Mit dem Kind ins Büro - Co-Working mal anders

Seit Juni dieses Jahres gibt es im Berlin Prenzlauer Berg einen ganz besonderen Co-Working Space. In den Coworking Toddler bringt man sein Kind ganz einfach mit. Wie das funktioniert und ob hier auch wirklich gearbeitet werden kann, wenn nebenan das eigene Kind weint, darüber haben wir mit der Gründerin Sandra Runge gesprochen.

08.10.2016 • Anja Dehghan

Zentral gelegen an der S-Bahn Schönhauser Allee ist Coworking Toddler gut zu erreichen. Die Räumlichkeiten bestehen aus einem Kitabereich, einem Coworkingbereich und einem Gemeinschaftsbereich in dem die Kinder mit ihren Eltern gemeinsam Mittag essen. Das war auch der schwierigste Teil der Übung. Eine Immobilie zu finden, die kita-und gleichzeitig coworkingtauglich ist und vom Berliner Senat eine Genehmigung zu bekommen für etwas, das es so bisher noch nicht gibt „Wir sind deutschlandweit die einzige Einrichtung dieser Art, die wirklich eine klassische Kita mit einem angrenzenden Coworking Space ist und mussten eine Menge Pionierarbeit bei den Behörden leisten. Aber für uns war ein nachhaltiges Betreuungskonzept mit examinierten Erziehern, festen Gruppen und Öffnungszeiten wichtig“ erzählt Sandra. Angefangen haben sie mit zwei Erziehern, mittlerweile sind es drei. Platz ist für bis zu zwölf Kinder.

Klare Trennung zwischen Kinderbetreuung und Arbeit

Das Konzept scheint aufzugehen. Die Eltern geben ihre Kinder morgens auf der Kitaseite des Gebäudes ab und laufen dann einmal außen herum zu ihrem Arbeitsplatz im Coworking Space. Zum Mittagessen treffen sich alle im Gemeinschaftsbereich. Es sind auch einige Babys dabei, die zwischendurch gestillt werden können. Für die Kinder ist das unproblematisch, viele von ihnen sind noch sehr klein und stellen sich nicht die Frage, ob die Eltern direkt hinter der Tür sein könnten. „Wir haben aber auch einen Dreijährigen, der natürlich schon gefragt hat, wo der Papa nach dem Essen hingeht,“ erklärt Sandra. „Aber für ihn ist das mittlerweile völlig klar und er weiß, sein Papa geht nebenan arbeiten. Wir haben hier schon eine klare Trennung zwischen Kinderbetreuung und Arbeit. Nur mit dem Unterschied, dass man die Eltern jederzeit kontaktieren und kurzfristig dazu holen kann.“

Dabei sind es nicht nur die klassischen Freelancer, die Coworking Toddler nutzen. Auch Studenten und Angestellte mit Home-Office Option nutzen die Möglichkeit außerhalb der eigenen vier Wände zu arbeiten und die meist noch sehr kleinen Kinder nicht selbst nebenbei zu betreuen. Das ist nämlich in den meisten Fällen die Alternative. So wollen zum Beispiel Eltern in Elternzeit ihre Zeit nutzen um wieder einzusteigen, das Kind aber noch nicht den ganzen Tag in einer Kita abgeben.

Der Vorteil liegt auf der Hand: wer sein Kind mit ins Büro nimmt, der spart Wegezeit. Aber Coworking Toddler unterscheidet sich durch sein offenes Konzept von der Betriebskita, die ja auch an das Unternehmen angegliedert ist. Sandra kennt den Vergleich und erläutert: „Bei Betriebskitas ist es ja eher so, dass die Kinder die Eltern zwischendurch gar nicht sehen. Sie befinden sich häufig in einem komplett anderen Komplex und werden von mehreren Betrieben gleichzeitig betrieben. Unser Angebot unterscheidet sich dadurch, dass Eltern und Kinder einen Teil des Tages gemeinsam verbringen, nämlich die Mittagspause.“ Und auch kleinere Zwischenfälle können pariert oder Stillzeiten eingehalten werden. Sobald das Kind alles hat, was braucht, können die Eltern zurück anden Schreibtisch gehen.

Auch Unternehmen reagieren mit Interesse 

Und die Eltern? Sind es in erster Linie solche, die sich schwer trennen können und eigentlich die meiste Zeit nach ihren Kindern schauen? Die Frage kann Sandra klar verneinen: „ Die Eltern, die hier zu uns kommen, wollen alle definitiv arbeiten und etwas schaffen.“ Vorteile bringt dieser neue Arbeitsort in jedem Fall: ob weniger Prokrastination als im Home-Office oder Zeitersparnis, weil der Weg zur Kita entfällt.

Es gibt auch Eltern, die sich den Arbeitsplatz im Coworkingbereich teilen. Wenn der eine im Büro oder beim Außentermin ist, nutzt der andere den Arbeitsplatz. „Natürlich müssen die Eltern die entsprechenden Jobs dafür haben, also zum Beispiel selbständig sein oder ortsunabhängig arbeiten können. Aber wir haben zum Beispiel ein Elternpaar, das sich tageweise den Platz hier teilt.“

Es gibt auch schon erste Gespräche mit Unternehmen, die auch oft mit großem Interesse auf das Konzept reagieren. „Allerdings sind wir ja noch eine recht kleine Einrichtung, aber wenn wir weiter wachsen, könnte man natürlich schon überlegen mit Unternehmen zu kooperieren.“

„Wir erhoffen uns von unserem Konzept, dass es Unternehmen darin bestärkt ihre Mitarbeiter mehr im Home-Office arbeiten zu lassen. Gerade in Bereichen, in denen es wichtig ist, dass die Eltern wieder schnell an den Arbeitsplatz zurückkommen. Wenn ein ganzes Jahr Elternzeitausfall für das Unternehmen eigentlich zu lang ist, könnte man dem Mitarbeiter zum Beispiel anbieten, in den Toddler zu gehen.“

Vielen Dank, Sandra!

Sandra Runge ist Anwältin mit einer eigenen Kanzlei. Neben Coworking Toddler, den sie mit ihrem Mann zusammen gegründet hat, berät sie Eltern in Rechtsfragen und betreibt dazu auch einen Blog: smart-mama.de. Außerdem schreibt sie an einem Buch, das im kommenden Jahr veröffentlicht wird.

Fotos: Kfir Harbi

 

Kategorie: Allgemein

Schlagworte: Mit Familie , Mit Flexibilität

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