In der Arbeitswelt von morgen kann ich meinen Chef kritisieren

Lea Böhm hat AllesRoger gegründet, eine Agentur, die Führungskräfte in New Work schult – analog und digital. Im Interview erzählt sie uns, dass Feedback einstudiert werden muss und wie eine App dabei helfen kann.

18.10.2016 • Maria Gerono

Wie ist die Idee zu AllesRoger entstanden?

Ich bin schon vor zwei Jahren als Coach für Teamentwicklung gestartet. Vorher habe ich in einem Unternehmen gearbeitet und dort den HR Bereich geleitet. In den Medien hieß das immer “Feel-Good-Management”, aber im Endeffekt habe ich Personalentwicklung gemacht und den Team-Spirit aufgebaut. Der Firma ging es zwischendurch wirtschaftlich nicht gut, aber alle Mitarbeiter sind geblieben. Das war für mich der Inbegriff von Teamzusammenhalt. Das Unternehmen war dann irgendwann insolvent und ich konnte dort nicht weiter arbeiten. Für mich war klar, dass ich inhaltlich genau dort weitermachen möchte. Dann habe ich ein Jahr selbständig, alleine gearbeitet und überlegt, wie ich das ganze skalierbarer gestalten kann. Ich wollte sehr gern auch wieder im Team arbeiten. Dann kam Birte im Oktober letzten Jahres als studentische Mitarbeiterin dazu und Gabriel dann als Dritter im Bunde im Mai.

Dann ist zuerst die Idee entstanden, Workshops zum selber machen zu gestalten. Wir haben eine Box entwickelt mit Materialien zur Teamentwicklung, beispielsweise, um das Feedback zu verbessern. Die Anwender waren damit aber überfordert und wollten stärker an die Hand genommen werden.

Inzwischen hat sich der Fokus verlagert. Wir haben uns am Anfang stark auf die Arbeit mit Teams konzentriert und dann immer mehr gemerkt, dass die Führungskräfte der Hebel sind.

Warum dieser Shift?

Wenn man direkt mit dem Team zusammenarbeitet, die Zusammenarbeit und Entwicklungsfelder analysiert, muss die Führungskraft dem Team gegenüber offen eingestehen, dass sie selbst nicht alles kann. Es gibt ein Problem im Team, das sie eventuell sogar selbst verursacht und das sie nicht selbst lösen kann.

Das ist eine Situation, die viele verunsichert. Diese Unsicherheiten konnten wir in dem ursprünglichen Szenario nicht abdecken. Wir sprechen also jetzt Führungskräfte an, die den Willen haben, sich zu verändern und unterstützen sie dabei.

Wie arbeitet ihr mit den Führungskräften?

Wir starten meistens mit einer Analyse. Das Thema Selbstmanagement spielt eine große Rolle. Zum Beispiel wie man Verantwortung abgeben oder sich seiner Vorbildwirkung bewusster werden kann. 

Wenn man seine Mitarbeiter beispielsweise ständig dazu anhält auch mal Urlaub oder früher Feierabend zu machen und selbst in Arbeit versinkt, ständig erreichbar ist, deckt sich das eigene Verhalten nicht mit dem, worum man seine Mitarbeiter bittet.

Ist es nicht schwer von außen zu kommen und zentrale Elemente verändern zu wollen?

Je etablierter das Unternehmen und je gewachsener die Strukturen, umso schwieriger ist es, etwas zu verändern. Ein guter Einstieg in die Veränderung ist dann nicht das große Ganze verändern zu wollen, sondern erst mal mit einem kleinen Projekt zu starten und zu sehen, was passiert. Schritt für Schritt. Manchmal gibt es in solchen Unternehmen ganz ungeahnte Hemmschuhe. Ich war mal in einem Unternehmen und habe vorgeschlagen, dass die Mitarbeiter kleine Wertschätzungskarten nutzen könnten, wo z.B. Sätze wie „Begrüße heute jeden Teamkollegen persönlich“ draufstehen. Daraufhin sollte der Betriebsrat prüfen, ob es sich dabei um eine Arbeitsanweisung handelt. Auf die Idee wäre ich vorher nie gekommen.

Gibt es bei den Problemstellungen Unterschiede zwischen den etablierten Firmen und den Start Ups? 

Grundsätzlich eigentlich nicht. Oft geht es darum, dass sich Menschen nicht gut behandelt oder nicht ausreichend wertgeschätzt fühlen. Größere Unternehmen sind natürlich meistens Top Down organisiert. Einer übernimmt die Führungsrolle und weist die Aufgaben zu. Aber im Start Up läuft es schlussendlich genauso. Am Anfang ist alles sehr selbstorganisiert und alle packen mit an. Wenn das Unternehmen wächst, wird eine Führungsebene eingezogen. Oft fehlen die Erfahrungen, wie man die Arbeit gut organisiert und weiterhin alle möglichst selbständig, aber strukturiert ihre Aufgaben erfüllen. Das Vorstellungsvermögen fehlt, eine neue Art der Arbeitsorganisation zu finden. Umso größer die Firmen werden, um so festgelegter sind oft auch die Rollen, in denen ein Mitarbeiter gesehen wird.

Wie kann man die Resultate Eurer Arbeit messbar machen?

Das funktioniert am ehesten über die Fluktuation oder die Krankentage. Es gibt viele Studien, die belegen, dass die Produktivität und Arbeitsgenauigkeit stark zunehmen, wenn Mitarbeiter zufriedener sind. Dazu allerdings die Ursache-Wirkungszusammenhänge zu kontrollieren und messbar zu machen, ist schwierig.

