Verfügbarkeit rund um die Uhr ist geschäftsschädigend

Werbeagenturen sind nicht unbedingt dafür bekannt, ihre Mitarbeiter mit nachhaltigen Work-Life-Programmen zu verwöhnen. Vielmehr gehören Überstunden und ständige Verfügbarkeit quasi zur Jobbeschreibung. Serviceplan möchte als erste große Agentur einen neuen Kurs einschlagen. Wir haben Winfried Bergmann, dem Personalchef der Serviceplan Gruppe dazu ein paar Fragen gestellt.

12.08.2016 • Maria Gerono

Bei den meisten Agenturen gehört die Überlastung der Mitarbeiter zum Konzept. Ist das Ihrer Meinung nach zukunftsfähig?

Es gibt Phasen im Agenturalltag, wie zum Beispiel große Pitches, da ist ein hohes Arbeitsaufkommen schwer  vermeidbar. Aber Agenturen, die ihre Mitarbeiter über längere Zeiträume bewusst überlasten, schaden nicht nur den Kollegen, sondern auch der Qualität ihrer Arbeit. Deshalb ist eine Verfügbarkeit rund um die Uhr mit 150-prozentigem Dauereinsatz absolut geschäftsschädigend. Manche erkennen das früher, die anderen später.

Als Begründung wird oft wirtschaftlicher Druck angegeben. Wie können Sie sich davon freimachen?

Gute Führung ist wichtig, dafür braucht man gute Leadership-Trainings, die etwas bewirken. Dazu kommt eine tagesaktuelle und projektbasierte Ressourcen-Planung, für die wir eigene Tools entwickeln, aber auch Ressourcen-Manager, die in Einzelfirmen eingesetzt werden. Nicht zu vergessen ein Vertragsmanagement, mit dem wir auch in komplexen Besetzungsprozessen bestehen können.

Florian Haller sagt mit Blick auf die Zukunft: "Für mich steht der Faktor Mensch an zentraler Stelle.“ Wie setzt Serviceplan diesen Gedanken ganz praktisch um?

Dreimal im Jahr gibt es bei uns eine digitale Erhebung zur Zufriedenheit der Kollegen, der Colleague Satisfaction. Fällt diese bei Firmen der Unternehmensgruppe schlecht aus, folgen HR-gesteuerte Aktionspläne. Diese können Einzel- und Gruppencoachings beinhalten, Prozesse und Strukturen der Firmen verändern oder Gruppenaktivitäten anregen. Unsere firmeninterne Weiterbildung CAMPUS beinhaltet 60 Ausbildungsmodule, so dass jeder für sich das Passende herausfinden kann. Die Serviceplan Gruppe fördert berufsbegleitende Studiengänge. Für High Potentials gibt es individuelle Entwicklungspläne und die Arbeitszeiten werden zunehmend flexibilisiert.

Wie sieht es in Ihrer Agentur mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus?

Mit unserem neuen Konzept zur Flexibilisierung der Arbeitszeiten schaffen wir hier eine gute Basis. Außerdem gibt es für Eltern aber auch für Kollegen mit Pflegeverpflichtungen individuelle Teilzeitmodelle.

Sie haben in einem Artikel den Begriff Life-Life-Balance geprägt. Was meinen sie damit?

Junge Kollegen, gerade aus digitalen Berufsbildern, erwarten heute von einem Arbeitgeber, dass er sich kompatibel zu ihrem privaten Leben verhält. Tut er das, wird er in dieses private Leben integriert und die Unterscheidung zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt. Es entsteht eine Life-Life-Balance. Verliert sich diese Kompatibilität jedoch, endet auch das Arbeitsverhältnis oft sehr schnell.

Ganz spannend fand ich auch den Ownership-Gedanken. Wie gut lässt sich dieser Gedanke im kleinteiligen Arbeitsprozess-Prozess vor allem mit großen Kunden tatsächlich umsetzen?

Ownership ist das zentrale Element unserer Employer Brand. Darunter verstehen wir nicht nur die kollegenbasierte Entwicklung neuer Geschäftsideen (das natürlich auch), sondern wir wollen ermöglichen, dass bereits jeder Trainee und jeder Junior sein eigenes Ownership für sich findet, entwickelt und realisiert. Das gelingt, weil unsere Struktur selbstbestimmtes Arbeiten fördert und Leidenschaft honoriert. Diese Philosophie wird von  großen wie von kleinen Kunden geschätzt.

Welche Maßnahmen plant oder realisiert Serviceplan, um seine Mitarbeiter zu befähigen, neue, flexiblere Arbeitsformen zu leben?

Bereits die Größe der Einzelfirmen in der Gruppe, mit selten mehr als 40 Kollegen, fördert Flexibilität und Kundennähe in den Arbeitsprozessen. Dazu kommt die gelebte intensive Vernetzung zwischen digital, analog und medial arbeitenden Kollegen bei mittlerweile fast allen unseren Kunden. Was die Zukunft angeht, denken wir intensiv über neue Arbeitsformen nach, zum Beispiel über die Methode des agilen Arbeitens.

Welche Hemmschuhe und Widerstände gibt es und wo liegen die größten Hürden?

Es ist nicht immer alles sofort und auf einmal realisierbar. Auch bei Innovationen im HR-Bereich geht es darum, alle Beteiligten mitzunehmen.

Vielen Dank, Winfried Bergmann.

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Familie , Mit Flexibilität