Innovation ist keine Methode, sondern Veränderung im Kopf

Letzte Woche fanden in Berlin die New Work Sessions statt. XING lud unter dem Veranstaltungstitel “Brave New Work” allerhand interessante Gäste ein, die sich dem Thema Innovation im Mittelstand widmeten. Veranstalter waren neben dem Netzwerkriesen auch junge Unternehmen, von der Agentur bis zur Unternehmensberatung, die allesamt schon innovatives Arbeiten leben und lehren.

11.12.2015 • Anja Dehghan

Wer ist eigentlich der deutsche Mittelstand? Diese Frage bildete den Auftakt der Veranstaltung am Donnerstag Abend in der Landesvertretung Baden Württemberg. Definitionsgemäß erfüllen eine Menge Startups die Kriterien kleiner und mittelständischer Unternehmen, allerdings würde die wohl eher nicht auf die Idee kommen, sich als mittelständisches Unternehmen zu bezeichnen. Viel zu verstaubt klingt das Ganze, alles andere als innovativ. Dabei bildet doch der Mittelstand das Rückgrat der deutschen Wirtschaft.

Die erste Halbzeit ist verloren

Der Publizist und ehemalige Topmanager Thomas Sattelberger hat wenig Erfreuliches zu berichten über diese vermeintliche Stütze. Er bescheinigt einem Großteil der DAX 30 Unternehmen eine mangelnde Sensorik für technische Innovationen. Digitalisierung dient nur der Effizienzsteigerung, in den seltensten Fällen entstehen daraus tatsächlich neue Geschäftsmodelle. EU Kommissar Oettinger für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft spricht von einer digitalen Innovationsschwäche, und davon, dass Deutschland diesen Sektor bereits verloren hat. Sattelberger zitiert seinen Chef bei der Deutschen Telekom: “Die erste Halbzeit ist verloren, wir brauchen eigentlich einen Spieler von Bayern München, der in zehn Minuten fünf Tore schießt. aber der ist leider nicht zu sehen.” Eine große Lücke klafft zwischen avantgardistischen  Unternehmen, die bereits technische, digitale und soziale Innovationen leben, und der breiten Masse, die den Sprung in die Arbeitswelt 3.0, in der es flexible Schichtsysteme oder Ausgleichsmodelle gibt, überhaupt erst schaffen muss.

Tim Cole wundert sich über die Begrifflichkeiten in Deutschland. Die Arbeitswelt 4.0 meint er, gibt es in den USA noch gar nicht. “Wir erleben gerade die Third Industrial Revolution. Die hat Deutschland offensichtlich ausgelassen.” Cole ist Publizist und Autor. Die Süddeutsche Zeitung bezeichnete ihn als “Wanderprediger des Internets”. Seine These, dass Deutschland gerade die digitale Revolution verschläft, erläutert er in seinem Buch “Digitale Transformation”. Die “German Angst” verhindere Innovation und macht Deutschland zu einem Entwicklungsland im Bereich Digitalisierung. Was den Mittelstand angeht, so rät er dazu, einen neuen Begriff zu finden, der weniger nach Mittelmaß klingt.

Wir sind von Laien regiert

Zum Abschluss des Eröffnungsabends hielt Christoph Bornschein eine Keynote zum Thema. Wohl wissend, dass er nicht viel Neues hinzuzufügen hatte, eröffnete er seinen Impulsvortrag mit den Worten: “Es ist schon alles gesagt worden, nur noch nicht von jedem.” Dennoch hatte er einige interessante Ansätze. Auch er zeigt sich besorgt, denn in der Führung mangele es an “erfahrungsbasierter Bewertungskompetenz. Wir sind tatsächlich von Laien regiert, und das meint Politik und Wirtschaft gleichermaßen.” Die Spielregeln des Marktes verändern sich, Kosumentenverhalten ändert sich und neue Geschäftsmodelle betreten den Markt, die Dagewesenes einfach verdrängen. “Es ist für Otto scheißegal, ob Zalando jemals Geld verdient oder nicht. Der Markt hat sich durch Zalando unwiederbringlich verändert und Otto muss darauf reagieren.”

