Ich bin einfach ins kalte Wasser gesprungen

Christina Burkhard war in Elternzeit mit ihrem dritten Kind, als sie sich auf die Suche nach einem neuen Job machte. Aber Vollzeit arbeiten und Kinder, das passte für viele Unternehmen nicht zusammen. Nach mehreren Absagen wagte sie einen mutigen Schritt und gründete die Shiftschool, Deutschlands erste Akademie für Digitalisierung & Digital Leadership.

24.01.2018 • Maria Gerono

 
Kannst du euch mal kurz vorstellen. Was ist die SHIFTSCHOOL und was macht ihr?

 

Die SHIFTSCHOOL habe ich gemeinsam mit meinem Mann Tobias gegründet. An unsere Akademie kommen seit 2016 Teilnehmer aus allen Branchen und Unternehmensgrößen, die sich in einem offenen 18-monatigen Programm berufsbegleitend zum Digital Transformation Manager weiterbilden. Sie erhalten in 8 Modulen eine generalistische Ausbildung mit dem Schwerpunkt Digitalisierung, die sie befähigt, den digitalen Wandel in ihren Unternehmen zu gestalten. Klarer Fokus der Weiterbildung an der SHIFTSCHOOL liegt hierbei auf den drei für uns zentralen Elementen Skills, Mindset und Network, ohne die digitaler Wandel nicht funktionieren wird. Neben dem offenen Programm, das dieses Jahr bereits in die 4. Runde startet, arbeiten wir auch direkt mit zahlreichen Unternehmen zusammen.

 

Wie würdest du für dich den Begriff Digitalisierung definieren?

 

Digitalisierung bedeutet für mich die grundlegende Veränderung unseres gesamten Lebens - beruflich wie privat - durch die technologischen Möglichkeiten. Spannend hierbei ist für mich allerdings weniger der technologische Aspekt, sondern die Frage, wie wir Menschen mit diesen neuen Möglichkeiten umgehen. Begreifen wir sie grundsätzlich eher als Chance oder als Bedrohung? Ich finde, wir leben in sehr spannenden Zeiten, in denen wir mehr Möglichkeiten denn je haben – die aber auch mit einer großen gesellschaftlichen Verantwortung einhergehen und sehr viel Haltung und kritisches Hinterfragen erfordern.

 

Ihr vermittelt digitales Mindset und digitale Skills“. Was muss man sich darunter vorstellen?

 

Ich würde es vielleicht so formulieren: wir vermitteln Skills und arbeiten mit unseren Teilnehmern sehr stark an ihrem Mindset, um sie zu befähigen, den digitalen Wandel zu gestalten. Unter Skills verstehen wir Fähigkeiten wie beispielsweise konzeptionelles, strategisches und ganzheitliches Denken, immer wieder in unterschiedlichen Teams zusammenzuarbeiten, sich und seine Stärken zu kennen und zu reflektieren, unternehmerisch zu handeln, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Ich persönlich beobachte auch immer wieder, dass offene und klare Kommunikation eine sehr wesentliche Fähigkeit ist. Weiterhin ist die Frage danach, wie ich mit dem Thema Digitalisierung umgehe und welche Haltung ich dazu habe, ein zentrales Thema. Bin ich also eher offen, neugierig und sehe in diesem tiefgreifenden Wandel grundsätzlich eine Chance – auch wenn ich vielleicht bisher eher in einer „analogen“ Welt zuhause war, wenig technikaffin bin und gefühlt wenig Ahnung von Digitalisierung habe? Oder reagiere ich eher ängstlich, abwehrend und hoffe, dass das irgendwann wieder vorbeigeht. Digitales Mindset bedeutet, dass Menschen offen sind für all die Dinge, die die Digitalisierung mit sich bringt, sich mit ihnen - durchaus und hoffentlich auch kritisch - auseinandersetzten, um sie zu verstehen, Unsicherheiten aushalten können und ständig weiterlernen wollen. Das Mindset ist für uns deshalb so zentral, weil mir meine ganzen Skills nichts nützen, wenn ich sie nur mechanisch einsetze und deshalb, weil man das jetzt eben so machen muss ohne verstanden zu haben, welche Philosophie dahintersteckt und warum es wichtig ist, so zu arbeiten.

