Vereinbarkeit ist eine Frage von Haltung und Verhalten

Letzte Woche Dienstag wurden im Berliner Congress Center Unternehmen mit einer besonders mitarbeiterfreundlichen Kultur ausgezeichnet. Wir waren dabei und haben uns einmal angesehen, was moderne Unternehmenskultur heute schon kann.

08.07.2016 •  Anja Dehghan & Maria Gerono Das Netzwerk Erfolgsfaktor Familie hatte mit einer Ausschreibung Unternehmen deutschlandweit dazu aufgerufen sich zu bewerben und zu beschreiben, mit welchen Maßnahmen und Konzepten sie für eine zufriedenes Miteinander sorgen. Insgesamt haben sich 400 Unternehmen beworben. Besonderes Augenmerk lag natürlich auf der Familienfreundlichkeit. Erik Schweitzer vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag sprach in der Eröffnungsrede von Wirtschaft und Familie als zwei Säulen der Gesellschaft, die eng miteinander verbunden sind. Das Netzwerk Erfolgsfaktor Familie hat in dem Zusammenhang Fünfzehnjährige befragt, was sie sich für ihre berufliche Zukunft wünschen. Die häufigste Antwort lautete, eine gute Vereinbarung von Beruf und Familie. “Junge Leute begreifen Beruf und Familie nicht als Gegensatz”, so Schweitzer, “die prämierten Unternehmen haben das verstanden und umgesetzt.”

Individuelle Lösungen statt Regelgerüste

Was bieten denn nun Unternehmen ihren Mitarbeitern, die mit einem Preis vom Bundesministerium für Familie geehrt werden, überreicht von Familienministerin Manuela Schwesig persönlich? Zum Beispiel Vertrauensarbeitszeit um eine flexible Zeitgestaltung zu ermöglichen. Bei Extox setzt man auf persönliche Einzellösungen statt fest gezurrte Regelgerüste. Das mittelständische Unternehmen aus Unna entwickelt Gasmess-Systeme und setzt bei seiner Mitarbeiterpolitik auf direkte Ansprache und schnelle Entscheidungswege. Flache Hierarchien und Beteiligung der Mitarbeiter an Unternehmensentscheidungen fördern die Motivation.

 

Ein besonders praktischer Ansatz ist die Schicht-Tauschbörse bei U.I.Lapp Kabel. Hier können Schichtarbeiter ihre Dienste unkompliziert untereinander tauschen. Der Familienbetrieb aus Stuttgart wurde in der Kategorie Mittlere Unternehmen ausgezeichnet. Bei U.I.Lapp spricht man von “Familienorientierung”. Sie wird zum Beispiel durch individuelle Arbeitszeiten und Home-Office gelebt. Aber auch das klassische Eltern-Timing wird berücksichtigt. Termine für Besprechungen werden so gelegt, dass Eltern ihre Kinder in die Kita bringen können. Während eines Kita-Streiks bekommen die Eltern notfalls Sonderurlaub. Das Unternehmen hat den “Dachverband Kind” gegründet, der sich zum Ziel gesetzt hat, eine bessere Infrastruktur für Eltern zu ermöglichen. Der Verein kümmert sich in erste Linie um den Aufbau betriebsnaher KITAs.

Jobsharing als lohnende Alternative zur Teilzeitfalle

Die Kinderbetreuung ist ein Faktor, den auch die Politik wesentlich beeinflussen muss. Familienministerin Manuela Schwesig erklärt, dass ein Drittel der Deutschen in Randzeiten und Nachtschichten arbeitet. Gerade in diesem Bereich hakt es noch sehr. In vielen Bundesländern kommt es mit dem Wechsel von der KITA in die Schule zu einem Einbruch in der Betreuung. Hier muss weiter ausgebaut werden. Ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung könnte Abhilfe schaffen. Frau Schwesig sieht aber nicht nur die Politik in der Pflicht. Auch als Kunde sollte man sich ab und an überlegen, ob eine Leistung wirklich immer sofort erbracht werden muss. Ein wenig Nachsicht würde den Druck auf die Unternehmen etwas verringern, ständig alles verfügbar zu halten. Unternehmer hingegen müssen auch noch ein paar Dinge weiterdenken. Jobsharing zum Beispiel ist ein Modell mit Zukunft, aber einigen müsse man tatsächlich immer noch erklären, “dass 2 x 32 mehr ergibt als 40”, so Schwesig.

Das Universitätsklinikum Eppendorf hat als Gewinner in der Kategorie Große Unternehmen einiges zu bieten. Mit seiner Personalpolitik will das Unternehmen seinen Mitarbeitern bestmögliche Rahmenbedingen schaffen. Je nach Lebensphase können Mitarbeiter aus einem breiten Angebot auswählen und zum Beispiel ein Langzeitkonto anlegen oder ein Sabbatical nehmen. Konkrete Informationen zum Prozedere finden sich bereits auf der Karriereseite des UKE. Ein breites Weiterbildungsangebot beinhaltet nicht nur branchenspezifische Schulungen und Seminare, sondern auch Fortbildungen zu Persönlichkeitsentwicklung und Zukunftsplanung. Dabei müssen Angebote nicht immer persönlich wahrgenommen werden, es werden auch vielfältige E-Learnings angeboten. Auf der Bewertungsplattform kununu ist man sich größtenteils einig darüber, dass das UKE sich um seine Mitarbeiter bemüht und eine gute Unternehmenskultur herrscht.

Besondere Väterförderung

Vergeben wurde außerdem ein Sonderpreis für väterfreundliche Personalpolitik. (Bis zu diesem Preis waren wir doch tatsächlich davon ausgegangen, dass familienfreundliche Personalpolitik die Väter mit einschließt.) Die FingerHaus GmbH erhielt den Preis mit der Begründung, dass im Unternehmen das Prinzip der Vorbildfunktion gelebt werde. Einer der Gesellschafter ging selbst in Elternzeit und die Personalabteilung schlägt werdenden Vätern die Elternzeit proaktiv vor. Verhaltensweisen und Vorbilder prägen die Unternehmenskultur. Bei FingerHaus gehen über fünfzig Prozent der Väter in Elternzeit. Wie viele der Väter länger als die obligatorischen zwei Monate zu Hause bleiben, wurde nicht erwähnt, aber es ist zumindest ein Anfang.

Fotos: Hans-Christian Plambeck
Beitragsbild: DesignCue

Kategorie: Aktuelles

Schlagworte: Mit Familie , Mit Flexibilität