Unternehmen müssen sich am Menschen ausrichten

Wie gelingt der Schritt in eine neue Arbeitswelt? Intraprenör ist eine Strategieberatung, die Unternehmen dabei hilft, in eine sinnstiftende Arbeitswelt und vernetzte Gesellschaft vorzudringen. Wir haben mit einem der Gründer über neues Arbeiten gesprochen.

Anja Dehghan • 01.09.2015

Ich treffe Gregor Kalchthaler auf dem großen Gelände der Spreewerkstätten in Berlin Mitte. Eine interaktive Van Gogh Ausstellung lockt zahlreiche Besucher in eines der Gebäude auf dem Hinterhof. In den alten Fabriketagen haben verschiedene Künstler und Kreativunternehmen ihre Atelier- und Büroräume. Anfang des Jahres hat auch Intraprenör seinen Firmensitz hierher verlegt. Das Unternehmen wurde aus einem Abschlussprojekt der Universität der Künste heraus gegründet. Die drei Gründer sind zwischen 23 und 25 Jahre alt und haben gemeinsam Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert. Dabei ging es viel um die Gestaltung von Arbeit, von Organisationen und Geschäftsmodellen. Am Ende des Studiums stand ein Kommunikationsprojekt für einen realen Auftraggeber aus der Wirtschaft. Die Entscheidung direkt ein eigenes Unternehmen zu gründen, war schnell gefallen.

Intraprenör versteht sich als eine „menschzentrierte Unternehmens-Beratung und hilft Organisationen dabei in die sinnstiftende Arbeitswelt und vernetzte Gesellschaft zu kommen“, bringt es Gregor auf den Punkt. Die Beratung erfolgt ganz konkret. Wenn es zum Beispiel darum geht, das Betriebsklima zu verbessern, begleitet Intraprenör mit ethnografischen Methoden zunächst Menschen im Unternehmen bei ihrer Arbeit um zu sehen, wo es hakt, welche Bedürfnisse es gibt. Die haben sich nämlich sehr stark verändert. Menschen wollen anders leben und arbeiten als noch vor einigen Jahren. Sie haben mehr Einblicke und genauere Vorstellungen, was sie von ihrem Arbeitgeber erwarten. „Das Thema Generation Y spielt natürlich auch überall ein bisschen mit rein, die da einfach kommt und den Arbeitsplatz mitverändern und mitgestalten will.“

Intraprenör geht auch mal mit dem Konsumenten shoppen

Anders als große Unternehmensberatungen werden nicht massenweise Daten angehäuft, die dann uninterpretiert kaum Rückschlüsse auf die reale Situation zulassen. „Wir können diese Daten mit unseren qualitativen Beobachtungen verdichten, so dass am Ende für die Unternehmen ein Aha-Moment entsteht“, so Gregor. „Dabei steht immer der Mensch im Mittelpunkt.“ Wenn es zum Beispiel darum geht Nachhaltigkeit aus Sicht des Kunden zu analysieren dann begleitet Intraprenör auch schon mal Konsumenten beim Einkaufen und es wird gemeinsam gekocht, um ein möglichst direktes Bild zu bekommen. Im Anschluss an diese sogenannte Insight-Forschung werden Maßnahmen erarbeitet, um die Mitarbeiterzufriedenheit zu erhöhen oder nachhaltigere Produkte zu entwickeln. So ein Projekt dauert im Schnitt drei bis sechs Monate. Manchmal auch länger. Der Konzern, den Intraprenör damals während des Studiums beraten hat, gehört noch immer zum Kundenstamm des Startups.

„Es geht darum, dass man als Unternehmen Gutes tut und sich am Menschen ausrichtet. Wir stellen uns den Menschen vereinfacht gesagt, aus drei Perspektiven vor: Der Mensch als Konsument, als Mitarbeiter und als Teil der Gesellschaft. Im Hinblick auf letzteres geht es bei uns sehr stark um die Frage, wie ein Unternehmen eine soziale Leistung erbringen und trotzdem ökonomischen Nutzen erzeugen kann“ erklärt Gregor. Neues Arbeiten bietet eine Möglichkeit dieses Ziel zu erreichen. Allerdings scheinen Unternehmen oft nur vage Vorstellungen davon zu haben, was damit eigentlich gemeint sein kann. Die old economy sieht auf die Startup Kultur und entwickelt dann „ein ziemlich diffuses Bild von neuer Arbeit.

