Führung ist kein Privileg, sondern eine Dienstleistung

Die Hotelkette Upstalsboom mit über 650 Mitarbeitern hat in den letzten Jahren einen rasanten Kulturwandel hingelegt. Nachdem die Belegschaft 2010 ihren Chef Bodo Janssen laut Mitarbeiterbefragung am liebsten ersetzt hätte, hat er nicht etwa hingeworfen, sondern versucht etwas zu ändern. Und das ist ihm wohl gelungen.

21.11.2016 • Anja Dehghan 

Zehn Hotels und mehr als 600 Ferienwohnungen gehören zur Upstalsboom-Kette. Der Name ist altfriesisch und bedeutet Aufstellbaum. Das ist der Ort, an dem die friesischen Häuptlinge ihre Pferde „aufstallten“, wenn sie sich trafen um Recht zu sprechen, sich zu beraten oder gemeinsam zu feiern. Marie Koch ist Mitte zwanzig und verantwortet zusammen mit zwei Kolleginnen den neu gegründeten Unternehmensbereich Kultur und Entwicklung. „Es ist eine neue Wertekultur entstanden, die sich nicht mehr länger nur auf die Hotels und Ferienwohnungen bezieht, sondern die Mitarbeiter mit einbezieht“, so beschreibt es Marie. „Früher haben die Leute hier ihren Job gemacht. Sie waren unzufrieden mit der Art der Führung und der Kommunikation innerhalb des Unternehmens.“ 

Marie Koch

DER WEG FÜHRT IN ein Kloster und auf den höchsten Berg Afrikas

Der Weg zu einer neuen Mitarbeiterkultur führte den Geschäftsführer Bodo Janssen unter anderem in ein Benediktinerkloster. Hier begann er zu reflektieren, wie Führung aussehen kann und welche Möglichkeiten es jenseits von Kontrolle und Anordnungen noch gibt. Die Erfahrungen, die er dort gemacht hat, wollte er mit anderen teilen und so erhielten auch die Führungskräfte des Unternehmens die Gelegenheit eines Klosteraufenthalts. Das Resultat ist eine mitarbeiterorientierte Führungskultur, in der Wert darauf gelegt wird, dass es allen gut geht.

Allerdings sollte so eine Möglichkeit der Selbstwahrnehmung und Reflexion nicht nur auf die Führungsetage beschränkt bleiben. Nachdem wieder einmal auf einer Tagung die Beschwerden darüber laut wurden, dass die jungen Leute ja zu nichts mehr zu motivieren und Azubis faul und desinteressiert seien, entstand kurzerhand die Idee, die eigenen Auszubildenden einmal mit einer Grenzerfahrung zu konfrontieren und aus der Reserve zu locken. Nach einem Jahr Vorbereitung, wurde das so genannte Kilimandscharo-Projekt mit Azubis umgesetzt. Acht von ihnen bestiegen gemeinsam mit ihrem Chef den höchsten Berg Afrikas. Unter ihnen auch Marie: „Das war das Anstrengendste, das ich je in meinem Leben gemacht habe. Und ich bin unheimlich stolz darauf. Vielen von uns wurde im Laufe der Reise bewusst, was Arbeit noch bedeuten kann, nämlich das Vertrauen, Dinge selbst entscheiden zu können.“

Eine Schule in Ruanda und Azubis, die die Leitung übernehmen

Maries Job ist es, den Upstalsboom Weg für andere Menschen und Unternehmen zugänglich zu machen. „Wir wollen Menschen begeistern und berühren, indem wir die Geschichte von Upstalsboom erzählen.“ Mit Vorträgen und in Seminaren erklärt sie, was seit sechs Jahren in ihrem Unternehmen passiert. Und das ist eine ganze Menge. Neben dem Kilimandscharo Trip, gibt es das Ruanda Projekt. In einem Strategieworkshop wurde Ende 2012 ein Mitarbeiterleitbild erarbeitet. Allerdings wurden die Werte nicht – wie so oft in Unternehmen – durch eine Marketingagentur erstellt, sondern durch die Mitarbeiter selbst. Es wurden zwölf Unternehmenswerte formuliert und die Frage kam auf, wie diese denn nun umgesetzt werden können. Geschäftsführer Janssen gab das Versprechen ab, wenn Upstalsboom es in die Top 5 der „Top Job“ Arbeitgeber“ schafft, lädt er die Mitarbeiter ein, eine Schule in Ruanda zu bauen. 2016 wurde die erste Schule eröffnet, im Mai kommenden Jahres fliegen die nächsten 15 Mitarbeiter nach Ruanda um ein weiteres Gebäude zu bauen. Das Projekt ist spendenfinanziert und jeder Mitarbeiter kann sich dafür bewerben. Die Zahl der Bewerbungen ist jedes Jahr gestiegen.

Ein weiteres Projekt fand im September in Kühlungsborn statt: Mitarbeiter und Azubis haben für 2 Tage Direktion und Führungskräfte vertreten. Teamleitung und Direktion waren währenddessen auf einer Schulung. Nach ein paar so genannten Schattentagen, an denen Azubis und Mitarbeiter mit den Führungskräften mitgelaufen sind, konnten sie für zwei Tage eigenverantwortlich arbeiten. Das Ganze hat wirklich gut funktioniert. Ein Spa-Mitarbeiter aus Polen zum Beispiel hat die Rolle des Küchenchefs übernommen und sich dazu mit Rezepten von seiner Oma eingedeckt. So wurde ein polnischer Abend veranstaltet.

"Die Werte eines Unternehmens sind nie final"

Die Unternehmenskultur von Upstalsboom hat sich wegentwickelt von klassischen Hierarchien und orientiert sich an Laloux’ Reinventing Organisations. Im Zuge der Neuorientierung gab es auch Führungskräfte, die den Wandel nicht wollten und die daraufhin das Unternehmen verlassen haben. Aber das gehört wahrscheinlich einfach dazu.

Marie beschreibt die Entwicklungen, die mit der veränderten Wertekultur einhergehen: „In der Hotellerie arbeiten Service und Küche traditionsgemäß komplett gegeneinander. Bei uns ist es mittlerweile so, dass sich Service und Küche gegenseitig aushelfen, ebenso Rezeption und Service, weil man in der Lage ist, sich in den anderen hineinzuversetzen.“

Und auch der eigene Job innerhalb des Unternehmens muss nicht Stillstand bedeuten. Es gab einen Koch, der festgestellt hat, dass Zahlen im deutlich mehr liegen als Menüfolgen. So wurde er kurzerhand ins Controlling berufen. Sogenannte Potentialentfaltungsseminare machen’s möglich. „Die Werte eines Unternehmens sind nie final. Führungskräfte müssen die Mitarbeiter ganz anders wahrnehmen, denn Führung ist kein Privileg, sondern eine Dienstleistung.“ 

Vielen Dank, Marie!

 

Kategorie: Allgemein

Schlagworte: Auf Augenhöhe , Mit Perspektive

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