Immer mal wieder die Perspektive wechseln

Bereits zum zweiten Mal haben die Pausenkicker in der letzten Woche in die Hamburger Schnittke Akademie eingeladen. Gemeinsam mit der Agentur Zukunftsvermögen, GOODplace und BIOBOB veranstalteten sie die Konferenz “Arbeitszeit ist Lebenszeit”. Ziel war es auch dieses Mal das Thema Arbeits- und Unternehmenskultur aus neuen Blickwinkeln zu betrachten. Im Einsatz waren dafür Philosophen, Gesundheits-Entertainer, HRler, Zukunftsforscher und Feel-good-Manager.

20.09.2016 • Maria Gerono

Im Zentrum stand der Blick in die Zukunft: Wie wird der Mensch leben und arbeiten? Welche moralisch-ethischen Beweggründe treiben ihn an? Wie passen Neokapitalismus und Sinnsuche zusammen? Wie muss eine Arbeitswelt geschaffen sein, die Arbeitnehmer zukünftig für sich gewinnt, langfristig hält und zu hohen Leistungen motiviert? Das Publikum bestand aus Freiberufler, Studenten, Feelgood Manager und Personalverantwortliche. Eine bunte Mischung, die interessanten Austausch erwarten ließ.

Den Auftakt gab Konsumsoziologe Ragnar Willer mit seiner Keynote zum Thema “Corporate Humanity”.  Er zeichnete das Bild einer überforderten Gesellschaft voll des Misstrauens gegenüber Politik, Wirtschaft und Medien. Die Unternehmen haben in den letzten Jahren sehr ausgiebig von Nachhaltigkeit, fairen Arbeitsbedingungen und dergleichen gesprochen, in der Regel endeten solche Bemühungen aber bei der Verleihung eines der zahlreich existierenden Nachhaltigkeitspreise. Die reale Auseinandersetzung mit diesen Themen hat dagegen sogar wieder abgenommen. Trendbegriffe wie organic, fair oder handmade wurden durch ihre inflationäre Verwendung überstrapaziert und sinnentleert. Auch der vielbeschworene Wandel in der Arbeitswelt hat seine Kehrseite. Ragnar Willer stellte die Frage, ob Flexibilisierungen wie Zielvereinbarungen tatsächlich humaner sind als Handlungsanweisungen? Oder Gleitzeit fairer als fixe Arbeitszeiten? Allgemeingültige  Antworten gab es nicht, dafür Denkanstöße, immer mal die Perspektive zu wechseln, kritisch zu hinterfragen und sich auf sich selbst zu besinnen. Er versuchte sich an einer Definition für Corporate Humanity: Selbstreflexion von Führungskräften, transparente Bezahlung, faire Gewinnverteilung, zero waste und zero energy sind die Eckpfeiler, damit “corporate” und “menschlich” sich nicht mehr länger widersprechen müssen.

Auf der Suche nach der kulturellen Passform

Bei Hanna Whitney-Steele, HR Verantwortliche bei google in Hamburg, hätte man sich durchaus ein wenig mehr Auseinandersetzung mit den Themen des Vorredners gewünscht, aber es blieb bei einer recht oberflächlichen Beschreibung der googleschen Unternehmenskultur. Wir wissen jetzt, dass Transparenz und Feedback Kultur einen hohen Stellenwert bei Google einnehmen und dass es bei der Mitarbeiterauswahl darum geht, das richtige Maß an googlerishem (sic!) cultural fit an den Tag zu legen. Spannendere Einblicke ergaben sich dann vor allem im Zwiegespräch. “Arbeitszeit ist Lebenszeit” ist eine Konferenz mit echtem Austausch zwischen Gästen und Teilnehmern. Die angenehme Stimmung und die Offenheit der Gäste boten dafür einen perfekten Rahmen.

Auf Umwegen direkt zum Ziel

Sehr persönlich war der dritte Beitrag des Tages. Marie Koch hat gerade ihre Ausbildung bei der Hotelkette Upstalsboom beendet. Das Unternehmen möchte den Kulturwandel in der Gastronomie einläuten. Zusammen mit Geschäftsführer Bodo Janssen und neun anderen Auszubildenden hat sie im Januar diesen Jahres den Kilimandscharo bestiegen. Jeder Teilnehmer brachte seine ganz eigenen Voraussetzungen mit. Die Selbsterfahrung und die Herausforderung des eigenen Potenzials brachte alle Teilnehmer an ihre körperlichen Grenzen. Marie beschreibt in ihrem Vortrag, wie sie  auf der Bergtour über sich selbst hinausgewachsen ist. Eine beispielhafte Aktion, die motiviert. Auch nach dem Abstieg fühlt sich Marie glücklich in ihrem Unternehmen Ein schönes Beispiel dafür, wie Wertschöpfung durch Wertschätzung funktionieren kann.

Last but not least kam Prof. Ursula Bertram zu Wort. Ihr Forschungsschwerpunkt ist der Transfer künstlerischen Denkens in außerkünstlerische Felder. Dabei geht es nicht darum Produkte zu schaffen, sondern sich von Normen, Mustern und Standards zu lösen.

Sie hat die [ID] factory an der TU Dortmund gegründet. Das Zentrum für Kunsttransfer hat es sich zur Aufgabe gemacht, non-lineares Denkens zu fördern, um mit Fragestellungen offen umzugehen und Probleme kreativ zu lösen. Die Quelle dafür ist Neugier, der Weg meist spielerisch und dem Zufall überlassen. Ihrer Ansicht nach entsteht Innovation gerade auch durch Umwege. Diese weiß die Kunst zu nutzen. Denn “Künstlerisches Denken ist nicht disziplinär gedacht, sondern in jeder Neuentwicklung enthalten."  Es geht darum eigene “rezeptfreie” Positionen zu entwickeln und auch mal verschiedene Haltungen einzunehmen.

Der Nachmittag war gefüllt mit diversen Barcamps zu den unterschiedlichsten New Work Themen. Wir durften eine Session zum Thema “Starre Unternehmenskulturen sind die Videotheken im Zeitalter von Netflix” halten. Zunächst ging es darum einmal festzustellen, was genau Unternehmenskultur eigentlich beinhaltet und wovon sie beeinflusst wird. Dabei analysierten wir auch einiges von dem, was wir zuvor in den Vorträgen gehört haben. Es zeichnete sich ab, dass gute Unternehmenskultur und Wertschätzung nicht an Branchen oder allein die Führungsebene gebunden ist. Wir waren begeistert vom persönlichen Erfahrungsaustausch in dieser Runde. Alles in allem eine rundum gelungene Veranstaltung.

 

 

Kategorie: Aktuelles

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Flexibilität , Mit Perspektive

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