Auch Startups bieten nicht immer erstrebenswerte Arbeitsbedingungen

Man sieht, dass da bunte Zettel an die Wand geklebt werden, das heißt, es wird irgendwie eine andere Art von Methodik geben. Es gibt eine hohe Dynamik. Es sind viele junge Leute. Es gibt eine starke Durchmischung. Es ist teilweise auch englischsprachig,“ fasst Gregor kurz zusammen. Aber auch Startups bieten nicht immer erstrebenswerte Arbeitsbedingungen. „Zuweilen kommt es zu prekären Arbeitsverhältnissen: Praktikantenverträge und -gehälter, Arbeitszeit, die unter dem Motto Lifestyle bis ins Unendliche ausgedehnt wird und Millionenfundings, die in keinem Verhältnis stehen zu den überfüllten Büros, in denen Mitarbeiter auf günstigsten IKEA-Stühlen vor dem Rechner sitzen.“ Für Gregor ist neue Arbeit vor allem eins: ziemlich widersprüchlich. Bei Intraprenör hingegen klappt es eigentlich schon ganz gut mit den innovativen Arbeitsmodellen. Das Team hat vor kurzem die Vier-Tage-Woche eingeführt. Viele Unternehmen nutzen den Freitag als Brückentag oder Ansprechpartner sind nur einen halben Tag vor Ort, so dass Entscheidungen ohnehin auf die nächste Woche geschoben werden müssen. „Wir haben die Stunden einfach auf die anderen Tage umgelegt und können uns dafür den kompletten Freitag sparen, das erleichtert vieles.“

50 Wege zum Job

Nebenbei realisieren die drei Gründer auch verschiedene andere Projekte. „Manchmal wird Intraprenör zum Entrepreneur. Wir haben nämlich gemerkt, dass es sehr viel Spaß macht auch eigene Projekte voranzutreiben“ erklärt Gregor. Eines dieser Projekte ist die Plattform „50 Wege zum Job“, die sie im letzten Jahr ins Leben gerufen haben. In 50 Schritten lernt man mehr über sich und seine eigenen Bedürfnisse. Am Ende ist man in der Lage, eine bessere Entscheidung für seinen Karriereweg zu fällen. „Wir haben gemerkt, dass Berufseinsteiger und Umsteiger eigentlich nie genau wissen, was für einen Job sie eigentlich wollen, weil sie selber nicht genau wissen, wer sie sind.“

Die Plattform war ein ziemlicher Erfolg und es gibt auch schon jemanden, mit dem wir das digitale Produkt weiterentwickeln möchten.Der Gedanke dahinter war, auch einmal etwas für Konsumenten anstatt für Unternehmen zu machen. „Das war auch unser erstes digitales Produkt. Wir wollten einfach einmal ausprobieren, wie ein digitales Produkt funktioniert und wirkt“ erläutert Gregor. Mit Mitte zwanzig ist es eine Herausforderung, Unternehmen klarzumachen, dass man nicht auf jedem Gebiet Experte sein muss, und dass es manchmal sogar viel besser ist, sich einer Sache mit unverstelltem Blick zu nähern. Dabei zeichnet sich die Arbeitsweise von Intraprenör durch etwas aus, das viele Unternehmen suchen: Authentizität. „Ich selbst habe einen riesengroßen Spaß daran, das eigene Unternehmen weiterzuentwickeln und verschiedenes auszuprobieren“, erklärt Gregor, „ damit jeder an Bord sagt, er hat eine gute Zeit und kommt voran. Das gilt nicht nur für uns, sondern immer auch für die Menschen beim Kunden.“

Vielen Dank, Gregor.

Kategorie: Allgemein

Schlagworte: In Teilzeit , Mit Flexibilität , Mit Perspektive