Grundeinkommen - Autonomie aus der digitalen Lostrommel

Das bedingungslose Grundeinkommen könnte jedem ermöglichen, so zu arbeiten, wie er möchte. Aber es gibt auch viele Zweifel an der Machbarkeit. Um die Diskussion auf eine praktische Ebene zu heben, hat sich die Initiative "Mein Grundeinkommen" gegründet. Wir haben mit Steven Strehl darüber gesprochen, wie ein Grundeinkommen die Arbeitswelt verändern kann.

19.08.2016 • Maria Gerono

Vielleicht kannst Du mal kurz umreißen, was Ihr hier macht?

Wir sind ein Team von Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, die alle am Thema Grundeinkommen interessiert sind. Mit dem Projekt Mein Grundeinkommen versuchen wir, die bislang meist intellektuell geführte Debatte zum Thema Grundeinkommen mit dem Aspekt direkter Erfahrbarkeit zu bereichern. Auch, um weniger Menschen auszuschließen. Wir wollen allen, die beispielsweise denken, „mit einem Grundeinkommen arbeitet keiner mehr“ oder „das ist doch überhaupt nicht finanzierbar“, zeigen, dass das Grundeinkommen tiefer greifende Fragen stellt. Dazu sammeln wir von allen Menschen, die Lust haben, uns zu unterstützen, Geld ein und verlosen dann Jahres-Grundeinkommen. Und dann schauen wir, was passiert. Natürlich nicht in so groß angelegtem Rahmen wie bei den Experimenten in Namibia, Brasilien, Finnland oder Kanada. Dort gibt es ganze Projektgemeinden, die Grundeinkommen bekommen. Das ist in Deutschland jedoch aus Sicht einer kleinen Organisation wie unserer schwer finanzierbar, weil der Lebensstandard hier so hoch ist. Unser Ziel ist es, immer mehr Grundeinkommen zu verlosen und so die Debatte darüber zu befeuern. In den letzten zwei Jahren ist die Zustimmungsrate für das Grundeinkommen bereits um zehn Prozent gestiegen. Dazu haben wir maßgeblich beigetragen. Außerdem hat sich der Inhalt der Debatte verlagert: von der Finanzierbarkeit hin zu individuellen Möglichkeiten, die eine Grundeinkommens-Gesellschaft ausmachen.

Gibt es einen Austausch mit der Politik?

Es gibt einen Austausch mit einzelnen Politikerinnen und Politikern, aber wir fühlen uns keiner Partei verpflichtet. Durch unsere praktische Arbeit mit dem Grundeinkommen sammeln wir Erfahrungen dazu, wie sich eine Gesellschaft durch das Grundeinkommen verändern kann. So wollen wir herausfinden, welche Ansprüche man an eine Gesellschaft mit Grundeinkommen stellen sollte. Wir gehen davon aus, dass das Grundeinkommen irgendwann kommen wird. Wichtig ist uns, dass es dann in erster Linie als emanzipatorisches Element kommt und nicht, um Menschen abzuspeisen und nicht mehr über Arbeitslosigkeit reden zu müssen.

Wie kann sich die Gesellschaft durch das Grundeinkommen verändern?

Mit dem Grundeinkommen kann zum Beispiel jeder Mensch in Frage stellen, ob er seinen Job wirklich machen möchte und dieser für ihn sinnstiftend ist. Man geht mit einem ganz anderen, selbstbewussteren Gefühl in die Jobsuche, wenn man finanziell unabhängiger ist. Viele Menschen haben ja genau diese Freiheit aufgrund ihrer Ausbildung, aber der Großteil der Beschäftigten eben nicht. Ich sage das als Informatiker, weil ich diese privilegierte Stellung kenne.

Was passiert mit den Jobs, die keiner machen möchte?

Da gibt es verschiedene Szenarien in meinem Kopf. Vielleicht ist es wie bei der Geflüchteten-Krise und die Leute packen einfach da an, wo es nötig ist. Oder die Vergütung für solche unbeliebten Jobs steigt und sie werden dadurch aufgewertet. Möglicherweise wird es auch eine neue Welle an Innovationen geben. Vor allem in den Bereichen, wo Automatisierung helfen kann, unliebsame und körperlich anstrengende Arbeiten zu ersetzen. Ein interessantes Beispiel ist die Müllabfuhr. Sie könnte vollständig automatisiert werden. Oder aber wir denken uns Strategien der Müllvermeidung aus. Es gibt mit Sicherheit schon viele Ideen in der Schublade, deren Realisation heute noch nicht lohnt, weil die menschliche Arbeitskraft einfach billiger ist.

Wie läuft die Verteilung Eurer Grundeinkommen ganz praktisch ab?

