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Von Pflegerobotern, Digitalnomaden und perfekten Arbeitsplätzen

Ab heute zeigt das Potsdamer Thalia Theater Dokumentarfilme rund um das Thema zukünftige Arbeitswelt. Wir haben einen Blick auf die Hintergründe und das Programm geworfen und stellen euch zwei Filme und ihre Macher vor.

14.04.2016 • Anja Dehghan

Mit dem Schlagwort „Arbeiten 4.0“ ruft das Bundesministerium für Arbeit und Soziales zum Dialog auf. Dabei sollen nicht nur Arbeitsmarktexperten und Zukunftsforscher zu Wort kommen, sondern auch die Menschen, die direkt vom Wandel betroffen sind, nämlich die arbeitende Bevölkerung. Jeder kann sich einbringen. Seit Herbst letzten Jahres tourt in diesem Zusammenhang auch das Filmfestival Futurale durch Deutschland, bei dem Filme zum Thema gezeigt werden und eben auch diskutiert wird. Vom 14. bis zum 20. April macht es Station in Potsdam.Sieben Filme stehen auf dem Programm. Vom Phänomen YouTube-Star über die Markteinführung des 3D-Druckers oder Startups in Israel ist fast alles dabei. „Mit der Futurale tragen wir den Dialog ins Land“, erklärt Thorben Albrecht. Er ist Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. „In 25 deutschen Städten zeigen wir Filme, die sich mit der Zukunft der Arbeit befassen. Sie eröffnen dabei einen neuen Zugang zum Thema und beleuchten einzelne Entwicklungen und Trends, zeigen auch wie es im Ausland aussieht. Und sie präsentieren uns unterschiedliche Aspekte der Arbeit 4.0 - vom perfekten Arbeitsplatz bis zur Pflege durch Roboter.“

Welche Spielregeln braucht es in der Arbeitswelt von morgen?

Nach den Filmvorführungen sind die Zuschauer eingeladen gemeinsam mit Experten zu diskutieren. In Potsdam sind das unter anderem die Landesbeauftragte für Datenschutz Brandenburg Dagmar Hartge und Christoph Fahle vom Betahaus Berlin. „Man merkt immer wieder, dass die Filme die Menschen beschäftigen und Fragen aufwerfen“, meint Thorben Albrecht, „Die Diskussionen bieten einen Ort, diese Gedanken und Fragen zu erörtern: Wie wollen wir in Zukunft arbeiten? Und welche Spielregeln braucht es dafür? Wir hatten schon zweistündige Publikumsgespräche im Anschluss an einen einstündigen Film. Die Leute wollten einfach nicht gehen...“

Unternehmen fordern ein hohes Maß an Flexibilität

Zentrales Anliegen des Festivals und auch des gesamten Programms Arbeiten 4.0 ist die Beteiligung der Menschen. Dazu wird auf unterschiedlichen Kanälen auch jenseits der Kinosäle aufgerufen: die eigens eingerichtete Plattform arbeitenviernull.de, Facebook und Twitter. Welche Ansprüche stellt die Gesellschaft an die Politik, wenn es darum geht die Arbeitswelt neu zu gestalten?

Da gibt es bereits deutliche Tendenzen. Thorben Albrecht fasst ein paar davon zusammen: „Wir beobachten, dass sich die Bedürfnisse vieler Menschen an ihre Arbeit stark gewandelt haben. Und dass sie sich im Verlaufe des Erwerbslebens verändern. Beschäftigte sagen, ich will mich nachmittags um meine Familie kümmern und dann am Abend noch einmal vorm Computer sitzen. Starre Präsenzzeiten stehen ihnen dabei oft im Weg. Andere wollen ihrer Arbeit nach einer gewissen Zeit wieder mehr Platz einräumen - sie stecken aber in Teilzeit fest. Und über ein Drittel der Angestellten, die bisher nicht im Homeoffice arbeiten, würden dies gerne zumindest gelegentlich tun. Gleichzeitig fordern viele Unternehmen von ihren Mitarbeitern ein hohes Maß an Flexibilität ein. Das sind Fragen, die nicht konfliktfrei sind. Deshalb brauchen wir neue Kompromisse - aber auch mehr Beweglichkeit.“

