Jeder, der Dinge ändern will, stößt irgendwo auf Widerstand

Hendrik Epe hat als Sozialarbeiter in der stationären Jugendhilfe gearbeitet und ist dann in den Bereich Qualitätsmanagement von Studiengängen und Hochschulen gewechselt. Gerade schließt er seine Masterarbeit zum Thema „Innovation in Sozialen Organisationen“ ab. Das ist nicht immer stressfrei mit drei Kindern zu Hause. Wir haben mit ihm über die Unterschiede zwischen freier Wirtschaft und Sozialer Arbeit gesprochen und darüber, wie Veränderung auch mit geringen finanziellen Mitteln gelingen kann.

13.05.2016 • Maria Gerono & Anja Dehghan

Wann war für dich der Punkt erreicht, an dem Du etwas anderes als Sozialarbeit machen wolltest und was waren Deine Beweggründe?

Ich habe mein komplettes Studium mit der Arbeit in der stationären Jugendhilfe finanziert und danach noch etwa eineinhalb Jahre in dem Bereich gearbeitet. Irgendwann habe ich aber festgestellt, dass mir die Wertschätzung gegenüber den Jugendlichen mehr und mehr verloren ging. Hinzu kamen Aspekte wie die Schichtarbeit, die aus meiner Sicht auf Dauer schon recht zehrend ist. Aber der eigentlich wichtige Punkt war die fehlende Wertschätzung: Wenn die verloren geht, macht es keinen Sinn mehr, mit den Menschen zu arbeiten. Da hat dann niemand was davon: ich nicht, weil ich unzufrieden bin; die Jugendlichen nicht, weil ich ihnen nicht das geben konnte, was wichtig gewesen wäre.

Du hast dann noch einmal angefangen zu studieren. Mit drei Kindern sicher eine ziemliche Herausforderung. Was hat Dich angetrieben?

Die Belastung ist schon enorm, insbesondere für meine Frau, die den Rahmen für unsere Familie stemmen muss. Mein Job erfordert auch recht häufig Dienstreisen, was es dann noch mal schwieriger macht. Gleichzeitig hatte ich schon immer den Antrieb weiterzustudieren und mich mit organisationalen Fragen auseinanderzusetzen: Wie funktionieren Organisationen und warum funktionieren sie so, wie sie funktionieren. Die Verbindung von Sozialem und Management war da ziemlich naheliegend. Die Entscheidung zu studieren fiel jedoch sehr spontan, ein paar Wochen nach der Geburt unseres dritten Kindes. Weil: wenn nicht jetzt, wann dann? Auch wenn die Herausforderungen manchmal grenzwertig sind und meine Frau nicht zwingend begeistert ist...

Du schreibst Deine Masterarbeit über die Innovationsfähigkeit von Organisationen in der Sozialwirtschaft. Verarbeitest Du da eigene Erfahrungen?

Innovation muss sich ja nicht zwingend auf das „Produkt“ - im Sozialbereich die soziale Dienstleistung - beziehen, sondern kann sich auch auf die Art, wie die Arbeit in den Organisationen abläuft, beziehen – sogenannte Prozessinnovation. Der endgültige Ausschlag zur Beschäftigung mit dem Thema kam aus dem Gefühl heraus, dass Innovation im sozialen Bereich wenig passiert, und damit nachhaltige, sinnvolle Weiterentwicklung der Angebote und Organisationen. Organisationen der Sozialwirtschaft übertragen Ansätze aus Wirtschaftsunternehmen oft ungefiltert, ohne diese für den Sektor passend weiterzuentwickeln. Und was passiert? Alle – Mitarbeiter ebenso wie der Chef - sind unzufrieden! Eine leitende Frage meiner Masterarbeit ist entsprechend: Warum ist das so? Warum läuft Innovation in der Sozialwirtschaft langsamer, oder zumindest anders ab, als in der „normalen“ Wirtschaft? Klar, das Geld spielt eine Rolle. Organisationen können mit den meist öffentlichen Geldern nicht mal eben so irgendwas ausprobieren und Neues wagen. Dafür werden sie einfach nicht bezahlt - was zumindest überdenkenswert wäre. Aber liegt es nur am Geld? Oder kommen noch andere Faktoren hinzu, die die Organisationen daran hindern, innovativ zu werden? Davon bin ich – vor allem jetzt, kurz vor Abgabe meiner Arbeit – überzeugt! Ein weiterer Grund warum ich mich mit Innovation in der Sozialwirtschaft beschäftige, ist der radikale Wandel der Gesellschaft. In meinen Augen sind dies Entwicklungen, die Innovation ganz einfach notwendig werden lassen. Zu nennen sind zum Beispiel die Globalisierung, Digitalisierung, Individualisierung, ein Wertewandel und insgesamt eine zunehmende Flexibilisierung der Lebens- und damit auch Arbeitsentwürfe. „New Work“, wenn man so will. Hinzu kommt eine demografische Entwicklung, die die Soziale Arbeit schon jetzt und zukünftig verstärkt hart trifft. Fachkräftemangel ist ein riesiges Problem. Auf all dies muss die Soziale Arbeit und müssen konkret die Organisationen der Sozialwirtschaft eine Antwort finden. Und die Probleme von heute mit den Lösungen von gestern zu lösen wird nicht funktionieren. Hier braucht es Innovation.

