Wichtig ist, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen

Marion King ist seit über zehn Jahren als Beraterin, Coach und Trainerin in Unternehmen unterwegs. Nach einem BWL Studium mit Schwerpunkt Marketing/Personal und jahrelanger HR-Erfahrung in Unternehmen hat sie begonnen, in erster Linie Führungskräfte zu schulen. Außerdem berät sie Unternehmen in Veränderungsprozessen. Zentrale Themen sind Organisationen der Zukunft und die Veränderungen der Arbeitswelt, die der digitale Wandel mit sich bringt. Vor kurzem hat sie „Les Enfants Terribles“ gegründet, eine Schule für neues Arbeiten. Wir wollten von ihr wissen, was genau es damit auf sich hat.

Maria Gerono und Anja Dehghan 25.09.2015

Was ist denn der Ansatz von „Les Enfants Terribles“?

Im Prinzip hat das Ganze zwei Aspekte: es ist eine Schule und es ist eine Bewegung. Entstanden ist es aus einem sehr persönlichen Empfinden, das mich schon mein gesamtes Arbeitsleben begleitet. Meinen ersten Job hatte ich in der Marketingabteilung eines großen Industrieunternehmens. Ich war entsetzt darüber, wie die Mitarbeiter dort miteinander umgegangen sind. Dieses Gefühl hatte ich dann immer wieder auch in anderen Unternehmen. Und irgendwann kam für mich der Punkt, an dem ich beschlossen habe, dass ich diese überalterten Systeme von Macht und Hierarchien nicht mehr mittragen und unterstützen möchte. Mein Ziel ist es, Menschen zu ermutigen, ihrem Gefühl zu vertrauen, dass die Arbeitswelt so nicht länger funktionieren kann und muss. Zusammenarbeit kann nicht geprägt sein von schlechter Stimmung und davon, sich gegenseitig zu bekriegen. Es geht nämlich auch anders: glücklicher und leichter - und trotzdem effizient und profitabel. Der Kern der Bewegung ist, tolle Projekte und Unternehmen zu diesem Thema sichtbarer zu machen, Menschen zu vernetzen und ihnen eine Plattform zu geben

Und wie ist die Idee für eine Schule entstanden?

Ich mache ja schon lange Trainings und Coachings – unter anderem für Führungskräfte - und ich merke einfach immer, dass es mit ein oder zwei Tagen Training nicht getan ist. Es braucht Zeit für Entwicklung, für Reflexion und gute Begleitung. Also habe ich überlegt, welches Knowhow es im digitalen Zeitalter bräuchte – abgesehen vom Fachwissen zu bestimmten Themen. Als Basis geht es darum zu verstehen, wie die digitale Welt funktioniert. Was hat das für Auswirkungen auf die Zusammenarbeit? Das ist eben nicht nur Google und Facebook, sondern ein völlig neues Zeitalter, das durch die zunehmende Vernetzung und Geschwindigkeit unser Leben und Arbeiten grundsätzlich verändert und auch weiter verändern wird. Das ist der Kontext, in dem sich das Ganze bewegt. Dann haben wir vier verschiedene Themenfelder definiert, die miteinander verwoben werden: zum einen den Bereich systemisches Knowhow; da geht es vor allem um den Umgang mit Komplexität, Wirkung und Zusammenhängen. Agiles ist der zweite Bereich – dazu gehören z.B. moderne Methoden von Innovation, Projektsteuerung oder Organisationsgestaltung, Themen wie Scrum oder Design Thinking. Das dritte Feld ist Kooperation mit einem wichtigen Schwerpunkt auf gute und effektive Kommunikation. Und ganz zentral ist das Thema Achtsamkeit, auch wenn ich den Begriff im Deutschen eher schwierig finde. Es meint einen bewussten Umgang mit sich und anderen, eine gute Wahrnehmung und Haltung gegenüber Menschen. Ein wesentlicher Teil der Schule für neues Arbeiten ist also eine Ausbildung, in der man das Arbeiten in unterschiedlichen Dimensionen lernt.

Wie sieht das dann konkret aus?