 

Wie bewertet ihr die Leistungen eurer SHIFT-Schüler. Gibt es Klausuren und Leistungsnachweise?

 

Ganz wichtig bei der Konzeption unserer SHIFTSCHOOL war es uns, auf klassische Bewertungssysteme à la Klausuren bewusst zu verzichten. Ich halte das reine Abfragen von Wissen mit einer wenig aussagekräftigen Benotung einfach für überholt und wenig hilfreich, um sich stetig weiterzuentwickeln, weil es kein wirkliches Feedback enthält. Wer 18 Monate lang viel Zeit, Energie und Leidenschaft für eine Weiterbildung aufbringt, hat unserer Meinung nach mehr verdient als Klausuren und Schulnoten. Natürlich geht es auch bei uns um das Thema Leistung. Nach jedem Modul müssen unsere Teilnehmer in Form einer sog. Challenge – so bezeichnen wir unsere praktischen Prüfungen - zeigen, was sie bei uns gelernt haben. Vor allem aber müssen sie zeigen, dass sie das Thema wirklich verstanden haben und die neuen Methoden, Fähigkeiten und ihr Wissen wirklich anwenden können. Diese Challenges werden von uns bewertet und an die Teilnehmer mit einem ausführlichen Feedback zurückgegeben. Sie erhalten Feedback zu Fragen wie: Was haben sie gut gemacht? Wo sollten sie noch mal nacharbeiten und warum? Ein weiterer wesentlicher Aspekt an der SHIFTSCHOOL ist das sogenannte „open assessment learning“, was bedeutet, dass unsere Teilnehmer auch maßgeblich und kontinuierlich durch das Feeback der anderen Teilnehmer lernen und sich weiterentwickeln können.

 

Was wäre ein praktisches Beispiel für so eine Challenge?

 

Eine große Challenge unter der Überschrift "agile Selbstorganisation und digitales Unternehmertum", an der unsere Teilnehmer ihre ganze SHIFTSCHOOL-Zeit hindurch arbeiten, ist die Organisation ihres Digital Summits. Sie müssen gemeinsam ein Festival organisieren, für das sie in einem kurzen Briefing zu Beginn lediglich ein paar Rahmendaten von uns mit auf den Weg bekommen. Alles andere müssen sie in einer Gruppe von 25 Personen, die im Alltag über ganz Deutschland verstreut ist, eigenständig regeln. Primäres Lernziel dieser Challenge ist nicht die Veranstaltung selbst, sondern die Erprobung von selbstorganisiertem Arbeiten in agilen Projekten, was wir als eine der zentralen Fähigkeiten für die Zukunft sehen. Die erlernten agilen Methoden sollen selbstorganisiert umgesetzt werden und die Kraft des Netzwerks im Sinne von „work smarter, not harder“ genutzt werden. Spannende Fragen, die häufig für viel Dynamik sorgen sind auch: Geben wir uns Regeln bzw. wie sieht in diesem Kontext Führung aus? In welchen Strukturen arbeiten wir? Wie kommunizieren wir und gehen miteinander um? Wer übernimmt Verantwortung und trifft Entscheidungen? Diese Challenge ist für unsere Teilnehmer eine wunderbare Möglichkeit, ihre Digital Leadership Skills zu erproben, kontinuierlich an ihnen zu arbeiten und immer wieder Feedback von uns und der Gruppe für ihre persönliche Weiterentwicklung zu erhalten.

 

Wie bist du selbst zum Thema Digitalisierung gekommen?