Es wird nicht weniger Jobs geben, dafür andere Aufgaben

Aber was bedeutet eigentlich Arbeit 4.0? Und was ist 3.0 und 2.0 und 1.0? Thorben Albrecht erklärt es so: „Arbeiten 4.0 bezeichnet die aktuelle Revolution in der Arbeitswelt. Sie wird vernetzter, digitaler und flexibler sein als die bisher gekannte Arbeitswelt. Die vorangehenden Phasen bezeichnen vergleichbare Einschnitte in der Arbeitswelt. Von Arbeiten 1.0, das den Beginn der Industriegesellschaft mit den ersten Arbeiterorganisationen bezeichnet, über die beginnende Massenproduktion und die Anfänge des Wohlfahrtstaates am Ende des 19. Jahrhunderts (Arbeiten 2.0) hin zu Arbeiten 3.0, das die Zeit der Konsolidierung des Sozialstaats und der Arbeitnehmerrechte auf Grundlage der sozialen Marktwirtschaft umfasst.“

Aufgaben, die mit Arbeit 4.0 entstehen, sind anspruchsvoller: „Da müssen auch Bildung und Weiterbildung mithalten. Dass Berufe zum Beispiel komplett verschwinden ist unwahrscheinlich, aber Tätigkeiten verändern sich. Dabei fallen hauptsächlich Routinetätigkeiten weg: Gleichermaßen bei händischer, wie kognitiver Arbeit. Und das nicht nur in der Industrie, sondern in allen Branchen.“Eine besondere Art der Tätigkeit beobachtet Thorsten Kolsch in seinem Film „Digitale Nomaden“. Der Dokumentarfilm begleitet Blogger, Autoren und Unternehmer, die von überall auf der Welt arbeiten, nur nicht von einem festen Büroplatz aus. Als Freelancer ist das nicht so ungewöhnlich, aber bis zur Kündigung der eigenen Wohnung ist es dann schon noch ein Schritt. Die Frage nach einem festen Wohnsitz verneint dann auch Thorsten Kolsch. Seine Arbeit an dem Film hat ihn dazu inspiriert, selbst auch einmal das Nomadendasein zu leben. Allerdings nur für eine Weile.

Man muss nicht immer am selben Ort arbeiten

Inspiriert zu seinem Film hat ihn eine Freundin, auf deren Wohnung er aufgepasst hat, während sie auf Weltreise war. „Da lagen dann überall diese Reiseführer rum und ich habe mich gefragt, warum ich eigentlich immer am selben Ort bin. Zu dem Zeitpunkt war ich schon selbständig und irgendwann bin ich auf die Bewegung der Digitalnomaden gestoßen und das hat mich interessiert. Gemeinsam mit Tim Jonischkat wollte ich ursprünglich einen Imagefilm für mein eigenes Unternehmen machen, aber daraus ist dann ein Dokumentarfilm über digitale Nomaden geworden.“

Protagonist Thorsten Kolsch

Thorsten Kolsch war selber fast elf Jahre lang in Festanstellungen, zuletzt bei Nokia als Label Manager. „Nach der betriebsbedingten Kündigung habe ich mich sofort wieder auf den Arbeitsmarkt geworfen, wie man das so macht, und ein Jobangebot aus der Reiseindustrie folgte. Kurz bevor ich den Arbeitsvertrag unterschreiben wollte, kam meine ehemaliger Chef auf mich zu, weil er einen Projektmanager gesucht hat. Den Job habe ich dann als Freelancer begonnen und seitdem bin ich dabei geblieben.“ Irgendwann kam die Frage auf, ob es noch besser geht, noch minimalistischer mit mehr Freiräumen. Und so hat er irgendwann angefangen, von allen möglichen Orten aus zu arbeiten. „Demnächst bin ich wieder fünf Tage in Valencia. Da muss ich ein bisschen kreativ sein. Und da werde ich sicher nicht den ganzen Tag in meinem Apartment sitzen, sondern dann auch mal ins Café gehen und bei einem Glas Wein den Laptop aufklappen oder in einen Co-Working Space arbeiten.“