Innovatives Arbeiten ist nicht unbedingt das erste, an das man in Bezug auf den Sozialsektor denkt. Wo siehst Du Ansätze für Veränderungen? Sind die Möglichkeiten nicht ziemlich begrenzt dadurch, dass die Unternehmen am Tropf öffentlicher Gelder hängen?

Die öffentlichen Gelder spielen natürlich immer noch eine große Rolle in der Finanzierung der Einrichtungen und damit auch bei der Frage nach der Innovationsfähigkeit. Wenn ich als Unternehmen einige Millionen Euro zur Verfügung habe, kann ich einfach(er) in die Entwicklung neuer Ideen investieren. Ich kaufe mir die besten Menschen ihres Fachs, biete ihnen optimale Bedingungen und damit kann ich zumindest die Wahrscheinlichkeit erhöhen, neue Ideen zu generieren. Aber eben nur die Wahrscheinlichkeit. Mit Sicherheit zu sagen, dass eine bestimmte Methode oder eine Personen eine neue Idee generiert ist Blödsinn. So fallen einem bekanntlich ja die besten Ideen unter der Dusche ein. Wenn ich aber jetzt täglich acht Stunden dusche, habe ich sicher nicht mehr oder bessere Ideen.

Ansätze für Veränderung liegen somit nicht nur in der Möglichkeit mehr Geld zur Verfügung zu stellen. So ist eine Organisation als soziales System ein komplexes Gebilde, Chancen für Veränderung ergeben sich auf vielen Ebenen. Beispielsweise ist die Art, wie Organisationen mit ihren Interessengruppen umgehen kostengünstig veränderbar - angefangen bei den Mitarbeitern, über die Politik, Geldgeber oder auch Wettbewerber, bis hin zu den Klienten. Eine offene und ehrliche Kommunikation – zum Beispiel über das Internet – eröffnet ein riesiges Potenzial an Ideen, wie die Arbeit der Organisation anders, neu und vielleicht besser gestaltet werden könnte. Eine andere Möglichkeit wäre zum Beispiel die Bildung von Netzwerken, die explizit das Ziel der Erprobung und Umsetzung von neuen Ideen haben. In der Wirtschaft werden „Innovation Labs“ gegründet. Warum gibt es diese nicht innerhalb großer Organisationen oder auch als Zusammenschluss von Organisationen der großen Wohlfahrtsverbände? Der finanzielle Aufwand hält sich in Grenzen, aber es würde die Möglichkeit eröffnen, innovationsorientierten Mitarbeitern neue Wege zu bieten, Ideen zu entwickeln und diese vor allem umzusetzen. Der Punkt der innovationsorientierten Mitarbeiter betrifft dann wiederum die Ausbildung zu Sozialer Arbeit: Hier fehlt mir die Vermittlung unternehmerischer Kompetenzen zur Entwicklung und vor allem Umsetzung von Ideen oder zum Verständnis von Organisationen. Das wird häufig erst in den Master-Studiengängen vermittelt, gehört mit Blick auf notwendige Innovation aber zur Grundausstattung von Sozialarbeitern. Insgesamt gehört Innovation in der Sozialwirtschaft auf die Agenda der Organisationen und verstärkt auch der Hochschulen, die für Soziale Arbeit ausbilden. Das Thema muss auf diesen Ebenen wahr- und ernst genommen werden. Und da habe ich oft das Gefühl, dass noch Entwicklungspotential besteht.

Häufig verbindet man ja mit New Work vor allem Bürohengste und Kreative. Wie lassen sich Deiner Meinung nach neue Denkmuster auf klassischer strukturierte Branchen, wie Soziale Berufe übertragen?

