Es geht nicht darum viel zu arbeiten, sondern etwas zu erreichen

Martin Ramsin ist in vielerlei Hinsicht ein besonderer Gründer. Als Quereinsteiger aus Schweden und Vater einer kleiner Tochter macht er viele Dinge ganz anders, aber auch anders gut. Wir haben mit ihm über die Befreiung gesprochen noch mal etwas Neues anzufangen und darüber, warum viel Arbeiten nicht immer viel bringt.

12.05.2015 • Anja Dehghan

Was genau macht careerfoundry?

Wir helfen Menschen als Quereinsteiger in einen neuen Job zu wechseln. Also zum Beispiel jemandem, der feststellt, er würde gern Web-Entwickler werden, weil sein aktueller Job nicht besonders gut bezahlt ist und ihm kaum Freiheiten lässt. Webentwickler zu sein hat viele Vorteile: es bieten sich interessantere Jobs, zum Beispiel in Start Ups, und die Bezahlung ist meistens besser. Außerdem hat man viel mehr Freiheiten, denn man kann praktisch von überall aus arbeiten.

Welche Jobs sind das?

Wir bieten zwei Fachrichtungen: Webentwicklung und UX Design. Die Menschen, die zu uns kommen, ändern etwas sehr wesentliches in ihrem Leben, nämlich ihren Karriereweg. Das ist etwas sehr emotionales, bei dem wir sie begleiten. Sie stellen fest, dass sie unzufrieden sind mit ihrem Job und suchen nach einem Ausweg. Wir bieten ihnen Online Seminare und stellen ihnen einen Mentor zur Seite. Wir vernetzen Menschen weltweit, wir haben Kursteilnehmer in den USA, in Australien und Singapur zum Beispiel, und auch Mentoren überall auf der Welt. Ich habe meine Mitgründerin Raffaella vor zwei Jahren kennengelernt. Ich war damals zwischen zwei Jobs und hatte etwas Zeit. Also habe ich beschlossen mir das Programmieren beizubringen. Und so kam mir die Idee, Quereinsteiger und Mentoren zusammen zu bringen. Denn es ist wirklich schwierig aus eigener Kraft als Quereinsteiger Fuß zu fassen. Ich war zehn Jahre lang Produkt- und später Projektmanager und hatte genug. Außerdem wollte ich schon länger ein eigenes Unternehmen gründen.

Ist diese Freiheit, die ihr Quereinsteigern durch den Jobwechsel ermöglicht, auch Teil eurer eigenen Unternehmenskultur, was Flexibilität und Mobilität betrifft?

Auf jeden Fall. Wir stellen selbst Quereinsteiger ein, die von einer Branche in eine andere wechseln. Und jeder hat die Möglichkeit von irgendwo anders zu arbeiten, wenn er das möchte. Wir haben eine sehr flexible Unternehmenskultur, entweder man arbeitet im Büro oder von zu Hause oder an einem anderen Ort. Natürlich versuchen wir unser Büro zu einem Ort zu machen, an den man gern kommt, so dass alle am liebsten hier arbeiten. Wir versuchen es offen zu halten, aber wenn alle ständig von zu Hause aus arbeiten, funktioniert es nicht so richtig.

Funktioniert diese Form des Arbeitens für dich als Gründer und CTO des Unternehmens auch?

Absolut. Ich habe eine dreijährige Tochter, die ich auch mal von der Kita abhole, denn ich möchte Zeit mit ihr verbringen, ein moderner Vater sein. Dadurch muss ich viel von zu Hause arbeiten. Auch wenn sie krank ist. Das passiert relativ häufig mit kleinen Kindern. Sie werden krank und dann kannst du nicht ins Büro gehen.

"Ich gehe nie nach 18.00 Uhr aus dem Büro nach Hause, denn meine Tochter geht um 20 Uhr ins Bett. Ansonsten würde ich sie abends gar nicht mehr zu Gesicht bekommen."

Das war schon immer so und daraus ist die Unternehmenskultur hier entstanden. Niemand arbeitet bis spät in die Nacht, es gibt keine Arbeitswochenenden im Büro. Aber zu Hause wird unter Umständen weitergearbeitet.

Hatte die Geburt deiner Tochter Einfluss darauf, wie du heute das Unternehmen leitest, in Bezug auf Flexibilität und Teamführung?

Ich denke, das hatte Einfluss auf die Kultur, die hier entstanden ist. Allein die Tatsache, dass ich zu Beginn der Gründung gesagt habe, hört zu, ich habe eine kleine Tochter, und die möchte ich auch sehen. Sie war damals gerade mal ein Jahr alt. Aber Raffaella war sehr verständnisvoll. Ich würde schon sagen, dass das unsere Unternehmenskultur beeinflusst hat, allerdings hatte ich das nicht geplant, sondern es hat sich einfach so ergeben.

Gibt es ab und zu Schwierigkeiten mit eurer flexiblen Unternehmenskultur?

