Unsere Kinder werden nicht auf „New-Work“ vorbereitet

Was braucht es, damit unsere Kinder selbstbestimmt und eigenverantwortlich lernen und ihre Potentiale entfalten können? Vanessa Christoffers-Trinks ist Autorin, Journalistin und Teil der Netzwerkinititative Schule im Aufbruch. Sie hat sich genau diese Frage gestellt und sucht mit dem Projekt Augenhöhe macht Schule Antworten. Wie seine beiden Vorgänger zeigt auch dieser Dokumentarfilm Pioniere. Allerdings sind es diesmal nicht die Unternehmen, die neue Wege gehen, sondern besonders innovative Schulen. Wir haben mit Vanessa über die aktuelle Crowdfunding Kampagne gesprochen.

Maria Gerono • 22.11.2017

Was hast du für einen Hintergrund?

Ich habe keinen pädagogischen Hintergrund, obwohl das Thema Bildung mein Herzensthema ist. Ich habe Politologie studiert und dann als Autorin beim Fernsehen gearbeitet. In den letzten Jahren habe ich im Archivbereich viel Rechteklärung gemacht. Zum Thema Schule bin ich dann durch meine beiden Kinder gekommen. Als mein Sohn eingeschult werden sollte, haben wir uns damals viele Schulen angesehen und da habe ich festgestellt, so viel anders als vor 30 Jahren ist das heute leider auch nicht.

In der Grundschule habe ich dann aber teilweise viel Positives erfahren, mit individuellen Lernplänen usw. Bei den weiterführenden Schulen war das schon schwieriger, deswegen habe ich begonnen mich für Schule im Aufbruch zu engagieren, damit sich etwas ändert. Eine meiner Kolleginnen hat dann von Augenhöhe macht Schule gehört und ist zu einem Treffen gefahren. Wir beide waren so begeistert, dass wir relativ schnell angefangen haben uns im Kernteam zu engagieren.

Warum beschäftigt sich der dritte Film der Augenhöhe Reihe mit dem Thema Bildung?

Nach der Premiere des ersten Filmes, kam das Thema Schule und Bildung relativ schnell auf. Wenn wir sehen, was sich in der Arbeitswelt tut, dann müssen wir zwangsläufig auch einen Blick auf das Thema Bildung werfen. Unsere Kinder werden nicht auf eine „New-Work-Welt“ vorbereitet. Wenn man Grundschulen ausklammert, findet das Unterrichten im klassischen Schulsystem zu 80 Prozent noch als Frontalbeschallung statt. Es ist in den allermeisten Schulen so, dass ein fester Stundenplan vorgegeben wird. Es klingelt und dann wird gesagt „Jetzt musst du Mathe machen!“ egal, ob der Schüler mit einem anderen Problem gedanklich noch gar nicht fertig ist. Impulse kamen auch aus der Initiative „Schule im Aufbruch“. Das Medium Film ist perfekt dazu geeignet, Menschen für so ein Thema zu begeistern und ins Gespräch zu kommen. Und das ist ja unser Ziel, wenn der fertige Film dann in Film & Dialog Veranstaltungen gezeigt werden soll. Idealerweise in der Aula in jeder der über 30.000 Schulen in Deutschland.

Wie konkret ist eure Vorstellung von dem, was in dem Film stattfinden soll?

Wir  hatten bereits an zwei Schulen gedreht , bevor wir mit dem Crowdfunding Ende September gestartet sind. Wichtig ist uns, eine Vielfalt von Ansätzen zu zeigen. Es gibt viele Beispiele, die für sich stehend auch in die ein oder andere Richtung ideologisch gefärbt sind. Deswegen haben wir uns bewusst zwei Beispiele gesucht, die sehr unterschiedlich sind. Das eine ist eine freie Schule (Freie Dorfschule Lübeck), das andere eine  staatliche Schule (Sekundarschule Jülich). Vor allem, um auch die zu entkräften, die sagen, „Dass das an einer freien Schule funktioniert ist ja kein Wunder. An einer staatlichen Schule würde das nie gehen.“

Was ist das besondere an diesen beiden Schulen?

In beiden Schulen steht das Kind im Mittelpunkt. Jedes einzelne Kind wird gesehen. Dem geht die Erkenntnis voraus, dass jedes Kind anders lernt – sowohl in einem anderen Tempo, also auch auf eigene Art und Weise. Es gibt Kinder, die brauchen Stille, um konzentriert arbeiten zu können, andere erarbeiten sich Themen eher spielerisch in Gemeinschaft mit anderen. An den Schulen, die wir ausgewählt haben, wird sich die Zeit genommen, den Rahmen zu finden, der jedem Kind gerecht wird. An beiden Schulen wird das selbständige und selbstbestimmte Lernen sehr gefördert. Den Kindern werden Impulse gegeben, an bestimmten Themen zu arbeiten. Sie bekommen dabei  von den Lehrern rückgekoppelt, wo vielleicht noch Defizite sind, aber auch, wo ihre Stärken liegen.

