Die Frage ist doch: Muss Arbeit eine milde Krankheit sein?

Lena Schiller Clausen ist Beraterin, Dozentin, Co-Working-Space-Gründerin und beliebte Speakerin, wenn es um die Zukunft der Arbeit geht. Außerdem hat sie das Buch „New Business Order“ geschrieben. Wir haben uns in einem kleinen Café in Berlin Mitte verabredet und bei Ingwer-Zitronen-Tee darüber gesprochen, was Arbeit eigentlich bedeutet.

11.01.2016 • Maria Gerono & Anja Dehghan 

An guten Ideen mangelt es Gründern und Kreativen in Berlin nicht. Einige starten sofort durch, andere sind zwar durchaus innovativ, aber wirtschaftlich nicht so viel versprechend. Hat brotloser Enthusiasmus eine Daseinsberechtigung?

Hat er! Auch wenn das vordergründig Brotlose natürlich durch die Brille der Volkswirtschaft erstmal kritisch betrachtet werden muss. Beim genaueren Hinschauen lassen sich aber viele Früchte dieses „wilden Gründens und Kreativseins“ entdecken: die Atmosphäre des Experimentierens und Nicht-Scheiterns und das Gefühl, dass sich hier Optionen kristallisieren, wie man in Zukunft lebt, denkt, arbeitet und wertschöpft. Und genau das ist es ja, warum es auch viele unkreative Organisationen und Konzerne nach Berlin zieht. „Thinking outside the box“ und Innovation sind Magneten für Konzerne und ihre Inkubatoren.

Wie Jeff DeGraff sagt: "There is no data on the future." Wer sich also an einen zeitgemäßen, anderen Umgang mit Innovation und Zukunft annähern will, ist in solchen Ökosystemen wie Berlin genau richtig. Es braucht die ungezügelte freie Kreativität, die nicht das Gewinnstreben ins Zentrum rückt um Außergewöhnliches und Neues zu schaffen, aus dem wir dann Brücken in die Welt von morgen bauen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Betahaus [Anm. d. Red.: Co-Working Space, den Lena gegründet hat]: Die Mehrheit der Co-Worker muss aus Unangepassten bestehen, aus Andersdenken und Neumachen, damit es funktioniert. Wenn man dort mehrheitlich Konzern-Abordnungen untergebracht hätte um möglichst viel Profit daraus zu schlagen, hätte man die Idee gekillt, also auch das, wofür die Großorganisationen, die eben auch Kunden waren, gerne Geld bezahlt haben: Teil eines zukunftsgestaltenden Ökosystems zu werden.

Klappt der Transfer von Innovation durch simples Danebensetzen und Warten, dass die Kreativität überspringt? Oder indem man sie in spezielle Labs auslagert?

Was Inkubatoren angeht: nee! Die wenigstens Konzerne werden innovativer, nur weil sie auch mal einen Accelerator oder einen Inkubator in Berlin betrieben haben. Es fehlt an Durchmischung von „Innovationsstätten“ und dem Konzern und seinen Mitarbeitern. Die in den Inkubatoren anzutreffenden Externen kennen sich in der Regel mit den Produkten und Märkten des Unternehmens nicht ausreichend aus und implizit wird den eigenen Mitarbeitern irgendwo im Lande - weit weg von Berlin - vermittelt, dass sie nicht gut genug sind, selbst zu innovieren. Das motiviert nicht gerade, und es ist dann auch nicht verwunderlich, wenn die neuen Ideen, die aus dem externen Lab kommen, mit “not invented here” abgetan werden und nie wirklich integriert werden können.

Viel essentieller wäre es, hier statt neuer Produkte gemeinsam eine neue Kultur der Zusammenarbeit im Unternehmen zu entwicklen, die als softes Wissen in den Konzern übertragen wird. Wie begünstigt man man Kreativität quer durch die Organisation? Wie arbeitet man zusammen, damit Ideen zum Leben erweckt werden können? Das ist ähnlich wie beim Gründen. Im Zentrum steht ja nicht nur das Ergebnis, sondern auch der Prozess, der dahin führt. Das setzt natürlich einen anstrengenden Kulturwandel voraus. Natürlich ist es viel einfacher zehn Leute in Berlin zu bezahlen, die dir im Schwabenländle nicht auf den Keks gehen, als die Leute ins Schwabenländle zu holen und als erstes zu merken, dass es im Unternehmen noch gar nicht die notwendige integrierende Kultur gibt.