Im Januar hatten wir eine Phase, in der sehr viele Leute von zu Hause gearbeitet haben. Wir haben einiges an Kursmaterial überarbeitet und dabei muss man sich sehr stark konzentrieren. Also habe ich allen im Team gesagt, sie sollten die nächsten zwei Wochen hauptsächlich von zu Hause arbeiten, um sich nur darauf zu konzentrieren. Ein paar Leute waren auch unterwegs und so blieben nur einige wenige übrig, die tatsächlich im Büro gearbeitet haben. Und für die war es irgendwie ziemlich komisch, dass sie so allein waren. In einem kleinen Team ist es recht schwierig das auszugleichen. Es ist einfach nicht so lustig im Büro, wenn die Hälfte des Teams fehlt.

Hast du manchmal Bedenken, Leute könnten zu Hause eine ruhige Kugel schieben, wenn sie eigentlich arbeiten sollten?

Nein, gar nicht. Wir haben relativ ehrgeizige Ziele, die wir jeden Monat erreichen müssen, und die sind klar vorgegeben. Und jeder einzelne ist für einen bestimmten Teil der vereinbarten Ziele verantwortlich und so weiß auch jeder, was er zu tun hat.

"Es geht darum Ziele zu erreichen. Dabei ist es mir relativ egal, wann die Sachen erledigt werden oder wie."

Das schafft dann die Freiheit, es auch mal entspannter angehen zu lassen, dafür dann aber an einem anderen Tag ein bisschen mehr zu arbeiten. So lange am Ende ein Ergebnis steht, spielt das aber keine Rolle.

Wie sieht dein Traumjob aus?

Meinen Traumjob habe ich ja schon! Zumindest für jetzt. Ein Langzeitziel wäre ein Start Up im Bereich erneuerbare Energien, um auch etwas Nachhaltiges zu schaffen. Careerfoundry ist mein erstes Start Up. Gründer zu sein ist unglaublich spannend, denn man lernt die ganze Zeit dazu. Ich habe in den letzten zwei Jahren so viel gelernt, wie noch nie zuvor in meinem ganzen Leben. Das ist einfach unglaublich. Und ich stelle fest, wie isoliert ich in meinen alten Jobs gewesen bin. Und wie wenig ich gelernt habe. Ich hoffe, dass es uns gelingt, hier eine Kultur zu etablieren, die es allen ermöglicht, ständig dazu zu lernen und nicht stehenzubleiben. Und niemand soll sich so isoliert fühlen, wie ich mich damals gefühlt habe. Die Schwierigkeit ein Start Up zu gründen besteht darin zwei Dinge richtig gut zu machen: man muss ein fantastisches Produkt entwickeln und gleichzeitig eine fantastische Unternehmenskultur in einem großartigen Team. Das ist gar nicht so leicht.

Wie sieht dein Arbeitstag aus?

Meine Tochter weckt mich jeden Tag um halb sieben– auch am Wochenende! Dann frühstücken wir zusammen und spielen ein bisschen. Danach fahre ich sie in die Kita und radle hier rüber. Gegen 8.30 Uhr bin ich im Büro. Die erste Stunde erledige ich organisatorische Sachen: wenn sich nachts neue Studenten angemeldet haben, melde ich sie für Mentoren an und binde sie in unser Netzwerk ein. Dann prüfe ich ein paar Kennzahlen und beantworte vielleicht ein paar E-Mails. Den Rest des Tages versuche ich überall zu helfen, wo ich kann und programmiere selbst ein bisschen. Aber das ist seltener geworden. Am Anfang habe ich alles selbst programmiert, aber das wird immer weniger, je mehr wir wachsen. Und dann kommen natürliche strategische Überlegungen und solche Sachen dazu. Um 18.00 Uhr gehe ich nach Hause, denn meine Tochter geht um 20 Uhr ins Bett und so verbringen wir den Abend zusammen. Danach arbeite ich noch ein bisschen von zu Hause, und manchmal auch am Wochenende.

Hast du das Gefühl weniger effizient zu sein, als Menschen die 24/7 arbeiten?

"Ich glaube es geht weniger darum wie viel du arbeitest, sondern was dabei heraus kommt. Das ist es was zählt."

Wenn man einfach nur viel arbeitet, dann arbeitet man vielleicht an den falschen Dingen, die nicht wirklich von Bedeutung sind. Und das ist manchmal völlig für die Katz. In größeren Unternehmen ist das oft so. Allerdings produziert extrem viel Arbeit manchmal auch eine enorme Energie, wenn du sie in die richtige Sache steckst. Arbeit sollte immer zielgerichtet das erweitern, womit man eigentlich beschäftigt ist. Wenn man immer ein bisschen hier und ein bisschen da arbeitet, schafft man nie etwas wirklich Großes. Die Energie, die entsteht, wenn man mit viel Einsatz an der richtigen Sache arbeitet, die hilft einem auch die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Vielen Dank, Martin!

(Das Interview haben wir auf englisch geführt und dann übersetzt.)

 

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Mit Familie , Mit Flexibilität , Mit Perspektive

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