Menschen wachsen mit ihrer Verantwortung

Vergangene Woche haben wir Steven Strehl von „Mein Grundeinkommen“ interviewt. Die Initiative sammelt per Crowdfunding Geld für ein bedingungsloses Grundeinkommen, das anschließend verlost wird. Wir waren neugierig, wer sich für das Grundeinkommen bewirbt und haben eine Gewinnerin getroffen. Jesta Phoenix ist Coach und lebt mit ihrer Frau und zwei Kindern in Berlin Friedrichshagen.

25.08.2016 • Anja Dehghan

Was hast du gedacht als du plötzlich jeden Monat 1000 Euro zur Verfügung hattest – ein Jahr lang?

Nachdem ich das Grundeinkommen gewonnen hatte, stellte sich sofort ein bombastisches Gefühl ein. Ich dachte, wow! Endlich kann ich so arbeiten, wie ich es mir vorstelle. Aber natürlich kommen mit der Freiheit nicht nur die Wahlmöglichkeiten sondern auch die Verantwortung. Ich dachte auch“ hoffentlich versau ich’s nicht.“ Das Grundeinkommen selbst zu gewinnen war eigentlich nicht Teil meines Plans. Das wäre ja wie einen Lotto-Gewinn als Strategie zu planen. Ich habe seit zwei Jahren jeden Monat einen Euro an das Projekt gespendet, weil ich absolut überzeugt davon war und immer noch bin. Und, ganz ehrlich, einen Euro hat man jeden Monat übrig. Ich wurde also ein so genanntes Crowdhörnchen und fand es schön jeden Monat daran erinnert zu werden. Klar löst das Grundeinkommen nicht alle Probleme dieser Welt, aber es bietet die Möglichkeit Fragen zu stellen, die wir uns dringend stellen müssen.

Und welche Frage hast du dir gestellt?

Wie möchten wir arbeiten? Wie möchte ich arbeiten? Als ich das Grundeinkommen gewonnen habe, entschied ich mich für ein Experiment: Meine Klienten sollen für meine Leistung nur das zahlen, was sie für angemessen halten. Das wollen natürlich nicht alle, einige wollen einen klaren Kostensatz, aber ich habe die Möglichkeit es anzubieten. Und für mich stellt sich die spannende Frage: kann ich das halten? Die Existenzangst ist das größte Problem in unserer Arbeitswelt. Ich hätte sie gern raus aus unseren Lebens- und Arbeitsentscheidungen. Wenn wir die Angst rausnehmen, dann gibt uns das ein Stück unserer Würde zurück und damit die Möglichkeit, das aktiv in die Welt zu träumen, was wir durch unsere Arbeit beitragen möchten. Die viel verbreitete Angst vor dem Grundeinkommen wird ja damit begründet, dass die Menschen dann faul werden und nichts mehr tun. Aber das glaube ich nicht.

Wir haben alle das Bedürfnis etwas beizutragen durch unsere Arbeit, durch unsere Vision… Alle haben Angst, dass nur die anderen dann nichts mehr tun. Auch wenn sie von sich selbst wissen, dass sie dann auch ohne Zwang weiter dem nachgehen, was sie erschaffen möchten. Und dann sind 1.000 Euro ein Grundeinkommen und zum bequemen Leben braucht es mehr. Meine Frau ist Doktorandin und hat eine halbe Stelle. Wir haben zwei kleine Kinder, drei und fünf Jahre, wir sind beide zu jeweils 50% für unser Familieneinkommen verantwortlich. Ich habe mit meiner Berufserfahrung die Wahl, ich könnte mich dafür entscheiden angestellt irgendwo angestellt zu arbeiten und kalkulierbarer Geld zu verdienen als jetzt. Aber wir sagen immer, wir sind Sinnarbeiterinnen. Es geht darum, die Wahlfreiheit zu haben. Mein Job als Slow Business Coach ist das, was ich gerne mache und worin ich einen Sinn sehe.

Wie sieht denn dein Job aus?

In meinem Coaching geht es um das „Wie“ des Arbeitens. Es geht darum herauszufinden, wie das eigene Arbeiten am besten funktioniert. Ich kann zum Beispiel nicht lange stillsitzen, also laufe ich eigentlich permanent rum, wenn es möglich ist. Bei Telefonieren, im Gespräch mit Klienten usw. Deswegen biete ich auch das Walk & Talk Coaching für Leute wie mich an – die einfach besser nachdenken wenn sie sich bewegen. Wichtig für ein solchen Coaching ist, dass es nicht irgendwo fix zwischen zwei Termine gequetscht wird, so von wegen, „ich hab ne halbe Stunde, können wir mal eben mein Arbeitsleben neu strukturieren“. Also besteht der erste Termin für KlientInnen in Berlin oft darin, mit mir drei Stunden gemeinsam um den Müggelsee zu wandern. Ich coache zum Beispiel Menschen nach einem Burnout, und begleite ihren Wiedereinstieg in den Job. Die meisten Menschen die zu mir kommen sind im dritten bis fünften Jahr ihrer Selbständigkeit und sie wissen, sie müssen ihr Tempo herunterfahren, um nicht gegen die Wand zu prallen, sie wissen nur nicht wie sie das machen sollen. Aber auch Angestellte kommen zu mir mit dem Wunsch wertetreuer zu arbeiten. Oder Väter, die in ihrer Rolle als Hauptverdiener nicht mehr glücklich sind. Ich sage immer, ich arbeite mit pragmatischen Visionären. Menschen, die bereits wissen, dass sich etwas ändern muss, aber den Weg dahin noch nicht kennen. Meine Arbeit ist Teil der Lösung.

