Warum fremdeln Unternehmen mit den eigenen Angeboten?

Firmen bieten ihren Mitarbeitern heutzutage schon viel an, wie Home Office oder Gleitzeit. Das wird gut angenommen, das zeigt sich immer wieder. Trotzdem wird im Recruiting selten damit geworben oder es später nur den Mitarbeitern angeboten, die explizit danach fragen. Unsere Gastautorin Inga Höltmann hat eine Theorie, warum Unternehmen so mit ihren eigenen Angeboten fremdeln.

03.06.2017 • Inga Höltmann

Das Schöne an dem, was wir „Neues Arbeiten“ nennen, ist ja, dass es so große Spielräume eröffnet. Es kommen ganz neue Technologien zum Einsatz, wir können theoretisch von überall auf der Welt arbeiten und ganz neue Produkte und Geschäftsmodelle erfinden, die es nie zuvor gab. Doch New Work ist mehr als das, es ist vor allem ein Mindset.

Und so kommt es, dass Firmen ihren Mitarbeitern durchaus Dinge wie Home Office, Gleitzeit oder andere Vergünstigungen anbieten, ohne offensiv dafür zu werben. Viele dieser Angebote fristen in den Firmen ein Dasein im Geheimen, verkommen zur Bückware der neuen Arbeitswelt: Wer nicht danach fragt, wer es nicht einfordert, der kommt nicht in ihren Genuss – obwohl die Firmen doch einige Anstrengungen unternehmen, um die dafür notwendige Infrastruktur anzubieten. Es zeigt sich ganz deutlich: Technologie und Infrastruktur bereit zu stellen ist eben noch kein Kulturwandel.

„New Work“ ist doch Buzzword genug um sich damit zu schmücken!

Nehmen wir das Home Office zum Beispiel. Es ist nicht trivial, die nötige Hardware zur Verfügung zu stellen, die Daten von extern abrufbar zu machen und die Prozesse so zu gestalten, dass sie funktionieren, auch wenn nicht alle Mitarbeiter am selben Ort sind. Dass wir da im Jahr 2017 schon weiter sein sollten: Geschenkt, sind wir halt nicht. Aber es entwickelt sich langsam. Trotzdem wird Home Office auch heute noch in wenigen Firmen von sich aus angeboten und in Bewerbungsgesprächen spielen die Aspekte des Neuen Arbeitens oftmals eine untergeordnete Rolle.

Wie kommt das? „New Work“ ist doch heute Buzzword genug, um es sich schmückend ans Revers zu heften und damit für sich zu werben. Welche Firma will sich potenziellen Bewerbern nicht modern und offen präsentieren? Das passt doch gut in eine Zeit, in der ganze Abteilungen eingerichtet werden, die sich mit dem Employer Branding beschäftigen.

Recruiting wie zu Zeiten der Erfindung des Computers

Ich denke, dass diese falsche Bescheidenheit zwei Gründe hat: Zum einen sind wir in unseren Rekrutierungsprozessen noch immer zu sehr in der Vergangenheit verankert. Wir suchen Menschen für die Aufgaben des 20. Jahrhunderts auf dieselbe Weise wie zu Zeiten der  Erfindung des Computers. Da werden hübsche Stellenanzeigen formuliert, in denen länglich steht, was man von den Bewerbern erwartet, was sie mitzubringen haben und wer unerwünscht ist, die dann noch drei Mal durch den Marketingsprech-Fleischwolf gedreht werden - aber die Unternehmen vergessen, dass sie ja eigentlich gerade dabei sind, mit ihren künftigen Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen.

Wir erleben gerade nichts Geringeres als eine Zeitenwende in der Arbeitswelt. Damit einher geht, dass die Menschen andere Erwartungen an ihren Arbeitsplatz haben – zum Beispiel, dass sie nicht länger bereit sind, ihr Menschsein und ihr Privatleben am Eingang abzugeben. Doch die Unternehmen behandeln die Bewerber wie Bittsteller, anstatt sie zu einem Dialog auf Augenhöhe einzuladen, um gemeinsam herauszufinden, ob man zusammenpasst oder nicht. Da werden Potenziale verschwendet, dass es kracht.

Unser eigener Spielraum wird enorm verengt

Zum anderen wird in vielen Unternehmen noch immer heimlich gedacht, dass Teilzeit und andere Formen der Flexibilität Dinge sind für Weicheier und vielleicht noch für Mütter. Führung in Teilzeit zum Beispiel – fallen einem davon nicht die Zähne aus? Wir sagen: „Karriere macht man nicht im Home Office“ und das stimmt vor allem, gerade weil wir das so sagen. Solche Ansichten verengen unseren Spielraum enorm.

Ich wiederhole noch einmal einen Satz von oben, weil er so wichtig ist: New Work ist ein Mindset. Die bloße Möglichkeit von Home Office ist noch kein Kulturwandel. Einen echten Wandel haben wir dann, wenn offen kommuniziert wird, was gewünscht und möglich ist im Unternehmen, und wenn jeder, der möchte, diese Angebote wahrnehmen kann - unabhängig von seiner Person und seiner Position. Und ein erster Schritt in diese Richtung ist, offen darüber zu kommunizieren – schon im Recruiting. Von beiden Seiten.

 

Inga Höltmann (http://ingahoeltmann.de/) ist Expertin für die Themen Kulturwandel in Unternehmen, New Work und Digital Leadership. Sie tritt bei Podiumsdiskussionen auf, hält Vorträge und bietet Workshops und Beratungsleistungen an, außerdem versendet sie einen monatlichen Newsletter zu diesen Themen (http://ingahoeltmann.de/newsletter/). Sie ist Gründerin der digitalen Führungskräfte-Akademie “Accelerate Academy” (http://accelerate-academy.de). Sie ist ausgebildete Wirtschaftsjournalistin, zu ihren Auftraggebern gehören der Berliner Tagesspiegel und das Deutschlandradio Kultur. Sie lebt und arbeitet in Berlin, Hamburg und gelegentlich London. Twitter: @ihoelt

 

 

Kategorie: Interviews

Schlagworte:

Ähnliche Beiträge