Was wir von Skandinavien lernen können

Die glücklichsten Menschen leben in Skandinavien. Das ist statistisch erwiesen und inzwischen ein Allgemeinplatz. Neben einer einmalig schönen Landschaft und allgemeinem Wohlstand haben die skandinavischen Länder eine der fortschrittlisten Arbeitskulturen weltweit. Auch wenn das allseits diskutierte 6-Stunden-Tag-Pilotprojekt aus Schweden bei weitem kein Standard ist und die meisten Skandinavier ein ähnliches Pensum bewältigen, wie wir in Deutschland. Dennoch gibt es jenseits davon Strukturen, die zeigen wie man Flexibilität und Sicherheit leben kann.

20.11.2015 • Maria Gerono

Ein wesentlicher Unterschied zu Deutschland liegt darin, dass die Arbeitszeiten der Skandinavier klar geregelt sind. Überstunden werden in der Regel mit saftigen Zuschlägen honoriert. Meetings werden generell so gelegt, dass sie nicht in den Randzeiten stattfinden und niemand hebt die Augenbrauen, wenn ein Mitarbeiter konsequent um 16.30h nach Hause geht, um seine Kinder abzuholen. Wer in Stockholm um 17h noch im Büro sitzt, wird schon mal gefragt, ob es zu Hause Probleme gibt. Auch wenn während der Arbeitszeit Elterngespräche in der Schule stattfinden oder Vorführungen im Kindergarten, gehen die Eltern selbstverständlich hin. Grundlage dafür ist ein großes Vertrauen untereinander, dass jeder seine Arbeit macht. Das liegt vielleicht auch daran, dass das Thema Familie und Kinder Männer und Frauen gleichermaßen betrifft. Familienarbeit wird in Skandinavien weitaus gleichberechtigter aufgeteilt als bei uns. In den meisten Familien arbeiten beide Elternteile Vollzeit. Das Betreuungssystem in Norwegen beispielsweise ist so gut ausgebaut, dass jedes Kind mit 1 Jahr ein Anrecht auf einen Krippenplatz hat. Die Plätze kosten wenig Geld und die Einrichtungen sind im Normalfall 7-17h geöffnet.  Dank moderner Rollenbilder und einer Frauenquote die 2008 eingeführt wurde, ist die Zahl der Frauen in Führungspositionen eine der größten in Europa. Frauen besetzen mehr als 40 % der der Aufsichtsräte in größeren Unternehmen. Gleichzeitig hat Norwegen mit durchschnittlich 1,78 Kindern pro Frau eine der höchsten Geburtenraten im europäischen Vergleich. Neben einer sehr großzügigen Elterngeldregelung profitieren vor allem die Frauen von einer ausbalancierten Work-Life-Integration, die auch für Führungskräfte gilt.

 

Augenhöhe und Flexibilität

 

Ein weiteres Puzzleteil: Alles passiert auf Augenhöhe. Insbesondere in kleineren Firmen wird Teamarbeit groß geschrieben. Alle duzen sich und die Vorgesetzten sind direkt ansprechbar. Das heißt auch, dass jeder in großem Maße für seine Arbeit selbst verantwortlich ist. Die Mitarbeiter sind dazu angehalten selber zu denken, zu handeln und zu netzwerken. Ein maximaler Wissensstand in einem Unternehmen wird dann erreicht, wenn es möglichst viele informelle Querverbindungen zwischen den Abteilungen und Positionen gibt. Und die werden gerne auch in den “fikas” gepflegt, so nennt man die gemeinsamen Kaffeepausen in Schweden. Das heißt: skandinavische Unternehmen profitieren von Ihrer Durchlässigkeit. In unserer immer komplexer werdenden Wissensgesellschaft ist das Wissenspotenzial auf einzelne Mitarbeiter verteilt, ganz nah an Produkt und Kunde. Schotten sich Abteilungen und Hierarchieebenen zu stark ab, wird das Wissen nicht angewandt. Wenn sich Unternehmen entlang der Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter strukturieren, geht damit auch ein Verzicht auf Statussymbole einher, der bei uns noch lange nicht jedem schmeckt. Wenn ein dänischer Chef sagt: So machen wir das, dann fragt immer irgendeiner: Warum? Was wollen wir erreichen? Geschätzt wird eine Offenheit, die dazu führt, dass kritisch nachgefragt wird. In Schweden gilt es in den meisten Fällen, einen Kompromiss zu finden, zu dem alle „Ja“ sagen können, Kollegen wie auch Mitarbeiter. Kommunikation ist also ein Kernthema, wenn man über offene Arbeitskultur spricht. Von den Mitarbeitern wird mehr verlangt, als die Ausführung bestimmter Aufgaben. Denn Menschen sind nur glücklich, wenn sie herausgefordert werden. Zukunftsforscher Matthias Horx sagt: “Die Unterforderung von Menschen, die sich ihr Leben lang an ihren Arbeitsplätzen langweilen, weil ihnen nichts zugetraut wird, weil sie ihre Selbstständigkeit nie entfalten können. Das ist das eigentliche Problem.”

