Keine Grenze zwischen Leben und Arbeiten

Wenn man bei Merisier die Treppen hoch kommt, steht man in einer schicken und doch gemütlichen Remise. Wir haben uns mit Anna Bojic und Marc Lampe, dem Gründer und Geschäftsführer-Paar von Merisier, auf den Balkon gesetzt und nachgefragt, wie das so ist, wenn man nicht nur gemeinsam am Frühstückstisch sitzt, sondern auch den Schreibtisch teilt und warum ihre Mitarbeiter so gerne bei ihnen arbeiten.

15.06.2015 • Anja Dehghan

Bei Merisier zu arbeiten, heißt Vollgas geben und mit Herzblut dabei zu sein. Anna Bojic und ihr Partner Marc Lampe haben den Onlineshop für kreative Geschenke gemeinsam gegründet und aufgebaut. Das Team von Merisier besteht hauptsächlich aus guten Freunden und Bekannten. Alle außerdordentlich fit in dem, was sie tun. Die Mitarbeiter kommen bis jetzt ausschließlich über Empfehlungen und Kontakte. Wenn jemand neues dazukommt, muss er sich als allererstes für die Idee begeistern. Das Arbeitsumfeld bietet eine Menge Entfaltungsmöglichkeiten, wenn auch kein Spitzengehalt. Anna ist sich bewusst, dass einige ihrer Mitarbeiter noch woanders einen Job haben, bei dem sie deutlich mehr verdienen und allen diese Möglichkeit jederzeit offen steht. „Das Tolle ist allerdings, dass sie lieber mehr bei uns arbeiten. Wir schaffen hier ein besonderes Umfeld für unser Team." Dazu gehört auch, dass jetzt wieder häufiger der Grill auf der Remisen-Terrasse aufgestellt wird. Allerdings kann es dann schon sein, dass die erste Ladung Steaks auf dem Grill verkohlt, weil drinnen jeder noch schnell was zu Ende machen muss. Alle arbeiten mit Feuereifer an derselben Sache. Ganz besonders, wenn man wie Anna und Marc, nicht nur eine Firma zusammen führt, sondern auch privat eine Gemeinschaft ist. "Das hat den entscheidenden Vorteil" sagt Anna, "dass wir auch in beruflichen Stressphasen viel Zeit zusammen verbringen."

Warum Start Ups den Großkonzernen in manchen Dingen überlegen sind

„Im Grunde genommen gibt es diese Grenze zwischen Leben und Arbeiten ja gar nicht, wenn man seine Arbeit extrem gut machen will und auch liebt“, meint Anna. „Und bei einem Startup ist das ja eigentlich Voraussetzung. Natürlich braucht es Räume, in denen die Arbeit komplett außen vor bleibt, damit man sich nicht verliert, aber im Grunde ist es ja eins.“

Diese Philosophie ist es wohl auch, die regelmäßig dazu führt, dass Mitarbeiter großer Konzerne ihre Positionen dort aufgeben, um bei Startups anzuklopfen. Auch bei Merisier standen schon Manager und andere langjährige Konzernangestellte vor der Tür. Wohl wissend, dass ihnen ein Startup finanziell bei weitem nicht das bieten kann, was sie bisher verdient haben. Gescheitert am Duktus der großen Unternehmen brechen sie aus, um etwas völlig neues zu beginnen. Die Konzerne reagieren natürlich auf diese Entwicklung. Die Anpassung der Arbeitsumgebung an moderne Ansprüche ist ein Beispiel, das sich konkret umsetzen lässt. Allerdings löst das natürlich auch nicht auf Schlag alle Probleme, sondern bringt häufig erst mal neue mit sich. Wenn man in großen Bürogebäuden plötzlich alle Türen herausnimmt, weil die Devise lautet „Open Space“, dann ist das ein Schock für Mitarbeiter, deren Kultur über Jahre, manchmal über Jahrzehnte gewachsen ist. Wenn niemand mehr die Tür zumachen kann, wie er es gewohnt ist, dann führt das häufig zu Unsicherheit und Unzufriedenheit. Solche Probleme gibt es in einem Startup einfach nicht. Hier gab es noch nie Türen.

Flexibilität kommt an

Bei Merisier ist es auch kein Problem, wenn jemand nur stunden- oder tageweise ins Büro kommt und den Rest von zu Hause arbeitet, ob als Freelancer oder angestellt. „Natürlich hängt es stark von den Menschen ab, mit denen man arbeitet“, sagt Anna, „Wir hatten zum Beispiel eine Mitarbeiterin, die hat ein Baby bekommen und wollte eigentlich nicht richtig pausieren, sondern gleich wieder Sachen von zu Hause aus machen. Das haben wir probiert und mal ging es besser, manchmal klappte es nicht so gut. Wenn man mit Exzellenzen arbeitet, denn dann kann man sich darauf verlassen, dass die Sachen erledigt werden oder man früh genug weißt, dass man sie anders lösen muss.“ Und die Mutter von zwei Kindern setzt sich eben auch abends um neun noch mal für zwei Stunden hin, weil dann die Kinder im Bett sind.

Im Büro von Merisier sind die Übergänge fließend, flexible Arbeitszeiten sind Usus. Management by Objectives macht es möglich. Es werden klare Zielvereinbarungen getroffen, die dann erfüllt werden müssen. Und wenn ein Mitarbeiter diese am besten nachts erledigen kann, dann ist es auch in Ordnung, wenn er am nächsten Tag erst um zwölf Uhr mittags ins Büro kommt. Auch das ist etwas, was in einem Startup häufig besser funktioniert als in großen Konzernen Denn um klare Ziele abzustecken, ist es wichtig, das Arbeitsfeld zu kennen. Als Gründer hat man alle Bereiche seines Unternehmens selber durchlaufen und kann dann, wenn man einen Bereich abgibt, ganz klar Erwartungen benennen. In Sachen Unternehmenskultur lohnt also ein Blick in Richtung Startup, wo es weniger die Bezahlung oder die Boni sind, die Mitarbeiter ins Unternehmen locken, sondern Wertschätzung und persönliche Herausforderung.

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Flexibilität , Mit Perspektive