Jeder von uns hat das Gefühl, er kann die Welt verändern.

Sebastian Herzog hat viele Dinge anders gemacht, als man sie von einem Gründer und Manager erwarten würde. Er ist 32, Sohn Nummer zwei wird demnächst ein Jahr alt und er arbeitet nicht in irgendeinem Unternehmen, sondern im Innovation Hub der Lufthansa. Wir wollten gern von Sebastian wissen, was für ihn neues Arbeiten bedeutet.

30.06.2015 • Anja Dehghan

Im Herbst 2014 ist der neue Innovation Hub der Lufthansa gestartet. Ganz leise, irgendwo in Berlin Kreuzberg, im vierten Stock eines Hinterhauses. Seit Januar sitzen die inzwischen ein Dutzend Mitarbeiter auf dem nagelneuen Factory Campus, direkt neben der Mauergedenkstätte in Berlin Mitte. Sebastian Herzog leitet das Team als Interims-Geschäftsführer. Er hat das Projekt ins Leben gerufen. Als Vorstandsassistent von Christoph Franz, der bis April 2014 CEO der Lufthansa war, stellte er sich gemeinsam mit zwei Kollegen die Frage, was die digitale Transformation mit Großkonzernen macht. „Wir wollten wissen, wie die Lufthansa darauf reagiert. Wir haben festgestellt, dass es da ein großes weißes Feld gibt, gerade in der Zusammenarbeit mit Startups. Mit dem Thema haben wir einfach permanent genervt. Solange bis wir den Vorstand überzeugen konnten.. So wurde aus einer Idee eine Vorstudie. Aus der Vorstudie wurde ein Projekt und aus dem Projekt entstand letztendlich die Lufthansa Innovation Hub GmbH hier in Berlin.“

Die Digitalisierung als Herausforderung

Die Digitalisierung stellt Unternehmen vor neue Herausforderungen, denen sich auch Großkonzerne wie die Lufthansa stellen müssen. Es gilt sich in einer vernetzten Welt neu zu beweisen. Das Team in Berlin hat dazu jede Menge Ideen und die nötige Energie neue Konzepte auszuprobieren. „Dieser Hub kann alles sein,“ meint Sebastian Herzog, „Wir können die Einheit sein, die dem Konzern bei seinen Schwierigkeiten hilft, weil wir ein ganz anderes Netzwerk, andere Methoden und neue Denk- und Handlungsmuster haben. Wir können aber auch die Einheit sein, die eher der Stachel im Fleisch des Konzerns ist, weil man immer mal da drückt, wo es unbequem ist und auf diese Weise der Lufthansa nach vorne hilft.“ Dabei geht es für Sebastian in erster Linie darum mit seiner Arbeit etwas zu bewirken. Der Glaube daran, mit dem Innovation Hub die Lufthansa, aber auch eine komplette Branche verändern zu können, das treibt ihn an. Die Gestaltungsfreiheit zu haben, Dinge realisieren zu können, setzt eine Menge Energie frei.

Zwischen Job und Familie

Dabei war Sebastian schon recht früh klar, wie er sich seinen Work-Life-Flow, wie er es nennt, vorstellt. Ein erfüllender Job ist das eine, aber daneben steht ganz klar die Verantwortung für die eigene Familie. Als Vorstandsassistent nahm er zwei Monate Elternzeit, was ihm nicht nur Schulterklopfen einbrachte. Es stellte sich die Frage nach Einsatzbereitschaft und Engagement, aber Sebastian verließ auch nach der Elternzeit dreimal die Woche das Büro um 16.00 Uhr um seinen Sohn von der Kita abzuholen und sich am Abend wieder den beruflichen Themen am Laptop von zu Hause aus zu widmen. „Das hat bei vielen Topmanagern für Stirnrunzeln gesorgt, aber irgendwann hatte man sich daran gewöhnt.“