 

Fähigkeiten statt Zeugnisse

 

Folgerichtig wird in Skandinavien mehr Wert auf grundsätzliche Kompetenzen gelegt, als auf einschlägige Berufsabschlüsse. Das zeigt sich auch in den Stellenanzeigen, die weitaus offener formuliert sind als bei uns. Ein Berater kann ebenso IT-Spezialist werden wie eine Krankenschwester Lehrerin -  wenn sie die entsprechenden Fähigkeiten besitzen. Unsere Begrenzungen liegen dabei nicht nur in den Unternehmensstrukturen, sondern auch in unseren Köpfen. Gerade das Entkoppeln von Statussymbolen und Einbahnstraßen schafft Freiräume, um herauszufinden, wo die eigenen Vorlieben und Talente liegen. Was braucht man dafür? Fehlertoleranz und Selbstvertrauen. Die Skandinavier lernen von kleinauf lösungsorientiert zu denken. Die Basis für unternehmerisches Handeln wird schon in der Schule gelegt. Finnland beispielsweise hat beschlossen Schulfächer abzuschaffen und will ab 2020 nur noch themenbezogen unterrichten. Auch was die Rente angeht, machen die Skandinavier vielen anderen Europäern vor, wie es geht. Die Schweden haben seit 15 Jahren ein flexibles Rentensystem, das die Rente mit 61 möglich macht, genau so wie das Arbeiten bis 67. In Norwegen gilt sogar ein Alterskorridor von 62 bis 75 Jahren. Nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) wünschen sich auch immer mehr Deutsche mehr Flexibilität in der Ruhestandsregelung, denn die einzelnen Bedürfnisse und Voraussetzungen sind breit gefächert.

 

Und wie geht’s weiter?

 

Auch in Bullerbü haben Digitalisierung und Vernetzung einen Wandel angestoßen. Immer stärker verwischen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Es wird auch hier erwartet, dass Kollegen erreichbar bleiben und Mails auch am Abend beantwortet werden. Die Fahrt freitags zur einsamen „Hytte“, dem Gegenpol zur Arbeitswelt, den Norwegens Städter traditionell ansteuern, ist nicht mehr für alle eine Option. Auf der anderen Seite erleichtern digitale Technologien kollaboratives Arbeiten und Kommunikation über alle Strukturen hinweg. Auch in Deutschland sind flachere Hierarchien immer häufiger zu finden, denn es gibt gute Gründe für einen interessierten Blick nach Skandinavien. Eine statische Präsenzkultur führt zu ausgebrannten Führungskräften. Fehlt es an Vereinbarkeit, verschwinden gut ausgebildete Frauen vom Arbeitsmarkt. Bindet man ältere Mitarbeiter nicht flexibel ein, verabschieden sie sich in den Ruhestand. Das skandinavische Modell ist letztendlich kein Gutmenschentum, sondern eine Frage der Ökonomie. Und auch wenn nicht jedes Unternehmen innovativ genug ist, Strukturen komplett auszuhebeln, macht es Sinn im Rahmen der eigenen Möglichkeiten Freiräume zu schaffen, denn die besten Mitarbeiter arbeiten da, wo sie zufrieden sind.    

Kategorie: Allgemein

Schlagworte: Auf Augenhöhe , In Teilzeit , Mit Familie , Mit Flexibilität