Wir haben eine digitale Lostrommel. Alle Menschen, die uns regelmäßig etwas spenden, sind immer mit drin. Ansonsten kann sich jeder Mensch, der das möchte, zur Verlosung anmelden. Dazu haben wir ein analoges Rad, an dem wir drehen und dann werden die Gewinnerinnen und Gewinner ausgelost.

Warum ist Euer Grundeinkommen bedingungslos?

Ich habe über mehrere Jahre ein Stipendium für mein Studium bekommen, auf der Grundlage, dass der Staat oder die Gesellschaft Leistungsmaßstäbe angesetzt hat, die auf mich gepasst haben und unter der Bedingung, dass ich das Leistungslevel messbar aufrecht erhalte. Ich habe diese Freiheit natürlich sehr genossen, fand es aber ungerecht, dass so viele Menschen in meinem Umfeld, die ähnliche oder sogar bessere Leistungen erbringen, die weniger klar messbar sind, diese Möglichkeiten nicht bekommen. Das hat mir gezeigt, dass es schwer zu beurteilen ist, welcher Mensch mit welchem Lebensstil eigentlich für eine Förderung in Frage kommt. Ich habe auch erlebt, wie sehr ein bestimmtes Maß an finanziellem Spielraum die Freiheit, über die eigene Situation nachzudenken, erst ermöglicht.

Die Bedingungslosigkeit ist auch perspektivisch wichtig. Wenn das Grundeinkommen nur für Menschen mit Bedürftigkeit eingeführt wird, dann wird es automatisch ein Prekariats-Marker, wie beispielsweise ein „schöneres Hartz 4“. Grundeinkommen bedeutet auch, dass man Menschen nicht zur Rechenschaft für das ziehen kann, was sie damit machen.

Wäre ein Grundeinkommen vielleicht auch als eine Art Kreativ-Stipendium denkbar?

Das Problem eines Stipendiums ist, dass man sich bewerben muss und dass es zeigt, ob man die geeignete Infrastruktur, den richtigen sozialen Hintergrund oder als Bildungsaufsteiger überdurchschnittlich viele Hürden genommen hat. Und dann stellt sich ja auch die Frage, wer sich darum bewerben würde. Die einen haben sich vielleicht ihre 1.000 Euro im Monat hart erarbeitet und wollen nicht, dass jemand anderes das geschenkt bekommt - sie selbst auch nicht - weil dieser Betrag symbolisch für erbrachte Leistung steht. Und jemand anderes denkt sich vielleicht: „so schlecht geht’s mir doch gar nicht, ich verzichte auf die Unterstützung zugunsten anderer, die bedürftiger sind“. Man kommt einfach nicht aus diesem Rechtfertigungs- und Klassifizierungskreislauf heraus. Da ist es doch gerechter und hierarchiefreier, man gibt es einfach allen.

Warum 1.000 Euro?

Die 1.000 Euro hat Götz Werner in seinem Buch „1.000 Euro für jeden“ zur Diskussion gestellt. Das deckt ungefähr die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten in Deutschland, wenn man eine Wohnung hat und Essen und Kleidung kauft. Außerdem sind 1.000 Euro ein griffiger Betrag, den man gut erfassen kann. Mein Grundeinkommen ist ja eine Kampagne und da ist es wichtig, klar und verständlich zu bleiben. Uns geht es ja gerade darum, eine breitere Gesellschaft zu adressieren, nicht nur akademische Kreise.

Wer bewirbt sich für das Grundeinkommen?

Wir haben fast 350.000 User*innen auf unser Plattform, davon sind mehr als 22.000 regelmäßige Unterstützerinnen und Unterstützer, die durchschnittlich ein paar Euro spenden. Für die Verlosung muss man sich nicht bewerben. Alle können einfach daran teilnehmen. Wir erheben bisher kaum Daten und unterscheiden nicht nach Alter oder Geschlecht. Was wir sichtbar machen, sind die Wünsche der Menschen. Über die Supportanfragen bekommen wir natürlich ein Gefühl dafür, wer sich für uns interessiert. Da sind auch eine Menge technische Laien dabei, die nicht in den großen sozialen Netzwerken aktiv sind. An den Gewinnenden sehen wir, dass unter den Unterstützerinnen und Unterstützern viele Menschen zwischen 30 und 50 sind. Erstaunlicherweise weniger junge Menschen. Viele wünschen sich einen Ausweg aus ihrer schwierigen sozialen Situation. Die einzelnen Geschichten, die dahinter stehen, sind eigentlich viel spannender als die Empirie.

Ich bin darüber gestolpert, dass ein achtjähriger Junge das Grundeinkommen bekommen hat...

Es hat sogar schon ein Baby gewonnen. Die Frage ist: Was macht ein Grundeinkommen mit einer Eltern-Kind-Beziehung? Schafft das eventuell eine neue Autonomie? Wie stark kann ich eine hierarchische Beziehung, wie diejenige zwischen Eltern und Kindern neu definieren?

Was sind Eure aktuellen Herausforderungen?

