Um etwas zu finden, muss man sich auf die Suche begeben

Irina Clemens hat zusammen mit Zeff Sheriff Talentif gegründet, eine Plattform, die zum erfolgreichen Karrierewechsel verhilft. Talentif ist keine gewöhnliche Karriereberatung, sondern ein sechswöchiger Online Kurs, bei dem man andere Karrierewechsler trifft und am Ende weiß, welches die eigenen beruflichen Alternativen sind. Der nächste Kurs beginnt am 24. Juli. Zur ersten Session können die Teilnehmer in die Factory Berlin kommen um andere Teilnehmer, ihren Coach und natürlich auch die beiden Gründer zu treffen. Wir haben Irina ein paar Fragen zu ihrer eigenen Karriere gestellt.

19.07.2017 • Anja Dehghan

Du hast vier Jahre als Beraterin für Bankenregulierung gearbeitet. War das dein Berufswunsch?

Nicht wirklich. Vielmehr wusste ich gar nicht, dass es so einen Job überhaupt gibt. Insofern war das kein langgehegter Berufswunsch, sondern etwas, das sich aus meiner damaligen beruflichen Situation ergeben hat. Mit meinem Studium hatte ich schon einen Berufsweg in der Finanzbranche geplant, weil mir Mathe und das analytische Denken gelegen haben. Aber konkrete Positionen hatte ich damals noch nicht im Sinn. Entsprechend vielfältig hat sich dann auch mein Karriereweg gestaltet.

Du hast unter anderem an Projekten in Kenia, Nigeria, Myanmar und Paraguay mitgearbeitet. Was hast du da genau gemacht?

Das waren sehr spannende, ganz unterschiedliche Projekte. In Kenia handelte es sich um ein Projekt der Konrad Adenauer Stiftung zur Förderung der Demokratie und die Einigung verschiedener ethnischer Gruppen, die sehr verstritten waren. Wir haben Workshops veranstaltet, auf denen jede Gruppe zu Wort kam, wir haben die Wahl zur neuen Verfassung als Wahlbeobachter begleitet und ich habe die Zeitungen auf erste Anzeichen neu aufflammender Gewalt analysiert. 

Irina Clemens und ihr Mitgründer Zeff Sheriff

In Nigeria ging es um die Verbesserung der Regularien für Mikroversicherungen. Das sind Versicherungen mit geringem Schutz und dafür kleinen Prämien, die sich jeder leisten kann. Ziel war es, dass sich mehr Nigerianer durch Mikroversicherung absichern. Wir haben Bevölkerungsbefragungen in der Stadt und auf dem Land durchgeführt, große und kleine Firmen und Verbände besucht und Befragungen in der Versicherungsaufsicht und dem Finanzministerium durchgeführt. Anschließend haben wir Vorschläge erarbeitet, wie die Regularien angepasst werden müssen sind, sodass das Produkt Mikroversicherung öfter angeboten und der Verbraucherschutz verbessert wird. In Myanmar und Paraguay handelte es sich auch um Beratungsprojekte für das Bank- bzw. Versicherungswesen.

Wie ist die Idee zu Talentif entstanden? 

Schritte für Schritt und alles fing an einem Sommersonntag an, als mir bewusst wurde, dass ich keine Wissenschaftlerin werden wollte. Ich wollte vielmehr an einer Lösung arbeiten, die Menschen mit ihren Potenzialen dorthin bringt, wo sie ihre Kompetenzen voll einsetzen können. Ich habe immer wieder darüber nachgedacht, ob mein aktueller Job der richtige ist. Im Sommer kam dann die Idee zu einem Ansatz, der nicht mich in den Mittelpunkt stellt, sondern all die Menschen um mich herum und der sie dazu befähigt, ihren Weg zu gehen. Das Konzept für Talentif entstand nach vielen Interviews und Beobachtungen.

Wie hast du deinen Mitgründer Zeff kennengelernt? 