Im Moment ist es eine Pop-up Schule, die immer dorthin kommt, wo sie gebraucht wird. Langfristig wird es vielleicht einen festen Ort geben, den man aufsuchen kann. Zum Start (v.a. solange wir auch noch in der finalen Konzeption der Ausbildung sind) werden die ersten Sachen, die wir anbieten, Auszeitwochenenden oder Retreats sein. Die dienen erstmal der Inspiration und als Anstoss. Diese Veranstaltungen richten sich an Menschen, die einfach mal raus aus ihrem Arbeitsalltag wollen und Zeit zum Reflektieren brauchen. Es treffen Menschen aufeinander, die sich gegenseitig austauschen, neu über ihr Arbeiten nachdenken und darüber, welche Möglichkeiten es gibt, die Dinge anders, besser zu gestalten. Es wird dazu Input aus ganz unterschiedlichen Bereichen geben, von Menschen, die bereits andere Wege gehen, anders denken und arbeiten. Der erste Retreat ist im Moment gemeinsam mit Sven Franke von „Augenhöhe“ geplant. (Dokumentarfilm über neues Arbeiten, Anm. d. Red.) Dann planen wir eine Auszeit für Projektmanager, deren Job immer komplexer und anspruchsvoller wird. Dort werden Fragen bearbeitet wie zum Beispiel: wie kann ich meine Rolle als Projektmanager neu definieren und wie setze ich das um? Weitere Themen sind natürlich Führung, HR oder zum Beispiel ein Retreat speziell für Frauen, die sich in ihrer Rolle immer noch oft schwertun.

Letztendlich geht es bei „Les Enfants Terribles“ darum, dass jeder selbst Dinge tun kann, um seine Situation zu verbessern – und wenn es nur kleine Schritte oder Maßnahmen sind. Jede Führungskraft hat zum Beispiel immer die Möglichkeit, Gutes für ihr Team zu tun – egal wie es sonst im Unternehmen aussieht.

Was sind denn das für Dinge?

Ich glaube, der wichtigste Schritt ist, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Viele werfen es dem Unternehmen oder dem Vorgesetzten vor, wenn sie unzufrieden sind. Man muss herausfinden, was man selbst tun kann. Ist das zum Beispiel überhaupt der richtige Job oder die richtige Umgebung für mich. Die Menschen müssen von diesem ständigen Beklagen wegkommen und Initiative ergreifen. Und es geht darum, einen guten Beitrag zu leisten. Das ist natürlich auch eine Frage von Mut, sich Sachen einzugestehen oder zuzutrauen. Ich habe zum Beispiel das Konzept der Schule schon ewig in der Schublade. Aber an diesen Punkt zu gelangen, an dem ich beschlossen habe, es anzugehen und dafür auch einzustehen, das war ein ganz schön langer Weg.

Der Name Enfants Terribles impliziert ja etwas Widerspenstiges, etwas das gegen allgemeine Normen verstößt. Glaubst du, dass die Ansätze, die die Schule transportiert, noch so ein Nischendasein pflegen?

 Die Bandbreite an Unternehmensformen und -kulturen ist mittlerweile riesig – von klassisch-hierarchisch bis agil oder fluide. Ich glaube, dass wir hier in Berlin zum Beispiel schon in vielen Firmen oder Projekten weit voraus sind. Es gibt aber überall in Deutschland oder auch international tolle Unternehmen, die sehr gute Sachen machen, anders arbeiten und auch ein anderes Bewusstsein dafür haben. Wenn ich dann in manche traditionellen Unternehmen schaue, dann ist das, was dort betrieben wird, was ihre alten Systeme und Arbeitsweisen angeht, einfach hundert Jahre zurück. Das funktioniert in Zeiten wie diesen einfach nicht mehr – abgesehen davon, dass es noch nie so wirklich toll war. Also, ich glaube, da gibt es noch gut was zu tun.

Vielen Dank, Marion!

 

Marion King nimmt auch an der HR Safari teil, die am ersten und zweiten Oktober in Berlin stattfindet. Mit einem Shuttlebus gehen 20 Personaler auf Safari kreuz und quer durch Berlin. An verschiedenen Standorten gibt es Vorträge und Workshops. Zentrales Thema ist die Digitalisierung im Bereich HR. Mehr Infos zur Veranstaltung gibt es hier: good-school.de Neuigkeiten rund um „Les Enfants Terribles“ gibt es hier: enfants-terribles.org Wer sich den Film „Augenhöhe“ ansehen möchte, klickt hier: augenhoehe-film.de  

 

Bildnachweis: www.hort.org.uk 

 

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Auf Augenhöhe

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