Ich hatte keine Lust auf einen Teilzeitjob

Nora Feist ist Geschäftsführerin von Mashup Communications in Berlin. Eingestiegen ist sie in die Agentur für Brand Storytelling als ihr Sohn zehn Monate alt war. Was sich seitdem verändert hat und wie man Menschen dazu bringt Geschichten zu erzählen, erzählt sie uns im Interview.

30.08.2017 • Anja Dehghan

IST mashup eine klassische PR-Agentur?

Eine klassische PR-Agentur waren wir eigentlich nie. Als wir vor acht Jahren mit Mashup Communications angefangen haben, lag unser Fokus ganz klar auf Startups, also digitalen Unternehmen. Und die haben ein ganz anderes Bedürfnis als große, etablierte Konzerne. Bei Startups läuft die Kommunikation viel schneller, vieles spielt sich online ab, das ist einfach ein ganz anderer Rhythmus. Deshalb haben wir auch immer schon etwas mehr um die Ecke denken müssen. Sprich: Was kann es neben der Pressemitteilung noch geben, was kann man um das bloße Produkt herum stricken? Deshalb sind wir allein schon durch unsere Kunden nie die klassische PR Agentur gewesen. Dieses Jahr haben wir dann einen wichtigen Relaunch vollzogen und sind nicht mehr nur eine Agentur für PR, sondern auch für Brand Storytelling. Denn neben Kundennutzen und Produktvorteilen geht es in der Kommunikationsarbeit zunehmend um Werte, Erfahrungsaustausch und Glaubhaftigkeit. Dinge, die sich am besten in Geschichten transportieren lassen.

Was waren das für Dinge, die ihr anders gemacht habt?

Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit war schon immer, Pressemitteilungen anders aufzuarbeiten, Themen in Geschichten zu verpacken, sodass Journalisten ein gesteigertes Interesse daran haben, sie auch zu veröffentlichen. Wir haben auch andere Formate ausprobiert, wie zum Beispiel einen Guerilla Catwalk. Bei Startups scheitert es natürlich manchmal am Budget. Da werden dann gute Ideen am Ende auch mal nicht umgesetzt. Grundsätzlich versuchen wir immer, Journalisten Dinge anders anzuliefern als auf klassischem Wege.

 

Wie seid ihr zum Storytelling gekommen?

Die Inspiration kam von meiner Geschäftspartnerin Miriam Rupp. Sie kann den Status Quo nur begrenzte Zeit ertragen und muss immer den nächsten Schritt gehen. In ihrer Freizeit liest sie sehr viel Fachliteratur und stöbert online in Branchen-Insights. Nach ihrer Überzeugung ist klassische PR irgendwann tot. Sie hat sich sehr viel mit dem Thema Storytelling beschäftigt, wir haben das in der Agentur aufgegriffen und angefangen, in unsere Arbeit einzubinden. Dann hat vor zwei Jahren ein Verlag angerufen und angefragt, ob sie ein Buch zum Thema „Storytelling für Unternehmen“ schreiben möchte. Das Buch ist recht erfolgreich, seit Erscheinen stehen wir damit in der Amazon-Besteller-Liste im Bereich Branding. Mittlerweile arbeiten wir immer mehr nach diesem Ansatz, denn Storytelling gibt auch uns in unserer Arbeit die Möglichkeit viel tiefer in ein Thema einzutauchen. Und das macht einfach sehr viel Spaß.

Kann man aus jedem Thema eine Story stricken?

Man kann aus jedem noch so trockenen Thema etwas Spannendes entwickeln, denn immer stecken Menschen dahinter. Das kann der Geschäftsführer mit einer besonderen Idee sein oder eine andere menschliche Komponente. Ein gutes Beispiel ist Mærsk. Jeder kennt die Containerschiffe, aber keiner hat damit direkt Berührung, weil man als Endkunde normalerweise keinen Container kauft. Aber am Ende betrifft es doch jeden. Mærsk hat das total gut verstanden. Die machen eine wirklich gute Kommunikation, haben mehr als zwei Millionen Facebook Fans und 93.000 Follower bei Instagram. Sie bauen ihre Kommunikation als Geschichte auf und erklären zum Beispiel, dass sie es ermöglichen, dass deine Schuhe von A nach B kommen. 

Seid ihr auch in Sachen HR und Unternehmenskommunikation unterwegs?

Intern leben wir das gesamte Repertoire bereits vor, angefangen bei der Wertekommunikation, über vertrauensvolle, transparente Mitarbeiterführung bis zur Wertschätzung unserer Mitarbeiter als Helden. Ihr positives Feedback dazu bestärkt uns in unseren Ideen. Für unsere Kunden entwickeln wir derzeit vor allem Unternehmensgeschichten, aber unser Ziel ist es, in Zukunft noch mehr in Richtung Employer Branding zu gehen.

Wie glaubwürdig ist Employer Branding, also die Erfindung einer Arbeitgebermarke?

Unsere Aufgabe ist es nicht, irgendwelche Geschichten zu erfinden. Wir gehen in die Unternehmen hinein, sprechen mit den Mitarbeitern und stellen ihnen Fragen. Zum Beispiel: „Was war dein spannendster Tag bisher hier?“ Oder „Was für Menschen in deinem Arbeitsumfeld inspirieren dich?“ Und dann sammeln wir diese Eindrücke und daraus entsteht eine authentische Geschichte des Unternehmens, die wir für ihre Webseite oder zur Unterstützung des Recruiting kommunizieren. 