Wir sind im letzten Dreiviertel Jahr von drei auf achtzehn Mitarbeitende gewachsen und müssen jetzt an den entsprechenden Strukturen arbeiten. Zum Beispiel neue Abstimmungsprozesse gestalten, damit wir von unserem Wachstum bestmöglich profitieren und uns nicht nur mit der Verwaltung beschäftigen. Das ist dann auch ein Schritt in Richtung Professionalisierung. Wir wollen aber nicht zu einer Grundeinkommens-Behörde werden, sondern mit einem starken und agilen Team wirksame Kampagnen kreieren und so die Grundeinkommensdebatte fördern. Wir arbeiten im Moment auch am Relaunch unserer Plattform.

Ihr macht Euch viele Gedanken um Freiräume. Gibt es schon ein Konzept, wie Ihr diese Freiräume auch in Eurer eigenen Unternehmensphilosophie umsetzen wollt?

Eine Kollegin hat unsere Vision in der Organisationsentwicklung neulich sehr treffend zusammengefasst: „Wir möchten die größtmögliche Synergie zwischen Freude und Wirksamkeit erreichen“. Wir haben eine Organisationskultur, bei der Konflikte direkt angesprochen werden. Alle drei bis vier Wochen haben wir einen Teamtag, den wir dafür nutzen, zu diskutieren, was wir strategisch die nächsten Wochen machen wollen, oder um eine Rückschau zu machen, was gemeinsam erreicht wurde. Wir implementieren Holokratie. Und bei den Gehältern folgen wir einem Bedarfsprinzip.

Auch diese Verteilung führt doch bestimmt schnell zu Konflikten, weil Bedarf verhandelbar ist, oder?

Solche Konflikte müssen wir dann austragen. Es sollte sich niemand rechtfertigen müssen, aber alle müssen transparent machen, wie der Bedarf sich zusammensetzt. Vor allem, wenn er stark davon abweicht, was andere Menschen für sich beanspruchen. Da wir nicht profitorientiert arbeiten, ist dabei eine gewisse Genügsamkeit selbstverständlich.

Ich hinterfrage meine Rolle als Informatiker in der Gesellschaft durchaus kritisch. Das ist ja eine sehr männlich dominierte Gruppe. In den Geistes- und Kommunikationswissenschaften haben wir sehr viele Frauen. Wenn wir dieses Ungleichgewicht, vor allem auch in der Bezahlung, hier abbilden und nicht hinterfragen, dann haben wir unseren Job nicht richtig gemacht. Wir wollen ja mit dem Grundeinkommen auch Empowerment schaffen. Wir haben bei uns festgestellt, dass Frauen ein bisschen zurückhaltender sind, was ihre Forderungen angeht. Deswegen haben wir eine Art Patriarchats-Aufschlag eingeführt. Bei dem Gehalt, das Frauen fordern, schlagen wir noch mal 15 Prozent drauf. Das führt durchaus auch zu Kontroversen bei uns im Team:  Manche sagen, wenn wir uns des Problems bewusst sind, dann sollten wir uns auch des Problems annehmen und nicht den Umweg über einen Aufschlag nehmen. Es ist toll, zu sehen, dass wir zusammenarbeiten können, ohne Gehaltsdiskussionen übereine Art Konkurrenzsituation austragen zu müssen und man Gehaltsunterschiede aushalten kann, so lange man weiß, wie diese zustande kommen. Wir wollen die Gesellschaft gestalten. Und dazu gehört auch, Dinge auszuprobieren und neu zu verhandeln.

Was für Pläne habt ihr noch in der Schublade?

Sanktionsfrei ist ein Schwesterprojekt, das gerade in der Genese ist. Ziel ist es, das Hartz-IV-System in eine sanktionsfreie Mindestsicherung umzugestalten. Das Crowdfunding dazu ist bereits abgeschlossen. Da können wir zum Beispiel Erfahrungen aus Mein Grundeinkommen mit einfließen lassen.

Dann gibt es noch VotesApp. Das ist eine Demokratie-App, wo es darum geht, die Fragen, die im Parlament abgestimmt werden, direkt in der Gesellschaft zu stellen und dann zu schauen, wie sich die Bürger*innen dazu verhalten. Unsere Projekte sollen dabei helfen, zu gestalten, ohne Angstgefühle zu schüren oder ideologisch zu sein. Mein Grundeinkommen will das damit erreichen, eine Grundsicherung zu bieten. Sanktionsfrei damit, Machtverhältnisse zwischen Jobcenter und Antragsteller in Frage zu stellen, um Augenhöhe zu schaffen. Wir wollen immer wieder zeigen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der die finanzielle Potenz wichtig ist für Verhandlungen auf Augenhöhe, ein Großteil der Gesellschaft über diese Potenz jedoch nicht verfügt.  

Vielen Dank Steven!

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Flexibilität , Mit Perspektive