Zeff hat wie ich am 4-monatigen Programm des Early-Stage Startup Accelerator des Founder Institute in Berlin teilgenommen und wir konnten von Anfang an grandios zusammenarbeiten. Anfangs noch in Kleingruppen und getrennt an unseren beiden Startups, gegen Ende habe ich ihn gefragt, ob er zu mir wechseln möchte. Und er hat zum Glück gesagt, dass er es sich vorstellen kann. Es hat dann noch drei Wochen gedauert und bedurfte etwas Überzeugungsarbeit, schließlich hat er aber zugestimmt.

Findet jeder den Job, der ihn glücklich macht? 

Um etwas finden zu können, muss man sich auf die Suche begeben. Und es braucht eine Idee davon, was man erwarten kann, sonst läuft man womöglich daran vorbei. Wir zeigen Menschen, was beruflich möglich ist, helfen ihnen aber auch dabei einzuschätzen, was sie erwarten können. Ob es am Ende Glück ist, was dabei heraus kommt, ist eine gute Frage. Denn Glück ist naturgemäß ein sehr flüchtiges Gefühl, das man sich immer wieder erarbeiten muss. Ich glaube, dass jeder den Job finden kann, der ihm eine Art Zufriedenheit oder Gewissheit gibt, dass man auf dem richtigen Weg ist und das eigene Tun zu etwas Größerem, Besseren, oder mehr Sicherheit führt. 

Wie wichtig ist eine klassische Vita für ein erfülltes Berufsleben? 

Gegenfrage: Was zeichnet eine klassische Vita aus und fragt danach überhaupt noch jemand? Jeder Arbeitnehmer ist individuell und jedes Team ebenso. Schema F bei der Personalauswahl anzuwenden, ist meiner Meinung nach nicht sehr zeitgemäß. Und deshalb sollte auch jeder Einzelne seinen eigenen Weg gehen und vor dem Hintergrund der Digitalisierung und Dynamik auf dem Arbeitsmarkt selbst hinterfragen, ob der aktuelle Entwicklungspfad der richtige ist. Das zeugt auch von Selbstbewusstsein und Reflexion. Falls sich daraus eine klassische Vita ergibt - super. Die Logik sollte aber nie anders herum funktionieren. Die eigene Erfüllung nur an der nächsten Beförderung festzumachen führt im Endeffekt nur zu einer Enttäuschung. 

Welche Fähigkeiten sind deiner Meinung nach entscheidend um zukünftig in der Arbeitswelt zu bestehen?

Grundsätzlich glaube ich, dass jeder bestehen kann, der in seiner Kernkompetenz arbeitet. Also mit den eigenen Fähigkeiten, die ihm besonders liegen. Diese zeichnen sich übrigens erst nach und nach mit wachsender Lebenserfahrung ab. Außerdem ist es die Fähigkeit, wachsam und neugierig zu sein, die dabei hilft, Dynamiken im Team, im Unternehmen, in der Wirtschaft lesen zu lernen und somit die Kontrolle über den eigenen Entwicklungspfad zu behalten. 

Was hindert Menschen daran, in dem Job zu arbeiten, der sie zufrieden macht? 

Wir haben in unseren Recherchen überraschend viele Menschen getroffen, die mit ihrem Job zufrieden sind. Bei anderen ist uns aufgefallen, dass es schlichtweg das fehlende Wissen darüber ist, welche spannenden, interessanten und zufriedenstellenden Jobs es überhaupt gibt. Außerdem eine Bequemlichkeit, die Menschen daran hindert, auf die Suche zu gehen. Manchmal sind es praktische Gründe, wie zum Beispiel, dass man nicht umziehen kann oder möchte. Manchmal hofft man einfach, dass sich die Umgebung ändert und dass morgen alles besser wird oder dass man den Chef doch los wird. Das passiert aber in den seltensten Fällen. Vielmehr gewöhnt man sich an die Bequemlichkeit und tägliche Routine und der Sprung zu einer Kurskorrektur wird immer schwieriger. Wir gestalten Talentif deshalb so, dass die beruflichen Alternativen von den Fähigkeit bis zum Schulungsbedarf erstmal durchdacht werden. Dann ist ein Sprung nicht mehr allzu groß und gut planbar.

Danke Irina! 

Für alle, die ihre Karriere in andere Bahnen lenken wollen, gibt es hier weitere Informationen: http://www.talentif.de                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         

 

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Mit Perspektive

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