Flexibilität ist nur ein Flucht-Verhinderungs-System

Happy working people lautet der Claim des Netzwerks intrinsify.me. Arbeit soll Spaß machen, denn wir verbringen sehr viel Zeit damit. Wir haben mit Dr. Lars Vollmer gesprochen, er hat das Netzwerk gemeinsam mit Mark Poppenborg gegründet. Er ist überzeugt, dass flexiblere Arbeitsformen die Probleme der Unternehmen nicht lösen können.

16.10.2015 • Anja Dehghan

Wie können wir die Arbeitswelt verändern? Zufriedener werden und glücklicher mit dem, was wir tun? Am besten indem wir selbst aktiv werden. Das wird immer so schön gesagt. Aber wie geht das eigentlich? Eine Möglichkeit bietet intrinsify me, ein Netzwerk für neue Arbeitswelt und zugleich eine Art Think Tank. Um Teil der Community zu werden, ist eine kurze Bewerbung notwendig. Allerdings ist weniger der Inhalt dieser Bewerbung Kriterium für die Aufnahme ins Netzwerk, sondern vielmehr das Schreiben an sich. „Es geht darum, sich über seine Motivation klar zu werden, warum man eigentlich überhaupt mitmachen möchte“, so beschreibt es Lars Vollmer. „Es folgt eine Einladung zu unseren Wevents, die alle zwei Monate stattfinden und in denen sich die Mitglieder persönlich begegnen und in verschiedenen Sessions zu bestimmten Themen austauschen.“

Das Prinzip Mitmach-Company

Aus diesem Format heraus gründen sich immer mehr Initiativen. Eine der bekanntesten ist das Projekt Augenhöhe. Der Dokumentarfilm besucht Unternehmen, die eine neue Arbeitswelt verkörpern. Er zeigt, wie Menschen im 21. Jahrhundert arbeiten wollen. Das Team hatte sich während einer intrinsify.me Veranstaltung in Berlin getroffen. „Es entstehen sehr viele Initiativen und Projekte aus dem Netzwerk heraus, das können Firmenpartnerschaften sein, oder zum Beispiel ein Magazin, wie das „Lust auf gut“. Das ist das Prinzip der Mitmach-Company, wie wir es nennen.“ So beschreibt Lars die Art und Weise, wie Menschen zusammenfinden und Projekte entstehen. „Es stoßen immer mehr Menschen dazu, die sich wünschen, dass sich in ihrem Unternehmen etwas ändert.“

Das größte Problem vieler Unternehmen sind überholte Strukturen

Dabei steht intrinsify.me ganz klar für ein Thema, will aber keine Botschaften vermitteln. „Dadurch würden wir eine Menge Strahlkraft verlieren. Natürlich hat jeder, der Teil des Netzwerks wird, eine eigene Meinung. Mark und ich haben auch eine. Wir sind überzeugt davon, dass das größte Problem, das Unternehmen heute haben, die Fortführung tayloristischer Denk- und Handlungsweisen ist.“ Diese Arbeitsweise, deren primärer Anreiz die Entlohnung ist, und die gekennzeichnet ist durch einseitige Belastung, Fremdbestimmung und minimale Arbeitsinhalte ist im Zuge der Industrialisierung in den USA entstanden. Mit dem Ziel, die menschliche Produktivität zu steigern, wurde die Arbeit in kleinstmögliche Einheiten unterteilt, deren Bewältigung nur geringe Denkleistung voraussetzte.

Diese Form der Arbeit funktioniert allerdings heute so nicht mehr. „Die Dynamik der Umwelt spielt den Unternehmen jeden Tag einen Streich, aber leider reagieren sie darauf, indem sie alte Denkmuster verstärken und noch mehr versuchen zu steuern“, erläutert Lars. „Sie versuchen das Feuer zu löschen indem sie Öl reinkippen. Das ist der größte Knackpunkt.“ Dabei gibt es bereits eine Menge Unternehmen, die versuchen Dinge anders zu machen. „Arbeitszeit- und Arbeitsortflexibilität sind nur der Anfang“, meint er. „Wir erleben hier einen Wandel hin zur Flexibilisierung, der sich relativ schnell vollzieht und auch zum Beispiel bessere Vereinbarkeit ermöglicht. Aber ich finde aus unternehmerischer Sicht ist das kein Problem und deswegen ist Home Office auch keine Lösung. Dass die Arbeit von zu Hause einem Menschen einen individuellen Vorteil bringt, ist unbestritten. Aber das löst nicht die Probleme, die Unternehmen in der heutigen Dynamik haben.“

Der Arbeitsort allein entscheidet nicht über die Zufriedenheit im Job

Die sieht Lars eher in überholten Strukturen begründet, die für Unzufriedenheit sorgen. Und weniger darin, an welchem Ort die Menschen ihrer Arbeit nachgehen. „Ein Job, der von sehr starren Zielvereinbarungen geprägt ist, ist schädlich für ein Unternehmen, egal ob er von zuhause ausgeübt wird oder im Büro. Unternehmen glauben sich mit flexibleren Arbeitsformen einen modernen Anstrich zu geben, aber eigentlich sind es nur - um ein Wort von Reinhard Sprenger zu benutzen - Fluchtverhinderungssysteme. Sie machen das Leben im Unerträglichen ein bisschen erträglicher. Das kann man auf der einen Seite positiv sehen. Klar ist es toll, dass der junge Papa jetzt auch vier Stunden am Tag von zu Hause aus arbeiten kann, aber das löst aus Sicht der Unternehmen kaum ein Problem.“ Dabei befürwortet Lars durchaus die zunehmende Flexibilisierung, räumt aber auch ein, dass sie natürlich immer nur in Abhängigkeit vom Geschäftsmodell funktionieren kann. Selbst wenn die Geschäftsführung es will, muss es noch lange nicht funktionieren. „Ich habe fünfzehn Jahre lang in einer Beratungsgesellschaft gearbeitet. Natürlich ist es prinzipiell denkbar diesen Job auch aus der Ferne zu machen. Aber im Jahr 2015 ist es immer noch nicht realistisch, das zu mehr als zwanzig Prozent tun zu können. Den Rest der Zeit erwarten Kunden in diesem Business eben die Anwesenheit vor Ort.“

Neben dem Netzwerk bietet intrinsify.me mit der nagelneuen Future Leadership eAcademy auch Führungskräften die Möglichkeit moderne Führung zu lernen. In einem multimedialen Programm lernen die Teilnehmer, wie Organisationsaufbau heute funktioniert. „Wir haben zusammengetragen, was es an Wissen über moderne, post-tayloristische Organisationen gibt. Dabei legen wir viel mehr Wert auf das Thema Führungssystem, sprich, wie baue ich Teams, als auf das den Führungsstil. Wie freundlich jemand zu seinem Team ist, oder welche Worte er benutzt um etwas zu kommunizieren, davon verstehen wir zu wenig. Bei uns geht es um Organisationsaufbau. Und das kann auch ein Abteilungsleiter schon lernen um in seinem Bereich Dinge zu modernisieren, auch wenn das Unternehmen noch nicht mit will.“

Die eAcadamy start am 20. Oktober, also kommenden Dienstag.

Nähere Infos dazu gibt es hier: http://future-leadership-eacademy.de.

Vielen Dank, Lars!

Kategorie: Aktuelles

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Flexibilität , Mit Perspektive