Der Job im Innovation Hub stellt Sebastian vor andere Herausforderungen. Er ist ständig unterwegs und kann seine Zeit weniger frei einteilen. Im Berliner Büro ist er der einzige, der Kinder hat. „Das ist kein Problem, aber natürlich stellt sich manchmal die Frage, ob genug Zeit bleibt, um alle Dinge zu erledigen und allen Ansprüchen gerecht zu werden wenn das restliche Team deutlich weniger private Verpflichtungen hat. Ich glaube unterm Strich ist völlig klar, dass man mit Kindern ein anderes Zeitkonto für die Arbeit zur Verfügung hat als ohne Kinder. Das ist einfach Fakt. Ich glaube jedoch fest daran, dass meine Generation das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf nachhaltig verändern wird, wenn die heute Dreißigjährigen alle Kinder haben. Jetzt gilt es mit gutem Beispiel voranzugehen. Selbst wenn man(n) in seinem aktuellen Umfeld der Einzige ist.“

Start Up Feeling im Konzern-Satelliten

Gearbeitet wird hier in Berlin, wie in den meisten Startups. Jeder kann arbeiten und Urlaub nehmen, wann er will. Die Hierarchien sind flach bis kaum vorhanden. Das Team, bestehend aus Lufthanseaten und Externen hat sehr viel Freiheit und kaum Regeln. Sebastian hat ein klares Verständnis von neuem Arbeiten: „Für mich spielen drei Themen zusammen. Erstens, das absolute Aufbrechen von Herrschaftswissen und Etablierung von Transparenz über Ziele, Projekte, Visionen, etc. Zweitens, das Ermöglichen von Partizipation und der Einsatz von Mitarbeitern an Projekten für die ihr Herz brennt. Drittens die Akzeptanz über unterschiedliche Leistungsphasen eines Menschen in Abhängigkeit von seiner privaten Situation und die Möglichkeit sich flexibel zwischen 20-Stunden Teilzeit und 60-Stunden Fullpower Wochen hin- und herzubewegen. Diese drei Themen in Einklang zu bringen macht für mich gleichzeitig auch die große Herausforderung an modernes Leadership aus.

Wenn Arbeit nicht alles ist. Dann muss es noch etwas anderes geben. Für Sebastian war das „Andere neben der Arbeit“ schon immer das Reisen. Seine Frau hat er in Sidney am Strand kennengelernt, Afrika hat er mit dem Motorrad durchquert und in der Elternzeit ging es für zwei Monate mit dem Kleinkind im Van durch Norwegen.. „Es hat mich stark geprägt. Beim Reisen gewinne ich Abstand. Das hilft, um Dinge in Relation zu setzen, Batterien aufzuladen, zu mir selbst zu finden und einen klaren Blick auf anstehende Herausforderungen zu haben.“

Neues Arbeiten braucht neue Strukturen

Eine diese Herausforderungen ist es, Strukturen zu schaffen in einer völlig neuen Umgebung. Im Lufthansa Innovation Hub treffen Startup und Konzern aufeinander. Ein spannender Prozess, in dem eine Menge Mehrwert entstehen kann, denn beide Seiten können viel voneinander lernen. Die Startup erfahrenen Externen müssen vor allem lernen sich in Geduld zu üben. Es dauert eben etwas länger, wenn man Veränderungen in einem großen Konzern anstoßen möchte. Gleichzeitig ist es aber gerade die Strahlkraft der Marke Lufthansa, die Türen öffnet.

Neue Arbeitswelten können jedem den Freiraum bieten sich zu entwickeln, nicht in der eigenen Rolle zu verharren, sondern auch mal nach links und rechts zu schauen. Auch dafür müssen Strukturen geschaffen werden. „Ich habe in unserer Generation das Gefühl, dass Leute Probleme nicht nur erkennen und benennen sondern direkt abschalten wollen. Die Attitüde lautet: Lass es mich einfach machen, ich erkenne, dass etwas nicht gut läuft, das müssen wir ändern. Ich finde auch die Mitstreiter, ich kümmere mich darum. Es wirkt als hätte jeder von uns das Gefühl, er könne die Welt verändern. Klar wird unserer Generation dabei häufig Arroganz und Blauäugigkeit unterstellt. Aber wir versuchen zumindest, etwas zu bewirken.“

Vielen Dank Sebastian Herzog!

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Mit Perspektive