Ich glaube, man muss in den Sozialen Berufen keine „neuen Denkmuster“ etablieren. Ich bin viel eher der Auffassung, dass die Schlagworte, die unter „New Work“ diskutiert werden – vor allem Selbstorganisation, Ganzheitlichkeit und Sinn – eigentlich die Grundwerte sind, mit denen Soziale Arbeit schon immer funktioniert hat. Irgendwann hat man jedoch angefangen, Soziale Arbeit in Strukturen zu pressen, die für die Art der Arbeit, die zu verrichten ist, nicht passt. Soll heißen, wenn man mit Menschen arbeitet, lässt sich die Sinnfrage leichter beantworten, als wenn man Klopapier vertreibt. Wenn man in der stationären Jugendhilfe mit Jugendlichen arbeitet, muss man sich als Mensch selber sehr gut kennen und einschätzen können. Der oft ein wenig belächelte Anteil an „Selbstfindung“ ist in meinen Augen wesentlich, um mit oftmals extremer Klientel angemessen arbeiten zu können. Und wie kommt man dahin, sich selbst zu finden? Wenn ich das wüsste, wäre ich reich, aber gute Wege sind sicherlich Meditation oder Yoga und was es da sonst so alles gibt. Und warum sollte man nicht anfangen, das mal mit seinem Team auszuprobieren, so, wie es gerade in vielen großen Unternehmen unter dem Thema „Achtsamkeit“ versucht wird? Und abschließend: Wer, wenn nicht die Menschen, die in direktem Kontakt zu ihrer Klientel stehen, könnten besser entscheiden, welche Schritte oder Aufgaben wirklich wichtig sind? Sicher nicht der Chef, oder? Warum lässt man nicht die Teams und insgesamt die Organisationen sich selbst organisieren? In einem meiner Blogbeiträge habe ich mal geschrieben, dass die „New Work Prinzipien“ - Selbstorganisation, menschliche Arbeit, Sinn – als die „eigentliche Identität Sozialer Arbeit“ bezeichnet werden könnten. Um es kurz zu machen geht es darum, die Lebendigkeit zurück in hierarchische Organisationen zu bringen.

Warum sollte sich heute noch ein Absolvent dazu entscheiden im sozialen Bereich zu arbeiten?

Aus genau den genannten Gründen: Selbstorganisation, menschliche Arbeit, Sinn! Eigentlich müsste ich nicht mehr sagen. Wenn jemand einen Beruf sucht, der Sinn macht, viel von der eigenen Person fordert und dabei auch noch mit hoher Eigenverantwortung einhergeht, dann ist der Soziale Bereich in meinen Augen immer die erste Wahl. Allerdings – das darf nicht verschwiegen werden – gehört auch der Wille dazu, einen Job zu machen, der nicht wahnsinnig gut bezahlt wird. Reich werden ist also schwierig, aber das ist nichts Neues. In meinen Augen kann der Bereich enorm befriedigend und eben sinnvoll sein, wenn man sich nicht einem permanenten Gejammer hingibt, sondern im Rahmen seiner Möglichkeiten versucht, sein Umfeld lebendig zu gestalten.

Du hast einmal gesagt „Soziale Arbeit reproduziert sich selbst.“ Kannst Du das noch mal genauer erklären?

Eigentlich müsste es doch – wenn die Soziale Arbeit funktionieren würde – immer weniger Soziale Organisationen geben, oder? Natürlich wandeln sich die Gesellschaft und ihre Probleme ständig und damit auch die Arbeitsfelder Sozialer Arbeit. Aber darüber hinaus besteht auch das Problem, dass sich Organisationen künstlich am Leben erhalten. Es werden Projekte gesucht und gefunden, die kurzfristig Geld in die Töpfe spülen. Das Ziel ist nicht zwangsläufig die Lösung sozialer Probleme, sondern mit die Überlebenssicherung der Organisation. Wenn man die Fragen nach Effizienz und Effektivität aus einer professionellen Perspektive stellt, könnte man vielleicht zu dem Schluss kommen, dass die Organisation schließen muss: Die Arbeit lohnt sich schlichtweg nicht mehr, und zwar nicht nur aus finanziellen, sondern auch aus professionellen Gründen. Aber Geschichten über die Schließung oder die Insolvenz Sozialer Organisationen hört man verhältnismäßig selten. Oft werden diese Organisationen von ihrem Träger sehr lange unterstützt und damit am Leben erhalten, obwohl eigentlich jedem klar ist, dass es nicht mehr weitergeht. Übrigens auch ein Problem der Innovationsfähigkeit, die mit der Fähigkeit sich zu wandeln einhergeht.