 

Ich habe vor unserer Gründung mit dem Thema Digitalisierung eher weniger Berührungspunkte gehabt – zumindest was meine Ausbildung und meinen beruflichen Werdegang angeht. Nach meinem Sprachstudium habe ich noch International Business studiert – was ich auf dem Papier auch sehr erfolgreich beendet habe. Aber schon damals hab ich mich ständig gefragt, warum man sich so viele Dinge für eine (Multiple Choice) Klausur stur in den Kopf pauken muss – um zwei Wochen später kaum noch etwas von all den Sachen zu wissen. Meine große Tochter kam bereits während meines Studiums auf die Welt – also war durch das Kind da weiterhin ein enger Berührungspunkt mit dem Thema Bildung. Beruflich bin ich erst mal in Richtung Marketing & Assistenz der Geschäftsleitung gegangen. Mein Zugang zu Digitalisierung kam und kommt also über das Bildungsthema – und auch über meinen Mann Tobias, mit dem ich die SHIFTSCHOOL gemeinsam gegründet habe. Er beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit dem Thema Digitalisierung – angefangen bei seinem MBA in Entrepreneurship & Innovation bis hin zu seiner Zeit in Berliner Startups. Die intensive Beschäftigung mit dem Thema Digitalisierung kam bei mir also erst so wirklich mit unserer Gründung.

 

Du warst bei der Gründung in Elternzeit mit eurem dritten Kind. Sind deine Erfahrungen eher Pro oder Contra Selbständigkeit mit Kind?

 

In meinem persönlichen Fall definitiv pro Gründung. Es war eine der besten Entscheidungen, die ich jemals getroffen habe, weil ich täglich so viele neue Dinge lernen darf und merke, wie ich immer wieder an Grenzen stoße und mich dadurch weiterentwickle. Ich würde es jederzeit wieder so machen, auch wenn die Idee zur Gründung tatsächlich auch stark den äußeren Rahmenbedingungen geschuldet war. Gründerin zu werden war also kein langersehnter Traum von mir. Die Gelegenheit hat sich geboten – und ich bin ins kalte Wasser gesprungen.  Ich hatte mich damals in der Elternzeit erst mal für neue Jobs beworben. Was ich da alles erlebt habe, war teilweise schon echt sehr erstaunlich. Vollzeit arbeiten und Kinder – eines noch dazu im Krippenalter, das passte für viele nicht, auch wenn mir jeder versichert hat, dass ich ja grundsätzlich die beste Kandidatin für den Job gewesen wäre. … Zu dieser Zeit haben Tobias und ich gerade sehr viel über unser Bildungssystem, über Digitalisierung und alles, was da auf uns zu kommt, diskutiert. Immer wieder kamen wir an den Punkt, dass es einfach endlich etwas ganz Neues bräuchte, eine Schule, auf die wir selbst auch gerne gegangen wären, mit einem neuen Konzept und jeder Menge Ideen, die wirklich zukunftsgerichtet sind.

So wurde die SHIFTSCHOOL geboren. Das kam dann einfach sowohl thematisch als auch in meiner Situation genau zur rechten Zeit. Es war damals also der Weg für mich, das zu bekommen, was ich wirklich wollte. Nämlich flexibel und selbstbestimmt arbeiten, Verantwortung übernehmen und Themen gestalten. Und zwar mit einer Idee, die mich absolut begeistert, für die ich leidenschaftlich kämpfe und die mich auch die Contras, die es natürlich als Unternehmerin mit drei Kindern ebenso gibt, wegstecken lässt. Am Ende des Tages gehört also unter anderem viel Disziplin dazu, eine gewisse Gelassenheit, weil Dinge einfach oft nicht so funktionieren, wie man das gerne hätte und natürlich auch so ziemlich alle besser wissen, wie ich mein Leben als Selbständige mit Kindern doch zu gestalten hätte. Vor allem aber braucht es jede Menge Humor.

Vielen Dank, Tina.

 

Kategorie: Interviews

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