Ich glaube Abwechslung können wir alle gebrauchen

Wie sieht ein erfülltes Arbeitsleben aus? Flexible Schreibtischarbeit allein war Jonathan Funke nicht genug. Für ihn ist die Kombination aus Hirn und Handwerk genau das richtige. Und weil er damit nicht alleine ist, hat er kurzerhand Stadt, Land, Flow gegründet. Die Plattform bietet Menschen auf der Suche nach Ausgleich Jobs in Handwerksbetrieben.

29.07.2016 • Maria Gerono

Erklär doch mal ganz kurz das Konzept für Stadt, Land, Flow. Wie bist Du auf die Idee gekommen?

Ich glaube, dass wir alle im Leben ein bisschen mehr Abwechslung gebrauchen können, besonders wenn es um das Thema Arbeit geht. Als ich selber in der Backstube gearbeitet habe, wurde mir klar: Handwerk und Kopfarbeit, ich will das Beste aus beiden Welten. Flexibel im Büro arbeiten, den Kopf auslasten, aber auch das unglaublich erfüllende Gefühl erleben, etwas mit den Händen zu erschaffen. Hälfte Akten, Hälfte Acker: Das ist Stadt, Land, Flow.

Wen möchtest Du damit ansprechen?

Ich glaube, Abwechslung können wir alle gebrauchen. Natürlich sind es vor allem Menschen aus der Generation Y, die sich für solche Projekte interessieren. Aber mit steigenden Burnout-Raten wächst ja in der ganzen Gesellschaft das Bewusstsein, dass es so nicht mehr lange weitergehen kann. Das eigentliche Ziel ist es die Gesellschaft mal so richtig schön zu durchmischen: Handwerker sollen in Startups gehen. Aus dem 9to5-Leben sollten wir mal raus aufs Feld und mit unseren Händen tief in der Erde wühlen. Oder einen eigenen Stuhl bauen, Kaffee rösten. Ältere Menschen sollten mal die Kultur von jungen Unternehmen erfahren. Wir können ja alle etwas voneinander lernen; BWLer von Bäckern und Bauern von Bauherren.

Ist die Vermittlung kostenpflichtig?

Mir ist wichtig, dass die Initiative allen offen steht. Außerdem glaube ich, dass das Ganze einen anderen Charakter bekommt, wenn man dafür bezahlt. Der Gedanke ist ja, dass Menschen sich auf Augenhöhe begegnen und voneinander lernen. Deshalb will ich, dass Stadt, Land, Flow für die Nutzer nicht kostenpflichtig ist. Aber „pay-what-you-want“ finde ich cool. Vielleicht kommt das noch.

Für wie lange sind die Arrangements angedacht?

Da will ich jedem die Freiheit lassen selbst zu entscheiden. Wichtig ist, dass es eine Win-Win-Situation ist: In der Brauerei zum Beispiel kann schon ein Mal Bier in Flaschen abfüllen für beide Seiten schön sein. Wenn jemand nur ein Mal im Monat Karotten pflücken will und die Bäuerin damit glücklich, super Sache! Bis jemand allerdings wirklich gut Teige kneten kann, dauert das schon etwas länger. Jede Aufgabe ist unterschiedlich und jeder Menschentyp auch. Deshalb sollen sich die Menschen untereinander vernetzen und sich zusammen überlegen, was am besten passt. Und selbst wenn dann am Ende keine Zusammenarbeit entsteht, entwickelt sich vielleicht stattdessen eine Freundschaft und sogar die Liebe des Lebens.

Welche Unternehmen möchtest Du ansprechen und welche fühlen sich angesprochen?

Hippies lieben das Projekt! „Peace & lange Haare“ machen zum Beispiel gerade eine Crowdfunding-Kampagne für nachhaltige Skateboards und waren ziemlich begeistert. Oder auch WWOOF, das weltweite Netzwerk für nachhaltige Landwirtschaft, hat sich sehr über die Idee gefreut. Sonst fliegen ja Leute immer extra nach Costa Rica, um ein paar Bio-Mangos zu pflücken. Aber das gleich beim Bauern nebenan zu machen, kann ja viel schöner sein. Ich freue mich über alle!

 

Jonathan in der Backstube

Was haben die Unternehmen davon “gelangweilten Akademikern” einen Ausgleich zur Kopfarbeit zu bieten?

Mein Lieblingsbeispiel dafür ist die Motorrad-Marke Harley Davidson. Sie stand in Siebzigern kurz vor der Insolvenz. Weil sich das Management nicht mehr zu helfen wusste und sowieso alles verloren schien, wurden die Mitarbeiter gefragt, ob sie irgendwelche Ideen hätten. Schließlich kam ein Mechaniker auf den Gedanken, eine Bikergang zu gründen. Darauf wären die Abteilungsleiter nie gekommen und heute ist Harley Davidson genau dafür bekannt. Ich glaube wir unterschätzen oft, was ein Perspektivwechsel alles bewirken kann.

Außerdem wurde ja von Studien mehrfach bewiesen, dass glückliche Mitarbeiter deutlich produktiver sind. Vor allem aber müssen sich die Unternehmen von heute vor Augen führen, dass spätestens in unserer Generation Geld nicht alles ist. Ein öder Beruf, aber mit festem Gehalt? Ein gutes Leben ist für uns etwas ganz anderes. Und wenn Unternehmen junge Menschen für sich gewinnen wollen, dann sollten sie das ernst nehmen.

Besteht nicht das Risiko, dass man weder Meisterbäcker wird noch eine Führungsrolle einnehmen kann? 

Klar, verzetteln kann man sich immer. Aber Jana und Anna, die Gründerinnen von Tandemploy leiten die Firma selber im Tandem und überlegen darüber hinaus in einer Fairtrade-Goldschmiede zu arbeiten. Ich glaube Erfolg hat nicht besonders viel mit Zeit zu tun, zumindest nicht mehr im Jahr 2016. Ich finde es aber eigentlich auch ganz gut, nicht so abhängig von einem Konzern zu sein. In der nächsten Wirtschaftskrise könnte er über Nacht pleite gehen, aber wie mein Bäckermeister immer so stolz sagt: „Brötchen werden die Menschen immer essen.“

Wie sieht deine Kooperation mit Tandemploy aus?

Ich habe ein Co-Working-Space bei Tandemploy, die für ihr Jobsharing-Konzept ständig Preise bekommen. Durch einen cleveren Algorithmus findet man auf ihrer Website den perfekten Tandempartner, mit dem man sich einen Job gut teilen könnte. Dadurch sind dann beide entspannter und produktiver. Aber vor allem hat man mehr Zeit. Zeit um zum Beispiel in einer Rösterei zu helfen. Und da komme ich ins Spiel. Ich will den 5.000 Jobsharern, die mittlerweile Tandemploy nutzen, interessante Betriebe vorstellen und sie für die Idee von Stadt, Land, Flow gewinnen. Tandemploy war von Anfang an von der Idee begeistert und ich werde tatkräftig unterstützt. Die Gründerinnen machen mir Kaffee und haben immer ein offenes Ohr. Das ist ein unglaubliches Gefühl!

Vielen Dank Jonathan!

Kategorie: Interviews

Schlagworte: In Teilzeit