Vergesst den Anspruch alles perfekt zu machen

Katja Thiede und Silvia Steude haben gemeinsam den juggleHUB gegründet. Mitten in Berlin Prenzlauer Berg vermieten sie Arbeitsplätze, zu denen man seinen Nachwuchs mitbringen kann. Aber der juggleHUB ist viel mehr als Coworking mit Kindern. Entstanden ist eine Bewegung, die Familienfreundlichkeit ins Zentrum von New Work rückt und Wege aufzeigt, die Vereinbarkeit erfolgreich umzusetzen. Wir haben mit den beiden Gründerinnen gesprochen und wollten wissen, wohin die Reise geht.

20.04.2017 • Maria Gerono & Anja Dehghan

Vielleicht könnt ihr euch erstmal kurz vorstellen: Was habt ihr vor dem juggleHUB gemacht? Und wie habt ihr euch kennen gelernt?

Silvia ist Architektin und Katja freiberufliche Texterin. Silvia hat vor der Gründung des juggleHUB in Architekturbüros in New York und Berlin gearbeitet, Katja als PR-Referentin und nebenberuflich als freie Texterin. Kennengelernt haben wir uns über das Mompreneurs-Netzwerk. Katja hat ihre Idee in der Mompreneurs-Facebook-Gruppe gepostet und Silvia - die seit Jahren an einem ähnlichen Konzept gearbeitet hat - fühlte sich sofort angesprochen. Dann haben wir uns persönlich getroffen und einfach losgelegt.

Wie seid ihr auf das Thema Coworking gestoßen und wann ist die Idee für den juggleHUB geboren?

Eigentlich kam zuerst die Idee für den juggleHUB - also einen Ort, an dem man arbeiten kann und seine Kinder in Reichweite aber außer Ablenkungsweite hat. An dem man sich gegenseitig unterstützen und vernetzen kann. Dass wir uns damit in die Coworking-Szene begeben, war uns gar nicht so bewusst.

Bei Silvia ist die Idee entstanden, als sie von New York nach Berlin kam und die Hürden erlebte, die ihr als voll berufstätiger Mutter im Wege standen. Katja wiederum hätte in ihrer Elternzeit gern weiter an Projekten gearbeitet, fand aber in Berlin keinen Ort, an dem das mit Kind im Schlepptau möglich gewesen wäre. 

Woher kommt der Name juggleHUB?

„Juggle“ ist Englisch und heißt „jonglieren“. Das Wort spiegelt das Gefühl wider, dass wir als Mütter, die ihre Arbeit lieben, oft hatten und haben: Man ist ständig dabei, alle Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten. Mal gelingt das besser, mal fällt einer runter. Und manchmal hat man das Gefühl, alle Bälle fallen einem gleichzeitig aus der Hand. Wir wollten dieses Gefühl mit einem Augenzwinkern aufgreifen und mit dem juggleHUB einen Ort schaffen, der einerseits beim „juggeln“ hilft, andererseits aber auch das Gefühl vermitteln, dass es nicht schlimm ist, wenn mal gar nichts geht und Mut machen, auch mit Kind beruflich groß zu denken und sich nicht entmutigen zu lassen. 

Was waren eure größten Herausforderungen bei der Gründung und wo steht ihr aktuell? Was sind eure nächsten Ziele?

Die größten Herausforderungen waren die Finanzierung und die Suche nach bezahlbaren und passenden Räumen. Beides hat dann aber geklappt und wir sind total froh, dass wir unglaublich schöne Altbauräume gefunden haben. Aktuell haben wir spürbaren Zulauf. Scheinbar spricht es sich langsam rum, dass es uns gibt, denn wir bekommen immer mehr Anfragen sowohl fürs Arbeiten mit Kinderbetreuung als auch für Veranstaltungen und unsere Teamoffices. Auch die Einladungen zu Podiumsdiskussionen und anderen Veranstaltungen im Bereich NEW WORK häufen sich, was toll ist. Wir freuen uns, wenn unser Projekt andere inspiriert, ihr Arbeitsleben neu zu gestalten. Auch die ersten Unternehmen sind an Bord und testen mit uns die neue Art des Arbeitens, indem sie ihren Mitarbeitern Coworking- und Kinderbetreuungsplätze bei uns anbieten. Unser Ziel ist es, weiter organisch zu wachsen, einen zweiten Standort zu eröffnen und so noch mehr Menschen die Möglichkeit zu geben, so zu arbeiten, wie es zu ihnen und ihrem Leben passt - ob mit Kind oder ohne. 

Wie gut bekommt ihr euer Eltern-sein mit dem Gründen und Wachsen von juggleHUB unter einen Hut? Was sind eure größten Learnings, die ihr anderen in der Situation mit auf den Weg geben könnt?