In den letzten Jahren verfielen Unternehmen dann gerne mal in Aktionismus: es wurden die festen Büroplätze abgeschafft oder alle Wände heraus gerissen oder mit Skateboards und Latte Macchiato-Ecke dekoriert - weil das in den kreativen Hubs dieser Welt ja auch gut funktioniert. Klappt natürlich nicht. Die große Herausforderung ist eine menschliche - keine innnenarchitektonische. Es geht darum, die richtigen Leute zu identifizieren. Genau so wie eine Buchhaltung andere Leute braucht, als eine Marketing-Abteilung, bedarf es eines Verständnisses dafür, wen es braucht, um zu lernen das gesamte Unternehmen neu zu denken, damit alle anderen 90 Prozent den Job, den sie gut beherrschen, weitermachen können. Unternehmen müssen sich die Frage stellen, welches integrative Arbeitsumfeld brauchen genau diese Leute und wie kann das im Unternehmen für alle realisiert werden?

Was hat das Gründen mit dir gemacht?

Rückblickend geht es wohl darum - und das ist eben doch typisch für den Zweig unserer Generation, der gut ausgebildet im urbanen Raum lebt - mitgestalten zu dürfen und dabei neue, eigene Erfahrungen zu machen. Beim Gründen steht dann nicht nur die Idee im Mittelpunkt, sondern auch die eigene Entwicklung. Das ist natürlich insofern ein Elitethema: finanziell, intellektuell… Aber es geht um den Weg, den wir gehen dürfen. Deswegen können wir auch nicht scheitern, denn irgendetwas gewinnen wir ja immer. Unternehmungen können scheitern, aber Menschen eben nicht. Solange wir offen mit unseren Ideen umgehen, selbst wenn sie uns auf die Füße fallen können, in Netzwerken arbeiten, statt in Grenzen zu denken.

Kann diese Art der Arbeit überhaupt für die Masse funktionieren? Können und wollen denn alle so entgrenzt und vernetzt arbeiten?

Aus der Luft gegriffene 90 Prozent unserer Wirtschaft werden sich nicht radikal in ihrer Arbeitsweise verändern - und es auch nicht müssen. Die Unternehmen sagen immer zu mir: Unser Unternehmen würde ja gar nicht funktionieren, wenn wir nur noch solche wilden Kreativen anstellen. Ja, stimmt. Aber wir reden ja auch nur von diesen 10 Prozent, die vernetzt, global und digital in den Dimensionen Markt und veränderte Gesellschaft denken. Es sind die, die jedes Unternehmen händeringend zu suchen scheint, aber nicht mehr bekommt. Sie sind die Triebfedern um die Strukturen neu zu denken und aufzustellen, gemeinsam mit dem, was die Unternehmen an Potenzial bereits mitbringen.

Die Frage ist, wie kommt man an diese restlichen 10 Prozent? Warum ist es scheinbar so schwierig, sie für das Unternehmen zu gewinnen? Erst bewerben sie sich gar nicht, und dann werden sie auch noch als erste aus dem Bewerberstapel aussortiert. Es fehlen Brücken, wie auch eine gemeinsame Sprache: weil das Leben dieser Kreativen eben nicht in den gängigen Bahnen läuft und sie nicht den idealtypischen Lebenslauf mitbringen, passen sie auf keine Stellenausschreibung - und keine Stellenausschreibung auf sie.

Und wie sieht es mit der Zukunft der Arbeit aus? Gibt es da eine klare Prognose?

Wenn über die Zukunft der Arbeit geredet wird, meint man meistens eher die Zukunft der Unternehmen: es wird hauptsächlich darüber geredet, wie man Leute aus den Startups angeworben kriegt oder Manager vorm Burnout rettet oder wie man verhindert, dass im Unternehmen Menschen durch Roboter ersetzt werden.

