Digitalisierung führt zu Abbau von Arbeitsplätzen

Manuel Funk berät Unternehmen in Innovationsdingen. Er hat das Future & Innovation Think Tank Honeypump gegründet und zu Innovation Labs und Accelatoren geforscht. Als Digitalstratege hatte er vorher jahrelang Marken auf dem Weg zur Digitalisierung begleitet. Wir wollten von ihm wissen, was die Zukunft bringt und warum Aktionismus selten zum Ziel führt. 

28.06.2016 • Anja Dehghan

Warum ist das ganze Thema Digitalisierung und Transformation für viele Unternehmen so schwierig zu bewältigen?

Nach meiner Erfahrung sind viele Unternehmen völlig überfordert mit der Komplexität und Dynamik der Veränderungen. Die bestehenden Prozesse und Strukturen sind nicht geeignet, um mit den Herausforderungen umzugehen und das führt im Ergebnis oftmals zu falschen Entscheidungen oder Aktionismus. Im Poker Jargon gibt es den Begriff "Tilt": „a state of mental or emotional confusion or frustration in which a player adopts a less than optimal strategy.“

Viele Unternehmen differenzieren derzeit auch nicht ausreichend zwischen den Schlagworten Transformation, Disruption, Digitalisierung und Innovation. Eine strategische Einordnung sowie konkrete Formulierung von entsprechenden Zielen ist aber notwendig, um Maßnahmen und Verantwortlichkeiten zu definieren. Die Gründe für das Scheitern etablierter Unternehmen im Umgang mit radikalen oder disruptiven Innovation hat Clayton Christensen bereits 1997 in seinem Bestseller „The Innovator´s Dilemma“ beschrieben: Ressourcen werden primär auf die Weiterentwicklung bestehender Produkte und Services konzentriert. Für alle radikalen Innovationen und Technologien hat sich in den Unternehmen dagegen ein gut funktionierendes Immunsystem etabliert, welches alles Neue abwehrt und die Konzentration auf bestehende Märkte mit planbaren Gewinnen gewährleistet. Dieses System greift übrigens auch, wenn Startups gekauft und in Konzerne integriert werden sollen. Die bestehenden Prozesse der Unternehmen sind für die Eroberung neuer Märkte und Technologien völlig ungeeignet. Daher empfiehlt Christensen die Schaffung unabhängiger Organisationen, z.B. in Form von Labs oder Accelerator-Programmen. Geschützte, eigenständige Forschungsräume mit eigener Kultur, anderen Mitarbeitern und superschlanken Prozessen.

Innovation-Labs und ihre Mutter-Unternehmen profitieren in vielerlei Hinsicht voneinander. Oder ist zu viel Anbindung eher kontraproduktiv?

 

Ich habe im letzten Jahr in einer umfangreichen Studie über 50 Labs und Corporate Accelerator wissenschaftlich untersucht. Es gibt verschiedene Ansätze diese Programme erfolgreich zu betreiben und ich habe zwei unterschiedliche Typen von Innovation Labs identifiziert: Autonome Labs sind völlig losgelöst vom Kernunternehmen und haben den Auftrag, neue Märkte zu erschließen und radikale, disruptive Produkte zu erforschen. Das Ganze mit ungewissem Ausgang und bewußter Öffnung gegenüber Startups, Partnern, Hochschulen etc. Im Extremfall entwickeln diese autonomen Labs sogar Services, die das Kerngeschäft des Mutterkonzerns angreifen und kannibalisieren. Die zweite Form sind so genannte verbundene Labs, welche ebenfalls physisch und organisatorisch getrennt vom Kerngeschäft agieren, aber viele Schnittstellen zum Kernunternehmen haben. Zum Beispiel über die Schulung und den Austausch von Mitarbeitern oder gemeinsame Innovations-Projekte. Ein wichtiges Ziel dieser Labs ist ein positiver Beitrag zur Innovationskultur des gesamten Unternehmens. Allerdings werden in diesen verbundenen Labs in der Regel keine disruptiven Innovationen entstehen. Beide Aufstellungen haben ihre Berechtigung und manche Unternehmen betreiben mehrere unterschiedlich aufgestellte Labs zur Erreichung der jeweiligen Ziele. Die Studie hat allerdings auch gezeigt, dass derzeit nahezu alle Labs weder autonom noch verbunden sind. Organisatorisch wird eine Art Mischform der beiden Typen präferiert um sowohl radikale Innovationen zu schaffen als auch parallel dazu die Innovationskultur des Gesamtunternehmens positiv zu verändern. Beide Ziele in einem Setup zu verfolgen funktioniert allerdings nicht.

