Vertrauen als Gegenentwurf zu Angst und Kontrolle

Sascha Götz und Sascha Poddey führen gemeinsam die Künstleragentur music4friends I entertainment in Wuppertal. Gemeinsam haben sie auch ihr Büro geräumt, um es für einen Monat Ihren Azubis Michelle Krell und Danielle Sörries  zu überlassen. Uns haben die beiden Geschäftsführer AD erzählt, was genau hinter diesem Experiment steckt und wie sie den letzten Monat verbracht haben.

11.03.2016 • Maria Gerono

Wer hatte die Idee die Geschäftsführung für einen Monat mit Euren Azubis zu besetzen?

Sascha Götz: Die Idee resultierte aus dem Besuch des Augenhöhe Camps 2014 in Hamburg, welches mein Kollege Sascha Poddey zusammen mit einer Mitarbeiterin besuchte. Dort kam die Inspiration mit dem Gedanken, wie wir in Zukunft arbeiten wollen.

Sascha Poddey: Für uns ist „Geschäftsführung“ viel mehr eine Aufgabe als eine Position – und für diese Aufgabe, so unsere Hypothese, entwickelt man am meisten Verständnis und eigene Ideen, wenn man diese Verantwortung selber trägt.

Habt ihr in der Zeit einen anderen Job gemacht?

Sascha Poddey: Da wir alle in vielen Bereichen unserer Agentur arbeiten und selbst auch noch aktive Musiker sind, gab es in der Zeit des Experiments genug andere „ToDo's“ und es war tatsächlich ein angenehmes, auch etwas erleichterndes Gefühl, dass die Aufgaben die zum Geschäft-Führen gehören nun für eine Zeit auch auf andere Schultern verteilt wurden.

Wie viel Kontrolle hattet ihr währen des Experiments über Eure Interimsgeschäftsführer? Ist es Euch schwer gefallen Kontrolle abzugeben?

Sascha Götz: Wir sind ein kleines Team von sieben Personen und wir haben regelmäßige Wochen Meetings. Dadurch dass wir unseren neuen Geschäftsführern die Methode der konsultativen Entscheidungsfindung empfohlen haben, also zunächst diejenigen zu fragen, die eine Entscheidung angeht, war dies das einzige Instrument der Kontrolle. Darüber hinaus haben wir vorher vereinbart, dass es regelmäßige Feedbacks geben soll. Das heißt die neuen Geschäftsführer geben Feedback ans Team und umgekehrt. Natürlich war die Rolle zunächst ungewohnt, aber ziemlich schnell stellte sich ein neues Verhältnis ein, bei dem wir ohne große Hierarchien die Probleme analysieren und angehen. Da wir gewohnt sind ohne Hierarchien zu arbeiten, fiel es mir nicht so schwer. Allerdings musste ich mich daran gewöhnen, Entscheidungen nicht sofort zu treffen, sondern diese bei den neuen Geschäftsführern zu erfragen und zu beraten.

Sascha Poddey: Tatsächlich ist das eine Herausforderung, die wir uns bereits im Vorfeld bewusst gemacht und besprochen haben: wir wollten nicht in die „Falle“ treten, doch wieder Dinge aus Gewohnheit zu delegieren oder zu entscheiden. So haben wir uns also vorab zusammengesetzt und uns vorgenommen, Entscheidungsfragen immer wieder zurück zu spielen. Das ist uns, glaube ich, auch ganz gut gelungen – und hat auch aktiv unser Vertrauen untereinander gefördert: Michelle und Danielle haben das einfach sehr gut gemacht!

Was hat Euch überrascht? Was habt ihr unterschätzt? Wie ging es Euch?

Sascha Götz: Wie sehr ich selbst in meiner Rolle zunächst verhaftet bin. Und wie das Team seine klassische Rollenverteilung zunächst verinnerlicht hat. Die Feedback Gespräche, Gesprächsrunden sowie der Besuch des Wevent in Hamburg Ende Januar kurz davor haben geholfen, uns in die richtige Richtung auszurichten.

Unterschätzt habe ich, wie schnell die Zeit vergeht und wie wichtig es ist, in der Zielsetzung und in der Kommunikation noch klarer zu sein und Ergebnisse für alle sichtbarer zu machen. In der ganzen Zeit musste ich lernen, mit dem Zustand der Ungewissheit umzugehen und darin keine Bedrohung zu sehen. Schließlich waren die alten Wege zu entscheiden, nun nicht mehr immer gültig. Sascha Poddey: Mich persönlich hat überrascht, dass eben nicht nur unsere beiden Auszubildenden eine Verwandlung vollzogen haben, sondern auch wir Seniors – sich selbst bewusst zurücknehmen und andere in die Verantwortung wachsen lassen, ist ein Prozess, der beide Seiten braucht und verändert. Was man generell nicht unterschätzen darf, ist wie sehr zu eng gefasste Rollen auch das Wachsen im Team verengen können: Wenn man seine Azubis, nur als „Azubis“ betrachtet, verhalten sich alle Beteiligten auch so und stellen sich auf diesen Horizont ein. Will man eigenständige, verantwortungsübernehmende und auch menschlich-erfolgreiche Teams, muss man da, glaube ich, umdenken – und ich kann dieses „Experiment“ dafür nur empfehlen. Mir geht es dabei (beide Chefinnen haben es um eine Woche verlängert – wir sind also noch drin!) sehr gut und ich bin einfach stolz und dankbar mit und in so einem Team arbeiten zu dürfen. Ein Moment zum Schmunzeln hatte ich direkt in der ersten Woche des Experiments, als ich meine Chefin Michelle fragte, ob wir für meine Workshops, die wir mit unseren Musikern machen, einen A3 Drucker anschaffen können. Sie fragte darauf, ob ich den denn oft nutzen würde, was ich verneinte – nach kurzer Überlegung sagte sie dann zu mir: „Wir kaufen keinen neuen Drucker. Du kannst deine Dateien im nahegelegenen Staples ausdrucken!“ …und das war auch die wirtschaftlich sinnvollste Entscheidung!

