Nur ein halbes Prozent der Menschen sind Idioten

Das Premium Kollektiv produziert und vertreibt seit 2001 eine eigene Cola. Das Unternehmen macht alles anders als andere. Jeder darf mitentscheiden, vom Mitarbeitenden über den Lieferanten bis zum Endkunden. Es gibt keine Verträge und kaum Regeln für die Zusammenarbeit. Wir haben uns mit Uwe Lübbermann unterhalten und nachgefragt, warum das trotzdem funktioniert. Er ist der Gründer und die Seele des Ganzen. Im Gespräch mit ihm bekommt man das Gefühl, dass alles eigentlich ganz einfach ist.

16.03.2017 • Maria Gerono & Anja Dehghan

Wo beginnt die Geschichte von Premium Cola? War das Produkt schon immer die Cola?

Cola war der Auslöser, aber nicht der Grund. Die Geschichte hab ich schon ganz oft erzählt. Sie beginnt in der Badewanne. Dort habe ich meine Lieblings-Cola getrunken und bemerkt, dass die Rezeptur – heimlich – geändert wurde. Ich habe mich dann an den Hersteller gewandt, mit der Bitte, die Rezeptur wieder zu ändern. Ich habe mich als Kunde bei der Entscheidung übergangen gefühlt. Wenn ich ein Produkt kaufe, möchte ich über so was Grundlegendes, wie eine Änderung der Rezeptur wenigstens informiert werden, im besten Fall sogar mitreden. Diese Situation war der Zünder für alles andere, was dann daraus geworden ist. Dahinter steckt der Gedanke, dass Menschen gleichwertig sein sollen, egal welche Rolle sie in einem Unternehmen haben.

Die Gleichberechtigung geht bei uns so weit, dass wir alle den gleichen Grundlohn bekommen. Es gibt allerdings Zuschläge für Behinderte und pro Kind, um der Mehrbelastung Rechnung zu tragen. Man muss aber auch ganz ehrlich sagen, wenn man eine S-Klasse fahren möchte, wird das schwierig bei uns.

Aber können immer alle alles entscheiden?

Nee, aber das muss auch gar nicht so sein. Es gibt drei Entscheidungskategorien: Zum Einen Entscheidungen, die mich persönlich betreffen. Die sollte ich auch alleine treffen dürfen, im meiner persönlichen Autonomie.  Die normale Wirtschaft greift oft schon in diese persönliche Autonomie ein, zum Beispiel indem die Arbeitszeit oder Arbeitspakete vorgegeben werden. Dann gibt es Gruppenentscheidungen. Das ist alles, was sich auf andere auswirkt. Bei solchen Entscheidungen werden die Team-Mitglieder, die das Thema tangiert im Idealfall hinzugezogen. Und die dritte Kategorie sind Entscheidungen, die das ganze Unternehmen betreffen.

Uwe Lübbermann

Bei uns kann jede Person zu allen Entscheidungen der Kategorien zwei und drei ein Veto einlegen. Und jede Person kann jede Entscheidung in eine höhere Kategorie verschieben. Wenn ich beispielsweise für mich entscheide, dass ich immer nur nachts zwischen 2.00 und 5.00 Uhr arbeiten möchte, und die anderen monieren, dass dadurch keine Team-Kommunikation mehr möglich ist, wird auch diese Entscheidung zu einer Gruppenentscheidung, die dann für mich bindend ist.

In der Praxis passiert es allerdings sehr selten, dass Vetos eingelegt werden oder in eine höhere Ebene verschoben werden, weil die Magie im Prinzip vorher passiert. Bei der Entscheidungsfindung, werden nämlich schon alle Parteien, die die Entscheidung betrifft, mit einbezogen, damit man eben kein Veto bekommt. Es ist also nur logisch, wenn man Weisungsbefugnisse durch genau diese Prinzipien ersetzt.

Aber Weisungsbefugnis hat ja auch oft etwas mit Kontrolle zu tun. Wie wird das bei euch gelebt?

Kontrolle ist für mich persönlich etwas sehr Unangenehmes. Wenn ich von Gleichwertigkeit rede, möchte ich auch nicht, dass sich andere kontrolliert fühlen. Also haben wir das auf ein absolutes Mindestmaß reduziert.

Es gibt natürlich eine Art soziale Kontrolle, aber die findet eher in die Richtung statt, dass man aufeinander schaut, ob man sich gegenseitig entlasten kann. Da geht es dann aber nie darum, ob jemand sein Stundenpensum auch tatsächlich abgearbeitet hat. Es macht gar keinen Sinn auf Stunden und Minuten zu schauen, die jemand gearbeitet hat, am Ende des Monats muss es einfach aufgehen.

Ein halbes Prozent der Menschen sind Idioten, die nur auf ihren Vorteil bedacht sind und alle anderen werden das Vertrauen, das in sie gesteckt wird, am Ende belohnen.

Wir haben auch keine schriftlichen Verträge, weder mit den Mitarbeitern, noch mit den Händlern und Lieferanten. Und trotzdem hatten wir in fünfzehn Jahren noch nie einen Rechtsstreit.

Dir kommt in eurem Organismus ein wenig die Rolle als Moderator zu?

Ich bin oft derjenige, der Vorschläge bündelt und so formuliert, dass die einzelnen Positionen abgewogen werden. Das ist aber in dem Fall keine zugewiesene Führungsrolle, sondern eher ein Ausdruck von aktueller Wertschätzung und Vertrauen.

Verrätst du uns dein Erfolgsgeheimnis?

Ich rede mit den Menschen. Und höre zu.

Was definiert für dich ein Unternehmen?

Alle, die da mit dran hängen, egal in welcher Form - Lieferanten, Lieferanten der Lieferanten und natürlich die Kunden - gehören dazu und sind mitspracheberechtigt.

Gab es in den letzten 15 Jahren einen Moment, in dem du dich nach einer Festanstellung gesehnt hast?

Nein. Für mich war das in Teilen schwierig, weil wir häufig Neuland betreten haben, aber ich hab ja nicht nur meinen finanziellen Lohn, sondern auch ...

Sicherheit: Wir haben ganz viele kleine Händler und Lieferanten statt einem großen. Dadurch steht unser System auf vielen Säulen.

Freiheit: Ich kann reden und aussehen wie ich möchte. Das ist in sehr wenigen Jobs so möglich.

Sinn: Ich kümmere mich um Menschen.

Reichweite: für meine Ideen und Spielraum um zu gestalten.

Bildung: Kein Tag ist gleich. Jeden Tag passiert etwas Neues.

Vielen Dank Uwe!

 

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Flexibilität

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