Mich interessiert die Meta-Ebene viel mehr: was bedeutet der Wandel in der Arbeitswelt für unsere Gesellschaft. Seit Beginn der Automatisierung von Arbeit - man denke an die Maschinenstürmer zu Beginn des 19. Jahrhunderts - wird vorausgesagt, dass in wenigen Jahrzehnten mehr Arbeit abgeschafft wird, als dass neue kreiert wird. Die Angst davor zeigt, dass Arbeit in unserer westlichen Gesellschaft der Wert schlechthin ist. Der Arbeitsphilosoph Frithjof Bergmann beschreibt, wie Arbeit seit er Industrialisierung zu einem „Omni-Wert“ geworden ist.

Wie lässt sich das erklären?

Ganz ohne Arbeit tritt vor allem eines ein: Verwirrung. Denn dann fehlen Anerkennungsstrukturen und Identifikationsmöglichkeiten. Ganz interessant ist in diesem Kontext die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen, aktuell zu beobachten in Finnland und der Schweiz. Was passiert, wenn Leute nicht arbeiten müssen, um zu leben oder wenn die Arbeit frei gewählt werden kann und Einkommensunterschiede ausgeglichen werden. Wird mehr Kreativität frei gesetzt und entstehen tolle Dinge? Steigt die Bereitschaft unbeliebte, schlecht bezahlte Jobs anzunehmen? Oder werden wir alle bloß ganz schrecklich faul?

Hinter der Diskussion um das Grundeinkommen steckt für mich immer die Frage: Welches Menschenbild haben wir? Und was glauben wir eigentlich, was Arbeit ist oder sein sollte?

Findet hier nicht gerade ein Wandel statt? Bedeutet Arbeit heute noch dasselbe wie vor 50 Jahren?

Wir verwenden ja verschiedene Begriffe um Arbeit zu beschreiben: “Was ist Dein Job?” und “Was arbeitest du?” sind zwei ganz unterschiedliche Fragen. Unsere Eltern und Großeltern kommen aus einer Generation, in der es unerheblich ist, was du arbeitest, sie wollen wissen, was ist dein Job.

Arbeit war ja historisch gesehen immer so etwas wie Sklaverei. Aber muss Arbeit heute noch immer eine „milde Krankheit“ sein, die einen schwächt aber nicht umbringt - so wie Frithjof Bergmann sie beschrieben hat? Besteht Arbeiten im Akt des Schaffens und Tuns oder vor allem darin Geld zu verdienen? Was muss Arbeit leisten in Bezug auf Identitätsstiftung, Einkommensquelle und Wertschöpfung für die Welt? Diese Fragen werden verschiedene Leute vermutlich unterschiedlich beantworten. Aber egal wie modern und kreativ wir denken, sogar unser eigenes Arbeitsbild ist noch ziemlich altbacken geprägt von der Frage nach Fleiß und Fachkompetenz. Unsere Riesensorge als Freelancer ist oft genug: Bin ich gut genug, um diese Preise für meine Arbeit aufzurufen? Haben wir heute schon genug gearbeitet? Wenn ich eine Kontaktliste weitergebe, dann stehen dahinter unzählige Telefonate, Treffen, Mittagessen - Netzwerkarbeit, die oft nicht nach Arbeit aussieht - so wie unser Ingwertee gerade. Der einzelne Vortrag wird nicht für die 45 Min Redezeit bezahlt, sondern für all die Erfahrung und all die Arbeit, die dahinter steht. Wenn ich meinen Facebook Account vermeintlich gedankenverloren durchscrolle - weil es für mich ein Filter für das Internet ist und die Informationsquellen durchaus wichtig für meine Arbeit sind - fällt es Leuten aus meinem Umfeld schon manchmal schwer zu akzeptieren, dass das jetzt wirklich Arbeit ist. Wir können es uns leisten, anders zu arbeiten. Und trotzdem haben wie eine merkwürdige Form von schlechtem Gewissen. Ist das die Gesellschaft, die in Form unserer Erziehung zu uns spricht? Das sagt viel darüber aus, was Arbeit eigentlich ist, nämlich etwas gesellschaftlich Definiertes. Selbst wenn wir uns davon lösen können, dann nur in bewusster Abgrenzung.

Vielen Dank, Lena!

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Flexibilität , Mit Perspektive