Eine wichtige Voraussetzung für Innovation sind qualifizierte Mitarbeiter. Was macht denn einen geeigneten Mitarbeiter aus?

Die wichtigste Fähigkeit ist, mit einem offenen, unverstellten Blick an alle Themen heranzugehen - bestehende Prozesse und Herangehensweisen kompromisslos aus Kundensicht zu hinterfragen, mutig zu forschen und bei Bedarf auch zu scheitern. Das ist die wichtigste Expertise. Alles andere, wie ein Gespür für künftige Märkte und technologische Möglichkeiten sind eh Grundvoraussetzung.

Was denkst du? Wird es mit zunehmender Digitalisierung eng werden auf dem Arbeitsmarkt?

Die umfassende Digitalisierung der Wirtschaft führt nach meiner Einschätzung zu einem erheblichen Abbau von Arbeitsplätzen - vor allem durch (teil-) autonome Systemen mit künstlicher Intelligenz. Gleichzeitig entstehen im Technologie-Sektor auch zahlreiche neue Jobs - zum Beispiel im Bereich Informatik - allerdings kompensieren diese neuen Jobs nur einen kleinen Bruchteil der vielen wegfallenden Arbeitsplätze.

Künftig sehe ich vor allem zwei wachsende Segmente: Zum einen einfache Tätigkeiten auf Mindestlohn-Basis. Bei Amazon Sachen einpacken könnte theoretisch auch ein Roboter übernehmen, aber zumindest derzeit nicht zu den geringen Kosten eines menschlichen Packers mit geringem Gehalt. Auf der anderen Seite der Skala steigt der Bedarf an hochspezialisierten Experten im sog. „quartären Bereich“. Die Verbindung von fundiertem Fachwissen in verschiedenen Bereichen, gepaart mit kreativer und strategischer Lösungskompetenz. Wegfallen werden vor allem Jobs im mittleren Management. Menschen, die den ganzen Tag in Meetings sitzen, Excel Tabellen ausfüllen und Entscheidungen treffen. Algorithmen können Entscheidungen allerdings deutlich schneller und vor allem emotionslos treffen. Durch sogenannte Smart Contacts (z.B. auf Blockchain-Basis) lassen sich komplexe Prozesse und Geschäftsbeziehungen teilweise vollautomatisch und ohne menschliche Einwirkung abwickeln. Das zeigt auch das kürzlich abgeschlossene Rekord-Crowdfunding für The DAO - Decentralized Autonomous Organisation. Ein Investment-Fond ohne Mitarbeiter auf Basis von Algorithmen, welcher innerhalb kurzer Zeit rund 144 Mio. Dollar einsammeln konnte - und kurz darauf einem groß angelegten Hacker-Angriff zum Opfer fiel. Das ist ein extremes Beispiel für eine Organisation, die im Prinzip keinen einzigen Angestellten braucht. Die wegfallenden Jobs haben natürlich auch großen Einfluss auf die Kaufkraft künftiger Konsumenten. Daher gibt es im Silicon Valley einige prominente Befürworter für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Im Interesse stehen dabei weniger soziale Aspekte, sondern das wirtschaftliche Kalkül, auch Menschen ohne festes Einkommen künftig den Konsum der angebotenen Services und Produkte zu ermöglichen.

Danke, Manuel!

Link zur Studie: Innovation Labs und Corporate Acceleratoren im Innovations-Dilemma

 

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Mit Perspektive