Selbständigkeit erfordert eine Menge Disziplin 

Die Arbeit als Freelancer bietet Selbstbestimmung und viele Freiheiten, fordert aber auch eine Menge Disziplin und die Auseinandersetzung mit weniger beliebten Themen. „Womit man vielleicht nicht rechnet ist das Organisatorische, das dahinter steckt“, erklärt Thorsten, „Plötzlich gibt es da nicht mehr den Arbeitgeber, der Dinge für dich regelt. Steuerangelegenheiten, kaufmännische Fragen, so etwas muss man dann selbst klären. Du musst selbst den Überblick behalten. Es gibt natürlich eine Menge Leute, die daran scheitern, weil sie sich das etwas anders vorgestellt haben, weil sie vielleicht zu sehr von der 4-Stunden-Woche (Bestseller über eine neue Gewichtung von Arbeit und Leben von Timothy Ferriss, Anm. d. Red.) inspiriert wurden. Die gibt es bestimmt hier und da. Aber da muss man erst einmal hinkommen.“ Eine Bedingung für zufriedenes Arbeiten ist die Selbstbestimmung meint Thorsten Kolsch: „Wichtig ist, dass man das Maximum an Freiheit für sich rausholt, egal ob man im Co-Working Space arbeitet oder von zu Hause aus.“

Räumlich begrenzt, aber dafür umso vielfältiger sind die Arbeitsumgebungen der Menschen in dem WDR Dokumentarfilm „Deine Arbeit, Dein Leben“ von Luzia Schmid. Der WDR hatte die Menschen in Nordrhein Westfalen dazu aufgerufen ihren Arbeitsalltag zu filmen. Aus hunderten selbst gedrehten Videos ist dann der Film entstanden. Die Bandbreite an Jobs ist groß. Vom Möbelpacker aus Bonn bis zum Robo-Doc in einer Autofabrik. Der klassische Wissensarbeiter war in den eingesandten Videos allerdings eher selten vertreten. Luzia Schmid erklärt: „Da gab es ganz häufig das Problem, dass sie in ihrem Unternehmen nicht filmen durften. Viele Firmen haben mittlerweile strikte Bestimmungen, dass nur autorisiertes Material die Räumlichkeiten verlassen darf. Bei einem Ford Mitarbeiter hatten wir dann die große Sorge, dass er Ärger kriegt, wenn wir sein Material einschneiden. Wir mussten uns erst vergewissern, dass das Material zu Veröffentlichung frei gegeben war. Man kam aber zum Teil schon sehr nah ran an die Menschen. Allerdings gelangte man auch manchmal an die Grenzen des Formats. Wir hatten zum Beispiel eine Ärztin dabei. Die hatte einen sehr spannenden Job und viel zu erzählen, aber sie konnte natürlich nicht überall filmen.“

 

Regisseurin Luzia Schmid
Vielfältige Sichtweisen auf den eigenen Job

Dabei kommen im Film durchaus auch schwierige Themen zur Sprache. „Da war eine Frau, die sich nicht gezeigt hat und auch nicht ihren direkten Arbeitsort, nur ihren Arbeitsweg. Sie war ursprünglich Raumausstatterin. Seitdem sie allein erziehend ist, kann sie ihren Job nicht mehr machen und muss jetzt in einem Online Versandhandel arbeiten. Dort betreut sie Webseiten. Das macht ihr überhaupt keinen Spaß, aber sie muss eben Geld verdienen.“

Der Film "Deine Arbeit, Dein Leben" macht deutlich, dass sich nicht nur die Arbeit an sich wandelt. Auch der Anspruch der Menschen an ihren Job ist veränderlich. Auf die Frage, was sie aus ihrer Arbeit am Film mitgenommen hat sagt Luzia Schmid: „Dass mein Job ganz toll ist und ich ihn unheimlich gerne mache.“

Hier gibt es die Trailer zu den beiden Dokumentarfilmen "Digitale Nomaden" von Thorsten Kolsch und "Deine Arbeit, Dein Leben" von Luzia Schmid.

Weitere Infos zum Filmfestival findet ihr unter arbeitenviernull.de

Vielen Dank an unsere Interviewpartner Thorben Albrecht, Thorsten Kolsch und Luzia Schmid!

Kategorie: Aktuelles

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Familie , Mit Flexibilität , Mit Perspektive