Menschen sehnen sich nach einer anderen Form der Arbeit

Jana Tepe (links im Bild) trifft man eigentlich selten ohne ihre Mitstreiterin Anna Kaiser. Wir haben es getan und mit dem einen Teil des Gründergespanns von Tandemploy über die Geduld gesprochen, die es braucht, Dinge zu bewegen.

27.05.2015 • Anja Dehghan

Wie seid ihr auf das Thema Jobsharing gestoßen?

Die Idee ist uns in unserem letzten Job gekommen. Anna und ich haben beide in einer Personalberatung für die digitale Wirtschaft gearbeitet. Wir hatten tagtäglich mit vielen Bewerbern zu tun, die frustriert waren, weil sie das Gefühl hatten, sie quetschen irgendwie ihr Leben in die Arbeit. Immer mehr Leute haben uns nach tollen Teilzeitjobs gefragt. Leider hatten wir die nie. Es gab tolle Vollzeitjobs und Teilzeitjobs, die nicht dem entsprochen haben, was die Leute gesucht haben. Da gab es eine Riesenlücke und wir konnten darauf nicht reagieren. Die Jobsuchenden sind dann oft faule Kompromisse eingegangen, haben Vollzeitjobs angenommen, obwohl sie eigentlich mehr Zeit für andere Dinge brauchten, oder Teilzeitjobs, die sie eigentlich nicht machen wollten. Das führte zu ganz viel Unzufriedenheit und in der Konsequenz zu häufigen Jobwechseln.

"Anna und ich hatten dann diesen Moment, in dem wir überlegt haben, wer in unserem Umfeld eigentlich wirklich richtig glücklich ist mit seinem Job. Da sind uns drei Leute eingefallen. Zwei davon waren wir."

Das fanden wir so frustrierend, dass wir gedacht haben: Das geht so nicht! Dann habe ich tatsächlich eine Tandembewerbung bekommen. Zwei Frauen bewarben sich gemeinsam auf eine Führungsposition, die ich für einen Kunden ausgeschrieben hatte. Mit einem gemeinsamen Anschreiben und Foto und einem Lebenslauf im Puzzleformat. Die zwei haben sogar einen Elevator Pitch mitgeschickt, also einen Youtube Clip, in dem sie während einer 30-Sekunden-Fahrstuhlfahrt erklärten, warum sie zu zweit die perfekte Besetzung für den Job sind. Ich war sehr neugierig und habe mit den beiden ein Skype Interview geführt, zu dritt natürlich. Danach war ich total begeistert. Die zwei haben sich einfach perfekt ergänzt und waren zusammen genau die eierlegende Wollmilchsau, die eigentlich jeder sucht. Viele Personaler schalten ja Stellenanzeigen mit unglaublich hohen Anforderungen, mit Glück erfüllen Bewerber vielleicht 60% davon. Meine beiden Jobsharing-Bewerberinnen erfüllten 100%. Das fand ich so faszinierend, dass ich es im Anschluss direkt meiner Kollegin Anna erzählt habe. Sie war mindestens genauso begeistert, und wir fingen an zu recherchieren. Wir haben geschaut: Wer will das denn da draußen, wie finden das die Firmen, wie finden das die Menschen? Wir bekamen so positive Reaktionen, dass wir ziemlich schnell gesagt haben: Wir wollen dieses Arbeitsmodell unterstützen. Weil das nämlich noch keiner systematisch tat und Jobsharing bis dahin immer ein totales Zufallsprodukt war. Acht Wochen später haben wir angefangen.

Ist es nicht am Ende teurer, wenn ich als Personaler zwei Leute einstelle, auch wenn die natürlich unter Umständen mehr leisten, als eine Einzelperson?

Die Sozialabgaben sind unter Umständen etwas höher, aber erst ab bestimmten Beitragsbemessungsgrenzen, die liegen in Deutschland ziemlich hoch. Wenn beide zusammen mehr als 49.000€ Jahresbrutto verdienen, steigen zum Beispiel die Beiträge für die Krankenversicherung leicht. Erst ab 72.000€ Gesamtbrutto werden z.B. die Beiträge für die Arbeitslosenversicherung minimal teuer. Das sind aber keine hohen Beträge, von denen man da spricht. Und wenn man gegenüberstellt, was es bringt, nämlich dass Teilzeitkräfte zehn bis fünfzehn Prozent produktiver sind und man viel geringere Ausfälle hat durch die stets bestens informierte Krankheits- und Urlaubsvertretung - dann sind die Einsparungen auf der anderen Seite enorm.

Habt ihr einen Rücklauf, wie lange die Tandems halten?

Statistisch betrachtet geht man das Modell meistens für eine Lebensphase ein. Ganz klassisch ist das zum Beispiel der Wiedereinstieg von Müttern oder Vätern. Aber auch in Phasen der Weiterbildung, der nebenberuflichen Selbstständigkeit oder beim sukzessiven Ausstieg aus dem Berufsleben wird Jobsharing relevant. Im Schnitt dauert ein Jobsharing zwei Jahre. Und entweder werden danach beide gemeinsam befördert, was wirklich sehr häufig passiert - oder sie gehen wieder in andere Arbeitsverhältnisse über.