Was ist denn das Prinzip deiner Arbeit?

Meine Aufgabe ist es nicht, dir zu sagen, was du zu tun hast, sondern Fragen zu stellen. Wie machst du es denn? Nicht, was ist richtig und was ist falsch. Ich nenne es intuitives Zeitmanagement. Intuitiv deshalb, weil es vom jeweiligen Menschen ausgeht. Zeitmanagement bedeutet aber nicht, dass man jederzeit alle Dinge in der Hand hat.

Ich setze da an, wo die Leute schon sind. Wie fallen ihnen die Dinge leichter, was fällt schwer? Das hat zum Beispiel auch etwas mit dem eigenen Biorhythmus zu tun. Gerade, wenn man selbständig ist, sich seine Zeit frei einteilen kann, ist es wichtig Aufgaben so zu verteilen, dass sie in den eigenen Lebensrhythmus passen. Ich habe zum Beispiel nachmittags keine Zeit, mich stundenlang konzentriert an den Schreibtisch zu setzen, obwohl ich da eigentlich am kreativsten bin. Zu dieser Zeit kümmere ich mich um meine Kinder. Also habe ich überall in meiner Wohnung Zettel verteilt und wenn mir beim Brote schmieren ein Einfall kommt, dann schreibe ich ihn auf. Es gibt natürlich bestimmte Dinge, da muss man durch, die macht niemand wirklich gerne, zum Beispiel die Steuererklärung. Aber wenn ich die nicht mache, bekomme ich Probleme – zum Beispiel Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung. Also weiß ich warum ich mich dafür entscheide – ich mag einfach meine Freiheit sehr gern. Ich finde nicht alle Dinge toll, die ich mache, aber das wofür ich sie mache finde ich toll! Man muss sich klar werden darüber, was wirklich wichtig ist. Wenn ein To Do wochenlang auf der Liste steht, hilft es manchmal, die Liste einfach wegzuwerfen, und zu sehen was passiert. Meistens passiert nichts. Viele Menschen haben zu wenig Vertrauen in sich selbst, in ihre Fähigkeiten. Sie fragen sich, kann ich das wirklich? Bin ich professionell? Aber was macht Professionalität denn eigentlich aus? Ein Abschluss? Eine bestimmte Position? Sie hängen da irgendwelchen Glaubenssätzen hinterher, deren Verfallsdatum eigentlich für sie längst abgelaufen sind. Also kann man sie auch loslassen. Das tolle am Coaching ist, dass man nicht in der Vergangenheit nach Ursachen für Probleme sucht, sondern der Zukunft zugewandt nach Lösungen.

Wie bist du zu dem gekommen, was du heute machst?

Ich bin eigentlich Autorin für Theater und Film. Nach der Geburt meines Kindes habe ich jemanden gesucht, der mir dabei hilft herauszufinden, wie ich meine Arbeit gestalten kann, wie es funktionieren kann – meine Werte und meine Arbeit zu verbinden. Ein zufriedenes Leben, wertetreue Arbeit. Aber ich habe niemanden gefunden weil es entweder Business Coachs gab, die nur auf eine Effizienz und einen Erfolg gesetzt haben, mit deren Definition ich mich nicht identifizieren konnte. Oder es waren Life Coachs, die nochmals durch meine Kindheit wollten. Mit meiner Kindheit lebe ich inzwischen sehr im Frieden und Erfolg und Effizienz definieren sich für mich an meinem glücklich Sein – mit meinem Leben als Gesamtkunstwerk… Also habe ich es einfach selbst gemacht. Manchmal habe ich nicht das Gefühl, dass ich eine Wahl habe. Ich könnte gar nichts anderes machen als das hier. Zumindest nicht mit derselben Leidenschaft.

Warum ist das Grundeinkommen eine gute Idee?

Ich bin überzeugt davon, dass wir eine viel glücklichere Gesellschaft wären, wenn jeder das machen könnte, was er will. Menschen wachsen mit ihrer Verantwortung, wenn sie eine Wahl haben. In unserer Arbeitswelt heute müssen wir immer noch leiden um uns unsere Existenzberechtigung zu verdienen. Arbeit macht keinen Spaß, sie muss sein. Durch ein bedingungsloses Grundeinkommen wären wir nicht mehr länger reduziert auf einen Überlebenskampf. In einer perfekten Arbeitswelt hat man die Wahl, glücklich zu arbeiten. Die Arbeitswelt passt sich ans Leben an und nicht umgekehrt.

Vielen Dank Jesta!

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Flexibilität , Mit Perspektive