Ist es generell so, dass die etablierten Unternehmen in Richtung Start Up schielen?

Ich glaube, das passiert in beide Richtungen. Start Ups probieren natürlich immer neue Sachen aus. Das ist genauso, als wenn ich mich mit einem 13-jährigen unterhalte, der mich auf dem Laufenden hält, welche Apps gerade angesagt sind. Gleichzeitig bringen die etablierten Unternehmen einen Riesen-Erfahrungsschatz mit. Im Prinzip kann man sich also von beiden etwas abgucken. Im digitalen Bereich ist das allerdings anders, da können sich die Start Ups nicht wirklich etwas abgucken.

Sind Start Ups die beliebteren Arbeitgeber?

Im Startup ist klar, dass man schnell Verantwortung übernehmen und selbstständig arbeiten kann. Die Umgangsformen sind häufig locker und die Atmosphäre eher freundschaftlich. Das sind Dinge, die für viele Arbeitnehmer heute wichtig sind. Was im Startup aber auch häufig vorkommt ist, dass du einen 24-jährigen CEO hast, der dir die Welt erklären möchte und wenig Führungstalent hat. In Kombination mit hohem Arbeitspensum, Stress und einem unsicheren Arbeitsplatz, ist ein Start Up dann nicht mehr für jedermann der beliebtere Arbeitgeber.

Im Idealfall gibt es dann irgendwann eine komplette Umwälzung der Arbeitsrealitäten… 

Ich will als Arbeitnehmer nicht irgendwo hinkommen und mich in einem Hierarchie-Gebilde wiederfinden, dass mich ohnmächtig macht. Die Arbeitswelt von morgen ist eine Welt, in der ich auch meinen Chef kritisieren kann und ich als Mensch im Mittelpunkt stehe. Beim Führungsverhalten geht es am Ende stark darum, dass man sich mit Wertschätzung und auf Augenhöhe begegnen kann – auch zwischen verschiedenen Hierarchiestufen. Um dahin zu kommen, müssen nicht nur Führungskräfte eine starke Kommunikationskompetenz und Empathie mitbringen. Auch Mitarbeiter müssen wissen, wie man richtig Feedback gibt, damit sie proaktiv an jeden herantreten können, um eine Rückmeldung zu geben. Nur gemeinsam können wir uns weiterentwickeln und Konflikte in Win-Win-Situationen lösen.

Du bist auch in der Fachgruppe “Frauen in der IT” der Bitkom aktiv. Was ist Euer Ziel?

Wir wollen die Wirtschaft wachrütteln sich zu verändern. Dazu gehören mehr Frauen in IT-Unternehmen und Berufen, flexiblere Arbeitszeiten, Equal Pay und noch viele andere Themen. Für mich ist es einfach unfassbar, dass es lange Zeit als so selbstverständlich hingenommen wurde, dass IT einfach eine „Männerdomäne“ sei. Die wirtschaftlichen Konsequenzen, die aus diesem Irrglauben entstehen, müssen schnellstmöglich abgefedert werden, indem ein neuer Kurs eingeschlagen wird.

Warum interessieren sich so wenige Frauen für IT Berufe?

Einerseits liegt das tatsächlich am Interesse. Bereits im Kindesalter entstehen Rollenbilder, die stark weiblich oder männlich geprägt sind. Das macht sich schon alleine in der Wortwahl bemerkbar: Krankenschwester oder Feuerwehrmann beispielsweise. IT Berufe werden häufig immer noch mit „im Keller sitzen und auf den Bildschirm starren“ verknüpft.

Frauen, die sich aber für eine IT-Karriere entschieden haben, müssen leider oft feststellen, dass ihre Expertise weniger Beachtung findet. Durch die Diskriminierung weiblicher Entwickler kommt es nicht selten vor, dass sie aus der Branche aussteigen, den Beruf wechseln oder sich selbstständig machen.

Wo siehst Du AllesRoger in Zukunft?

Perspektivisch sind wir der Bildungsanbieter für „Neues Arbeiten“. Das bedeutet, dass mit uns jeder den Zugang dazu erhält, seine Soft Skills weiterzuentwickeln und damit in flacheren Hierarchien arbeiten zu können. Ich würde gerne all unsere Erfahrungen in einer Lern-Software umsetzen.

Denkst Du, dass man Feedback in einer Software lernen kann?

Klar. Zum einen braucht man ein spezifisches Wissen darüber, wie Feedback aufgebaut sein sollte. Und dann hat es ganz viel damit zu tun, das Ganze einzustudieren und zu üben. Zum Beispiel könnte es sein, dass Du eine Notiz aufs Handy bekommst “Versuche heute Sachen zu beobachten, statt zu bewerten.” Du sitzt in einem Café und beobachtest eine Person mit einem hässlichen Mantel. Der Mantel war aber eigentlich nur gelb und du hast nicht nur beobachtet, sondern sofort bewertet. Diese Differenzierung muss man erst mal lernen. Wenn Du jetzt zu mir sagst “Dein Glas ist leer, Lea” beginne ich sofort zu überlegen, was will sie mir eigentlich sagen? Habe ich zu schnell getrunken? Soll ich noch was zu trinken bestellen? Und daran zu arbeiten, diese Interpretationen rauszunehmen, ist wichtig und das kann jeder lernen. Wenn diese Fähigkeit nur die Führungskraft mitbringt, wird es auch schwierig. Es braucht also etwas, dass in der Breite funktioniert.

Vielen Dank Lea!

Mehr Infos zu AllesRoger gibt es hier: www.allesroger.io 

 

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Flexibilität , Mit Perspektive

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