Was habt ihr von Euren Auswechselspielern gelernt?

Sascha Götz: Noch mal mehr darauf zu achten, wirklich den Raum zur Weiterentwicklung zu gewähren und unserem Team zu gestatten, eigene Wege zu gehen und sich dafür mehr Zeit zu nehmen. Auch war das Instrument des regelmäßigen Feedback sehr wichtig, um sich zwischendrin, falls nötig, neu auszurichten und gute Entwicklungen ausreichend zu wertschätzen. Im Team der Seniors war es auch spannend sich seiner unterstützenden Rolle bewusst zu sein und sich daran zwischendrin zu erinnern.

Sascha Poddey: Dass es ganz viele Ideen und Kompetenzen in unserem Team gibt, die über die Rollen die man auf Visitenkarten druckt weit hinausgehen. Dass man gleichzeitig sinnvolle, gemeinsame Ziele entwickelt um bei aller Diversität auch eine gemeinsame, effektive Richtung bestimmen zu können. Dass man sich als „Mitarbeiter“ einfach immer wieder Klarheit, die Chance darauf gefordert zu werden und Wertschätzung wünscht… gestern haben uns z.B. unsere beiden Chefinnen zum Essen eingeladen, weil wir ihre Ziele im Bereich Kundenkontakt im Februar sehr gut erreicht haben! Schön zu spüren, wie sich das auch aus dieser Position anfühlt.

Würdet Ihr das Experiment anderen Unternehmen empfehlen und wenn ja, warum?

Sascha Poddey: JA!
 Das Ich glaube, dass jedes Unternehmen auf diese Weise etwas ganz Eigenes über sich selbst lernen kann… da wäre ich also absolut gespannt, welches Warum andere Ausprobierer vor und vor allem nach diesem Experiment für sich entdecken! Sascha Götz  Sicherlich bringt dieses Experiment neue Einsichten über das Zusammenarbeiten im Unternehmen und auch darüber wie das Unternehmen seine Mitarbeiter zu eigenständigen und eigenverantwortlichen Persönlichkeiten entwickelt. Ich empfehle dieses Experiment mit einer Einschränkung: die bisherigen Geschäftsführer müssen dieses Experiment wirklich wollen und bereit sein, ihre Rolle darin neu einzunehmen. Darüber hinaus sollten Sie ihren Mitarbeitern klar kommunizieren, worin die Chancen aber auch die Risiken liegen könnten. Am Ende werden die Unternehmen davon profitieren, weil sie der Thematik sich auf Augenhöhe zu begegnen einen guten Schritt näher gekommen sind.

Was macht gute Führung aus?

Sascha Poddey: Klare, gemeinsame Ziele – denen ein für alle nachvollziehbarer Sinn innewohnt.
 Eine gute Kommunikation – transparent, offen und auch mutig.
 Vertrauen – als Gegenentwurf zu Angst und Kontrolle. Wertschätzung – für Mitarbeiter, Partner und Kunden. Bei uns steht das im Flur an der Wand…

„GLÜCKLICHE KÜNSTLER – BEGEISTERTE KUNDEN!“ Sascha Götz: Zunächst den Menschen sehen wie er einem begegnet mit allen Stärken, Hobbies und Eigenarten. Ich muss viel Vertrauen und gute Fragestellungen mitbringen, damit sich der Mitarbeiter in einem dafür nötigen Raum/mit der nötigen Zeit zur Erreichung der gesetzten Ziele entwickeln kann. Dabei sind regelmäßige Impulse (Perspektivwechsel sowie Konsultationen) und ehrliches beidseitiges Feedback sehr wichtig. Hilfreich ist es auch zu erkennen, welche Ziele in der Weiterentwicklung wirklich erreichbar sind und was der Mitarbeiter am Ende selbst aus eigenem Antrieb vorantreiben möchte. Das ist vermutlich ein Spagat.

Vielen Dank nach Wuppertal!

 

Wer neugierig geworden ist, wie sich die Geschäftsführer-Rolle für die beiden Azubis Michelle Krell und Danielle Sörries angefühlt hat, kann das im zweiten Teil des Interviews in der kommende Woche nachlesen.

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Auf Augenhöhe