Zentrales Moment des digitalen Wandels ist die Unternehmenskultur, die sich verändern muss: Leadership ist wichtiger als Management. Es geht nicht darum, ein Digital-Oberhaupt zu beschäftigen, dass die Lösung auf alle Fragen parat hat. Vielmehr muss allen Beschäftigten eine Sichtbarkeit verliehen werden, die es ermöglicht, eigene Problemlösungen zu erarbeiten.

Es hilft nicht Scrum auswendig zu lernen

Auf die Impulsvorträge des Eröffnungsabends folgten die eigentlichen “New Work Sessions”. Am Freitag gab es insgesamt 16 davon in den Design Offices in Berlin Mitte. Die Keynote zum Auftakt hielt Tina Egolf. Sie bezeichnet sich selbst als Unruhestifterin, die Zukunft der Arbeit verändern will. Sie stellt klar: Innovation ist keine Methode, die erlernt werden muss. Es geht weniger um Tools und Techniken, die man braucht um die Zukunft zu meistern, sondern um Erwartungen und Einstellungen. Es hilft nicht Scrum auswendig zu lernen oder für alle Mitarbeiter ein Arbeitszeitkonto einzurichten, wenn kein Umdenken im Kopf erfolgt.

Wenn die Unternehmen das innovative Potential der neuen Generation ausschöpfen wollen, braucht es vor allem Wertschätzung - auf beiden Seiten. Die jungen Wilden können von der Erfahrung profitieren und die älteren Semester flexibles, digitales Querdenken lernen. Die Forderung der Jüngeren endet nicht bei den Arbeitsbedingungen, weil die Frage nach dem “Warum?” im Vordergrund steht. Unsicherheit ist die neue Konstante und damit muss umgegangen werden. Das ist die Anforderung, die an die Generation Y gestellt wird. Daraus resultiert vielmehr der Wunsch nach Selbstbestimmung und Sinnstiftung als danach Positionsbeschreibungen zu erfüllen.

Einfach mal loslegen mit der Veränderung

Ein Praxisbeispiel für gelungene Transformation lieferte Heermann Sägen, ein mittelständisches Maschinenbau-Unternehmen, dem es gelungen ist, seine Organisationsstruktur komplett umzukrempeln. Agiles Projektmanagement lautet die Devise. Das Unternehmen wurde mit dem New Work Award ausgezeichnet und unterstützt nun auch andere Firmen bei der Modernisierung verkrusteter Strukturen. Fazit dieser Session war, dass man eigentlich nie bei Null anfängt. Immer gibt es schon irgendwo im Unternehmen Menschen, die Veränderung wollen und zum Teil auch schon konkrete Vorstellungen haben. Die müssen abgeholt und bestärkt werden. Wichtig sind Transparenz und ein ständiger Austausch.

Es gibt keinen vorgezeichneten Weg, der für jedes Unternehmen gleichermaßen gilt, sondern es geht darum zu lernen, wie es funktionieren könnte. Es ist nicht alles planbar, stattdessen muss man sich an Veränderungen herantasten. Dabei ist es wichtig, nicht immer nur zu fordern, dass sich Dinge ändern müssen, sondern selbst etwas zu tun. Ulf Brandes erklärt in seiner Keynote ganz konkrete Schritte, um überholte Strukturen und Verhaltensweisen zu ändern. Über zehn Jahre war er Manager bei Procter & Gamble, seitdem arbeitet Ulf Brandes in Startups und unterstützt Unternehmen dabei moderne Organisationsstrukturen zu integrieren. Dabei ist es wichtig kleine Schritte zu machen und einfach zu beginnen, anstatt jahrelang Strategien zu entwerfen. Am Ende der Veranstaltung ist klar: Der digitale Wandel ist nichts, wovor man sich fürchten muss. Der deutsche Mittelstand wird sich zwangsläufig mit dem Thema Innovation auseinandersetzen müssen. Allerdings genügt nicht eine reine Symptombekämpfung oder das Frisieren überalterter Strukturen. Um den Anschluss nicht zu verlieren sind zum Teil radikale Denkweisen erforderlich und wahrscheinlich muss man die eigene Komfortzone verlassen. Aber wer sagt denn, dass nicht irgendwo eine viel bessere wartet?

Kategorie: Aktuelles

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Flexibilität , Mit Perspektive