Was sind das so für Unternehmen?

Das sind schon größere Unternehmen, die langsam verstanden haben, dass sie etwas an ihrer Kommunikation ändern müssen. Sie buchen dann zum Beispiel Workshops bei uns, um erst einmal etwas über Storytelling zu lernen. Die größeren Unternehmen sind es auch eher, die das Geld haben, um so eine Kampagne zu finanzieren.

Stoßt ihr da manchmal auch auf Probleme im Unternehmen?

Eigentlich nicht. Wir machen ja keine Meinungsumfrage sondern suchen nach inspirierenden Geschichten. Manchmal ist es schwierig, den Mitarbeitern den Storytelling-Ansatz zu vermitteln, also den Grund, warum wir als Außenstehende im Unternehmen unterwegs sind. Das funktioniert mit Leuten aus dem Marketing sehr gut. Wenn aber jemand im Anlagenbau arbeitet und mit Kommunikation in seinem Arbeitsalltag nur sehr wenig zu tun hat, dann fragt der sich manchmal schon, was er da jetzt eigentlich erzählen soll. Da muss man dann schon ziemlich gut Sachen herauskitzeln können. Beispielsweise, indem man Vergleiche zu anderen bekannten Heldentypen oder Mentorenrollen zieht, wie Superman oder Yoda. Da passiert es manchmal in solchen Gesprächen, dass den Leuten erst bewusst wird, dass sie einen wirklich tollen Job machen, und sie beginnen ihre Arbeit wertzuschätzen.

Das klingt nach einem tollen Job: Ständig neue Leute treffen und Geschichten hören.

Das gefällt mir grundsätzlich bei der PR-Arbeit! Ich mag auch an der Agenturarbeit, dass man ständig neue Leute kennenlernt. Gerade bei Startups: Ich denke oft, es gibt schon alles und dann kommt da ein Gründer mit einer wirklich tollen neuen Idee um die Ecke und brennt extrem dafür. Dann will ich ihm sofort helfen seine Idee groß zu machen, damit sie alle kennenlernen.

Erzähl doch noch mal kurz etwas zur Gründung von Mashup Communications.

Miriam und ich haben zusammen in einer Agentur gearbeitet. Für sie war relativ schnell klar, dass sie nicht immer als Angestellte arbeiten will, sondern eine eigene Agentur gründen möchte. Wir haben uns quasi zeitgleich aus der Agentur verabschiedet, Miriam hat gekündigt um zu gründen und ich bin in Elternzeit gegangen. Wir waren trotzdem regelmäßig in Kontakt und irgendwann kam sie auf mich zu und fragte mich, ob ich sie nicht unterstützen kann. Ich bin dann bei Mashup Communications eingestiegen, als mein Sohn ungefähr zehn Monate alt war.

War das sehr stressig für dich mit so einem kleinen Kind?

Eigentlich nicht. Die Kernarbeitszeit in der Agentur, bei der ich vorher gearbeitet habe, war von 9 bis 19 Uhr. Ich hätte gar nicht gewusst, wie ich mein Kind da „wegorganisieren“ soll. Und ich hatte auch keine Lust auf einen Teilzeitjob. Da war die Entscheidung etwas Eigenes aufzubauen schon die bessere Alternative. Ich hatte auch keine Angst vor der Selbstständigkeit, sondern ich habe einfach ein totales Grundvertrauen in meine Fähigkeiten und stets eine positive Einstellung. Wir haben uns damals auch gefragt, was das Schlimmste sein könnte, was uns passieren kann? Wenn wir scheitern, finden wir immer wieder einen Job. Mittlerweile haben wir 18 Mitarbeiter und da ist die Verantwortung natürlich eine andere. Aber es kam in den vergangenen acht Jahren selten vor, dass ich ins Bett gegangen bin und viel gegrübelt habe.

Du bist seit sieben Jahren Geschäftsführerin von Mashup Communications: Was war damals anders als heute?

Ich habe mich eigentlich nie als besonders empathischen Menschen gesehen. Ich habe mein Ding durchgezogen und es lief auch immer gut für mich. Aber ich habe mich nie besonders viel um andere Kollegen gekümmert. Das musste ich lernen, als ich plötzlich eine ganz andere Rolle eingenommen habe. In der ich eben nicht machen kann, was ich will oder meine schlechte Laune an jemandem auslassen kann. Plötzlich hatte ich als Chef eine Vorbildfunktion. Meine Einstellung habe ich dementsprechend geändert, jedoch nicht meinen Charakter, ich bin immer noch sehr direkt. Meine Mitarbeiter wissen dadurch immer, woran sie bei mir sind. Und genauso können mir auch alle klar ihr Feedback geben.

Was ist das Tolle an deinem Job?

Eines der tollsten Dinge, die mein Sohn mal zu mir gesagt hat, war: „Mama, ich liebe dich, weil du so selbstbewusst bist.“ Und das hat sicher auch mit meinem Job als Geschäftsführerin zu tun. Wenn mein Sohn mich fragt, warum ich arbeiten muss, dann sage ich ihm immer: weil das meins ist und ich das gerne mache. Ich kann hier etwas gestalten, das meinen Vorstellungen entspricht und das hoffentlich auch nachhaltig ist. Und ich kann eine Atmosphäre gestalten, in der alle gern arbeiten.

Danke, Nora!

mashup-communications.de

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Kategorie: Interviews

Schlagworte: Mit Familie , Mit Perspektive