Auch wir „juggeln“ natürlich permanent - mal besser, mal weniger gut. Gerade im ersten Jahr lag und liegt ein großer Berg Arbeit vor uns. Wir machen fast alles selbst - vom Marketing über Veranstaltungsorganisation, Community Management, PR und Buchhaltung bis hin zum Café-Betrieb und Putzen. Nur bei der Kinderbetreuung haben wir ein eigenes Team an Bord. Das bedeutet natürlich oft lange Arbeitstage, wobei wir versuchen, uns da so aufzuteilen, dass jede auch zwei „kurze Tage“ hat, um Zeit mit der Familie zu verbringen. Das Wachsen führt dazu, dass wir unser Team vergrößern und zunehmend auch mal Aufgaben abgeben können. Die größten Learnings? Vergesst den Anspruch, alles perfekt machen zu wollen. Das ist illusorisch und überhaupt nicht nötig. 

Was ist das Besondere an eurem Konzept und wo unterscheidet ihr euch zum Beispiel von Coworking Toddler?

Das Besondere ist unsere Kinderbetreuung, die superflexibel ist. Heißt, man kann sich einen Tag vorher anmelden und am nächsten Tag das Kind mitbringen. Das unterscheidet uns von den Toddlers, die eine richtige Kita haben, mit angeschlossener fester Bürogemeinschaft der Eltern. Wir sind im Prinzip ein „ganz normaler“ Coworking Space mit wechselndem Publikum und vielen Veranstaltungen. Zu uns kann jeder kommen - ob mit Kind oder ohne.

Mal ehrlich gefragt: Stören die Kinder nicht beim konzentrierten Arbeiten? Ist euer Coworking auch was für Leute, die ohne Kinder auf der Suche nach einem schönen Arbeitsplatz sind?

Dadurch dass die Kinderbetreuungsräume komplett getrennt sind vom Coworking- und Veranstaltungsbereich, stören die Kids nicht. Klar kann es sein, dass mal ein Kind durch die Räume spaziert, aber damit hat hier niemand ein Problem, auch nicht die Leute ohne Kinder. Im Gegenteil. Viele unserer Coworker, die keine Kinder haben, sagen uns, dass sie die familiäre Atmosphäre so mögen und das Gefühl, dass jeder willkommen ist. Genau das ist es, wofür wir stehen.

Wie entwickelt sich die Eltern-Kind-Community? Gibt es da inzwischen eine feste Gruppe? Und eventuell sogar Schnittmengen, Austausch und Synergien über die gemeinsam betreuten Kinder hinaus?

Feste Gruppen haben wir nicht, auch wenn manche Kinder immer mal wieder gleichzeitig in der Betreuung sind und sich schon ein bisschen „kennen“. Die Community entsteht eher unabhängig von den Kindern, zwischen den Leuten die hier arbeiten. Die meisten kommen aus ganz unterschiedlichen Branchen, sodass es immer wieder Möglichkeiten gibt, sich Rat und Unterstützung zu holen. Wir fördern die Vernetzung, indem wir regelmäßig Veranstaltungen machen, die Raum zum Austausch geben, zum Beispiel unser monatliches „Eat & Greet“. Das ist ein kostenloses Frühstück mit anschließendem Workshop, zu dem alle eingeladen sind - sowohl unsere Coworker und ihre Kinder, aber auch Leute von außerhalb. Das nächste „Eat & Greet“ findet am 25. April statt. Der Workshop dreht sich diesmal um Soulful Meditation for Business mit konkreten Anwendungsmöglichkeiten um im Alltag zu entspannen.

Euer aktuelles Projekt heißt New Work Families. Was habt ihr da vor und für wen könnte das interessant sein?

Wir haben uns mit anderen Akteuren aus der NEW WORK-Szene zusammengetan, um das Thema „Neues Arbeiten“ noch stärker gemeinsam mit Familienfreundlichkeit zu denken. Was uns eint, ist, dass wir alle Eltern sind, die sich ihre Vereinbarkeitsorte selbst gegründet haben oder sich selbst Wege geschaffen haben, um Arbeit und Familie zusammenzubringen. Dabei leben wir NEW WORK ganz selbstverständlich und nutzen die Möglichkeiten der Digitalisierung: Wir arbeiten in Netzwerken, zeit- und ortsunabhängig, wir teilen Wissen, agieren auf Augenhöhe mit unseren Projektpartnern und bringen bei Bedarf auch mal die Kinder mit. Dies jedoch außerhalb der „klassischen“ Unternehmenswelt. Unser Ziel ist es, in den Austausch gerade mit Unternehmen zu kommen. Welche Möglichkeiten bietet die Digitalisierung für neues Arbeiten mit Kindern? Welche Unternehmen gehen voran und wie arbeiten sie? Was können Unternehmen von Selbstständigen lernen, die sich ihre Form der Vereinbarkeit dank innovativer Arbeitsweisen einfach selbst bauen? Das sind Fragen, mit denen sich die Wirtschaft auseinandersetzen muss! Daher starten wir eine bundesweite Kampagne, zunächst mit WeCamps, also familienfreundlichen BarCamps, in Berlin und München. Das erste Berliner WeCamp findet im Sommer statt, München folgt im Oktober. Eingeladen sind alle, die offen für ganz neue Modelle sind, Arbeit und Familie zu vereinen.

Vielen Dank Katja und Silvia!

 

Mehr Infos zum juggleHUB gibt es hier: jugglehub.de

Fotos: Meiko Herrmann

 

Kategorie: Interviews

Schlagworte: Mit Familie

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