Es gibt sicher auch Schüler, für die das nichts ist. Auf der anderen Seite ist das natürlich auch so eine Entwicklungsgeschichte. Die Frage, ob das etwas für ein Kind ist oder nicht, hat natürlich auch ganz viel mit dem Vertrauen der Eltern zu tun. Wenn ich meinem Kind Freiraum lasse, dann kann es natürlich sein, dass es sich anders entwickelt, als ich erwartet habe. Und das muss man dann auch aushalten können. Aber wenn Kinder so sinnbehaftet lernen, dann kommen die irgendwann auch zu dem Punkt, dass sie sagen „Wenn ich den und den Beruf erlernen möchte, dann brauche ich dafür auch Mathe.“  Vielleicht fangen sie später damit an, aber nachhaltiger und bewusster.

Ihr zeigt also vor allem Best Cases?

Genau, wir zeigen positive Beispiele, um zu ermutigen. Aber niemand sagt, dass das einfach ist. Es gibt immer auch Probleme und Schwierigkeiten, die bewältigt werden müssen. Das ist auch genau der Punkt, an den man kommen sollte beim Thema Schule. Scheitern sollte erlaubt sein. Die Frage ist doch immer, was zieht man hinterher für Schlüsse daraus. Wird jemand mit einer schlechten Note bestraft oder nimmt man das eher als Chance, aus dem Versuch zu lernen?

Wie finanzieren die Schulen, die ihr exemplarisch vorstellt, ihre Projekte?

Oft ist das gar nicht so sehr die Frage von Geld, sondern von Umstrukturierung. Die Schulen hatten erstmal die  ganz normalen Mittel, die alle anderen auch haben. Das waren beides Neugründungen und da muss man erstmal ein Konzept erarbeiten. Und da ist natürlich das Engagement der Lehrerinnen und Lehrer gefragt und erfordert am Anfang zusätzliche Arbeit. Aber alle Beteiligten sagen am Ende, es zahlt sich aus. Alle Schulen, die wir begleitet haben, haben einen viel geringeren Krankenstand und die Menschen sind zufriedener an ihrem Arbeitsplatz. Wir sagen zwar einerseits, jetzt schauen wir auf die Schulen, aber es sind ja im gleichen Moment auch Arbeitsplätze für die Lehrerinnen und Lehrer. Und dann geht es auch wieder darum zu zeigen, wie sind Menschen an ihrem Arbeitsplatz zufriedener und gefeit vor Burn Out und Überarbeitung. Wir würden sehr gerne noch eine Schule mit reinnehmen, die eine Kehrtwende gemacht hat, von einer ‚klassischen‘ Schule hin zum freien, selbstbestimmten Lernen.

Man kann Schulen trotzdem nicht mit Unternehmen vergleichen, wo ein Geschäftsführer viel mehr Macht über die Strukturen hat. Der Schulleiter an einer staatlichen Schule ist ja noch nicht mal so frei, sich sein Team selber auszusuchen. Gerade dort, wo Lehrer verbeamtet sind, werden Lehrkräfte auch einfach zugeteilt. Und wenn man unzufrieden mit jemandem ist, kann man ihn auch nicht einfach so entlassen. Im Grunde genommen ist ein Schulleiter oft mehr ein Verwalter. Er hat nur eine bestimmte Summe Geld zur Verfügung und kann das was er hat nicht frei investieren. Es ist also insgesamt eine schwierige, oft festgefahrene Situation. Aber die erste Veränderung beginnt meistens im Kopf. Daher sprechen wir auch oft von einem Paradigmenwechsel.

Ändert sich an diesen Schulen nur das „Wie“ oder auch das „Was“ unterrichtet wird?

Da gibt es natürlich jede Menge Regularien, welche Fächer und Inhalte im Lehrplan zu berücksichtigen sind. Das macht dann einen Unterschied, ob man von Gymnasien oder Gesamtschulen redet. Gerade die Gesamtschulen sind da durchaus etwas freier, Fächer zum Beispiel zusammenzulegen. An einem Gymnasium gibt es die klassischen Fächer Chemie, Biologie und Physik. An Gesamtschulen können diese Fächer zum Themenfeld Naturwissenschaften zusammengefasst werden. Dieses Prinzip funktioniert auch für die Fächer Geschichte, Erdkunde und Politik. Eine Annäherung an Themen findet dann ganzheitlich statt und die Verquickungen der einzelnen Fächer werden deutlich.

Der Erfolg der ersten beiden Filme hilft doch sicher beim Crowdfunding?

Wir profitieren zum einen davon, dass im Kernteam schon wahnsinnig viel Erfahrung mit dem Thema Crowdfunding vorhanden ist. Zum anderen merken wir natürlich, dass es schon eine breite Augenhöhe Community gibt. Eine Hürde besteht allerdings darin, dass wir jetzt ein neues Thema angehen. Die Community besteht zu großen Teilen aus Leuten, die sich als Berater oder Angestellte mit dem Thema New Work beschäftigen. Den ganzen Bildungsbereich – Lehrer, Eltern ... – müssen wir auch erstmal erreichen. Und das ist wieder ein Stück Arbeit.

Wir hatten uns ja als Ziel 60.000 EU vorgenommen. Da sind wir mit aktuell 52.000 auf einem guten Weg. Zwischendurch gab es auch immer mal wieder Durststrecken, wo man Zweifel hatte, ob das klappt, aber jetzt sind wir gerade total euphorisch.

Vielen Dank Vanessa!

 

Das spannende Augenhöhe macht Schule Projekt könnt ihr hier unterstützen: www.startnext.com

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Kategorie: Interviews

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