Ihr müsst ja drei Sachen zusammenfügen: 2 Bewerber und den Job. Wie schwierig ist es Leute zu finden?

Zu uns kommen ja erst einmal Leute, die sagen, ich interessiere mich generell für Jobsharing. Diese Leute zu finden ist nicht besonders schwierig, die Nachfrage ist definitiv da. Die Menschen melden sich also an, füllen einen Fragebogen aus und werden dann automatisch gematched mit ihrem perfekten Tandempartner. Das passiert gerade schon täglich, die Tandems treffen sich und bewerben sich zusammen. Der nächste Schritt ist natürlich, dass sie ein Unternehmen finden, was dafür offen ist. Das werden auch immer mehr, wir sammeln diese Unternehmen ja auf unserer Plattform. Und es passiert auch immer öfter, dass Tandems sich initiativ bewerben, auch bei Firmen, die noch nie von dem Modell gehört haben - und dann auf diesem Umweg auf Jobsharing aufmerksam werden.

Und dieser Matchingprozess ist ein Algorithmus, der bei euch in einer Black Box abläuft?

Genau. Unseren Algorithmus haben wir in monatelanger Arbeit mit Forschungsinstituten und Universitäten und auch mit ganz vielen Jobsharern aus der Praxis entwickelt. Wir haben diese nach den wichtigsten Faktoren für ein erfolgreiches Jobsharing gefragt und bestimmte Kriterien rausgefunden, die ganz besonders relevant sind. Natürlich hat das ganz viel mit Chemie zu tun, mit weichen Faktoren. Es ist eben nicht nur wichtig, dass beide in der gleichen Branche, im selben Bereich und in der gleichen Stadt arbeiten wollen, sondern auch, dass sie zum Beispiel von ihrer Arbeitsweise und Persönlichkeit her zusammenpassen.

Kommen die Unternehmen mittlerweile auch auf euch zu?

Wir bauen die Datenbank der jobsharing-freundlichen Unternehmen gerade noch auf. Immer mehr Unternehmen hören oder lesen in den Medien von uns und kommen tatsächlich auf uns zu. Das ist eine schöne Entwicklung. Außerdem werden Firmen durch unsere Workshops, Vorträge und eigene Events auf uns aufmerksam. Da tut sich gerade einiges. :)

Hast du das Gefühl, es ist in den zwei Jahren, in denen ihr jetzt dabei seid, eine Entwicklung erkennbar?

"Absolut. Generell trifft es einfach den Zeitgeist. Menschen sehnen sich nach einer anderen Form der Arbeit."

Natürlich auch, weil wir wirtschaftlich in einer entsprechenden Situation sind, in der man sich bestimmte Gedanken machen kann. Der demografische Wandel tut sein Übriges dazu, die Menschen trauen sich, ihre Vorstellungen deutlicher zu äußern. Übrigens nicht nur die Generation Y, die wir oft vergeblich suchen, sondern durch die Bank weg Menschen jeder Generation und auch jeden Geschlechts.

 Soll Eure Plattform irgendwann voll automatisiert ablaufen?

Die Plattform ist grundsätzlich skalierbar. Menschen und Unternehmen finden sich dort automatisch. Aber beim Thema Jobsharing wird es noch eine ganze Weile so bleiben, dass es zusätzlich an manchen Stellen Beratung braucht, einen Anstoß oder einen Einstiegsworkshop, weil es einfach noch so viele Fragezeichen gibt.

 Womit verdient ihr momentan Geld?

Die Unternehmen zahlen für Jahresmitgliedschaften auf unserer Plattform. Und die können sie sich zusammenstricken, je nachdem wo sie gerade stehen, was sie gerade brauchen. Generell bekommt jedes Unternehmen, das bei uns Mitglied ist, ein Profil auf unserer Seite und kann im ersten Jahr unbegrenzt Stellen schalten. Das heißt, man kann ausprobieren, für welche Stellen Jobsharing funktioniert. Will ein Unternehmen lieber Tandems oder Pendants für Mitarbeiter? Die Unternehmen bekommen ein Siegel als Jobsharing-freundlicher Arbeitgeber. Und je nachdem, was sie dann noch brauchen, bekommen sie dazu zum Beispiel einen Einführungsworkshop. Wir haben Jobsharing Coaches in unserem Netzwerk, die wir bei Bedarf dazuschalten. Oder Templates für Jobsharing Arbeitsverträge, all diese Dinge, die einfach Hürden abbauen.

 Ist Jobsharing auch für euch ein Modell, das ihr leben wollt?

Ja, wir machen das sogar schon. Wir teilen uns die Geschäftsführung und haben uns die Arbeit komplett nach unseren Stärken aufgeteilt, können aber jederzeit für den anderen einspringen. Jetzt gerade ist Anna im Urlaub und sie kann sich entspannt zurücklehnen, weil ich einfach übernehmen kann.

Vielen Dank, Jana!

 

Kategorie: Interviews

Schlagworte: In Teilzeit , Mit Familie , Mit Flexibilität

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