt ihr, kann euer Film erreichen?

Hanna: Ich glaube, dass es Unterstützung braucht, bei der Frage, wie kann ich mein Leben selbst gestalten? Und nicht gehorsam irgendeinem Weg folgen und von einem Job zum anderen die Karriereleiter immer höher steigen. Sondern zu fragen, was möchte ich wirklich? Und wenn ein Unternehmen es schafft, das zu unterstützen, dann hat es eine Menge erreicht. Unser Film kann als Eisbrecher dienen um mit Firmen in Dialog zu treten. Daraus können Diskussionsrunden und Workshops entstehen, in denen man bestimmte Fragen oder Themen erarbeitet, die der Film behandelt. Was sind unsere Stressmuster? Wie erreiche ich einen achtsamen Umgang mit mir und anderen? Was bedeutet eigentlich heutzutage Führung, was macht eine gute Führungskraft aus? Der Film bietet sehr viele Anknüpfungspunkte, die im täglichen Arbeitsleben von Bedeutung sind. Und das ist für mich so eine Art Startschuss um in diesem Bereich arbeiten zu können.

Julian: Ich glaube, die größte Frage, vor der wir heute stehen, wenn wir über das Thema Arbeit sprechen, ist die Sinnfrage hinter dem, was ich tue. Kann ich mich damit identifizieren? Jeder einzelne muss sich fragen, wer bin ich und was kann ich wirklich? Wir sind in der Lage unseren Lebensunterhalt zu bestreiten, aber nicht dazu, unser Leben sinnvoll zu leben. Das führt zu dem, was wir vielerorts beobachten können: wenn Menschen unter Druck und Stress geraten und eine Tätigkeit ausführen, die ihnen nicht sinnvoll erscheint, dann werden sie sehr schnell krank. Je höher man in der Hierarchie aufsteigt, desto größer wird der Druck und desto schneller entsteht Stress und irgendwann wird aus Herausforderung Überforderung. Man schaltet in diesen Überlebensmodus sieht nur noch zu, dass alles um einen herum einigermaßen funktioniert und abgearbeitet wird und keine größeren Schäden entstehen. Und das ist nicht nur eine Frage der Unternehmenskultur sondern des Systems. Wir haben bei der Vorführung in München gemerkt, das Thema trifft durchaus den Nerv der Zeit. Da waren einige Manager im Publikum, die waren äußerst angetan. Aber wie das letztendlich in die Realität umgesetzt wird und sinnvollere Organisationsformen geschaffen werden können, das ist die große Frage.

Wie sieht denn euer Traumjob aus?

Julian: Ich bin schon sehr nah dran an meinem Ideal. Jetzt stellt sich die Frage, wie sich das unternehmerisch noch stärker auswirken kann. Mit dem Film ist ein großer Schritt getan. Ich möchte sowohl medial als auch im Bereich Beratung in die Richtung weiterarbeiten. Meine Kunden, meine Kollegen und meine Projekte sind auf einem sehr guten Weg, dass ich sagen würde, ich lebe einen Traum.

Hanna: Derzeit heißt mein Traumjob Alois Jakob und ist dreieinhalb Monate alt. Das Thema Berufung beschäftigt mich schon sehr lange und langsam komme ich zu dem Schluss, dass Berufung nicht eine konkrete Aufgabe ist, oder ein konkreter Job, sondern eher eine Qualität, wie man lebt und wie man arbeitet. Da bin ich schon dran, weil ich mit Menschen zusammenarbeite, die mir wichtig sind und denen ich auf Augenhöhe und respektvoll begegne.

Gibt es Pläne für die Zukunft?

Hanna: Ich möchte als nächstes einen Film über Berufung machen, weil mich das Thema selbst sehr beschäftigt. In erster Linie geht es mir allerdings darum, gemeinsam mit anderen Menschen vor dem Hintergrund „Wie wollen wir leben und arbeiten?“ Dinge zu bewegen. Film ist dabei nur eine Möglichkeit, er kann sehr gut als Impulsgeber wirken.

Julian: Unser Film wird noch auf einigen Festivals zu sehen sein, auch international und dann ins Kino kommen. Darüber hinaus planen wir mit dem Film in die Unternehmen reinzugehen um Menschen zu inspirieren Dinge anders zu machen.

Vielen Dank Hanna und Julian!

 

Die nächsten Spieltermine: 3.-6.9. Berlin Forever now Festival 25.9. Stuttgart im Rahmen der Mindful Leadership Konferenz 11.10. München City Kinos (Atelierkino)

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Flexibilität , Mit Perspektive