In den meisten Branchen bedingen sich Fachkräftemangel und Verbesserung der Arbeitssituation oder des Gehalts. Nicht so in der Sozialbranche. Warum? Üben die Arbeitnehmer zu wenig Druck aus?

Ob sich durch den Fachkräftemangel gar nichts ändert, weiß ich gar nicht. Aber ich gebe Dir recht: Die Verknappung der Arbeitskräfte führt nicht – wie in der freien Wirtschaft – zu steigenden Gehältern. Das liegt vor allem daran, dass die Organisationen eben nicht „frei“ sind, sondern in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihren finanzierenden Organisationen stehen. Ich bin mir nicht sicher, ob gewerkschaftliche Zusammenschlüsse das Problem lösen. Klar ist, dass die Sozialarbeiter schon immer schlecht organisiert waren. Auch wenn ich damit sicher nicht nur auf Begeisterung stoße: In meinen Augen passt eine gewerkschaftliche Organisation nicht zu sich permanent wandelnden Anforderungen, denen sich Arbeitnehmer – und damit auch Sozialarbeiter – gegenübersehen. Ich habe mal einen Blogartikel geschrieben zum Thema „Sozialarbeiter als Freelancer“. Freelancer können – wenn sie gut sind – ihren Kunden ihren wirklichen Nutzen deutlich machen. Wenn es den Sozialarbeitern besser gelingt, ihren Nutzen für die Gesellschaft nach außen zu „verkaufen“, könnten wir dahin kommen, dass es auch mit den Löhnen bergauf geht. Das erfordert aber eben eine Veränderung der gesellschaftlichen Wahrnehmung Sozialer Arbeit.

Mit welcher Zielstellung hast Du angefangen deinen Blog schreiben?

Meinen Blog habe ich vor etwa zwei Jahren begonnen. Zunächst ging es nur darum, mein Studium für mich selbst zu reflektieren. Ich schreibe recht gerne, Internet ist auch spannend, da lag das irgendwie nahe ;-) Inzwischen liegt der Fokus ganz klar auf der Frage, wie sich Soziale Organisationen zukunftsfähig gestalten lassen, so dass es Spaß macht, dort zu arbeiten und der Nutzen für alle Beteiligten möglichst hoch ist.

Hat sich der Blog inzwischen verändert? Welche Reaktionen bekommst Du?

Ich habe zunehmend begonnen mich zu fragen, wie ich eigentlich arbeiten oder sogar leben will, insbesondere als Familie mit drei Kindern. Und dann habe ich festgestellt, dass die Sozialen Organisationen doch in vielen Punkten enorm anders ticken als „normale“ Unternehmen. Daraus hat sich die Frage ergeben, ob man Soziale Organisationen nicht auch anders, neu, besser, „menschlicher und lebendiger“ denken und dann natürlich auch gestalten kann. So dass die Organisationen wirtschaftlich tragfähig sind und einen echten Mehrwert für die Menschen liefern. Dazu hat für mich die Beschäftigung mit der Entwicklung von Arbeit und dem inzwischen großen Themenbereich „New Work“ stark beigetragen. Wohin sich das Ganze entwickeln wird, weiß ich noch gar nicht, aber die Innovationsfähigkeit ist ein Thema, das so spannend ist, dass der Fokus wohl erstmal in dem Bereich liegen wird – Innovation als Möglichkeit, Soziale Organisationen wieder lebendig zu machen.

Die Reaktionen, die ich auf den Blog bekomme, sind vornehmlich positiv. Es gibt viele Menschen, die meinen Themen positiv gegenüberstehen. Aber es gibt natürlich auch Aspekte, die hart kritisiert werden. So kann ich mich dem von Prof. Heiko Kleve beschriebenen Systemliberalismus sehr gut anschließen, oder kurz: So viel Regelung wie nötig und so viel Freiheit wie möglich! Liberalismus ist in der Sozialen Arbeit jedoch - vorsichtig formuliert - nicht unbedingt gerne gesehen. Und da gibt es dann auch Kritik. Aber jeder, der Dinge ändern will, stößt irgendwo auf Widerstand.

Vielen Dank Hendrik!

Hier geht's zum Blog von Hendrik: Ideequadrat

 

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Mit Flexibilität , Mit Perspektive