Ein gutes Office Design ist ein Kompliment an die Mitarbeiter

Henri Fischer war lange Zeit in Werbeagenturen unterwegs bevor er angefangen hat, sich mit Raumkonzepten zu beschäftigen und diese mit seinem Studio A/S dann auch erfolgreich umzusetzen. Im Interview erzählt er uns, warum gutes Workspace Design immer auch eine Wertschätzung der eigenen Mitarbeiter ist, und warum es auf die Geschichte ankommt, die dahinter steht.

04.03.2016  • Anja Dehghan

Wie kamst du von der Werbung zur Raumgestaltung?

Angefangen habe ich bei Springer & Jacoby, danach bin ich so ein bisschen rumgetingelt und zum Schluss hatte ich meine eigene Agentur. Die war auch recht erfolgreich. Bis dann meine Tochter geboren wurde. Da habe ich die Agentur auf Null gefahren und mir für zweieinhalb Jahre eine Auszeit genommen. In der war ich dann erst mal Papa und Bauherr, mit einem alten Haus in der Schorfheide. Interessanterweise, wusste ich danach ziemlich konkret, was ich alles nicht mehr machen wollte. Wo aber die Reise hingehen sollte, leider nicht. Was es letztendlich geworden ist, das war ein glücklicher Zufall. Wie so oft.

Das hat ja wohl ganz gut geklappt. Hi-ReS!, dein erstes Raumprojekt, hat direkt zwei Preise eingefahren. Wie kam es zu dem Projekt?

Ich sage immer A/S ist auf Nachfrage entstanden. Die Agentur Hi-ReS! hatte ursprünglich für das Konzept ihrer Büroräume schon jemanden engagiert, waren dann aber mit der Wahl nicht so richtig glücklich. Und dann kannte einer der Hi-ReS! Geschäftsführer jemanden, der jemanden kannte, der sich so ein lustiges Häuschen in der Schorfheide gebaut hat. Das war ich. Und der meinte zu ihm, „Der macht gerade eine Auszeit. Frag den doch mal“. Sie riefen mich an und fragten, ob ich denn so etwas kann. Ich wusste das ja selbst nicht so genau, aber ich wollte es gern ausprobieren. Also haben sie mich erst mal für zwei drei Sachen gebrieft und ich habe dazu Raumkonzepte entwickelt - Das fanden sie dann gut. Um die Konzepte auch umsetzen zu können (immerhin waren das knapp 1000 m2 Fläche) kamen Planer und Architekten dazu und so ist das Ganze gewachsen.

Hattest du vorher irgendwas mit Raumgestaltung zu tun?

Nein, gar nicht. Aber für mich ist das, wie Werbung, nur mit Räumen. Mich interessiert, neben den Basics wie Raumprogramm, Flächeneffizenz und Strukturierung, vor allem das Konzeptgetriebene daran. Was ist die Story? Wie funktioniert das? Und ich merke, dass diese ideengesteuerte Herangehensweise auch gut ankommt. Wenn man also bei den Leuten nachfragt, bevor man sich die Räume vornimmt: Wer seid ihr eigentlich? Was ist eure Identität, welche Haltung soll euer Raumkonzept transportieren? Dann kommt man auch zu einem spannenderen Ergebnis.

Wir haben Glück, dass unsere Bauherren oft Agenturen sind. Die winken nicht gleich ab, wenn wir Raumkonzepte vorschlagen, die kleine Geschichten erzählen, um die Leute zu inspirieren und spannende Orte zu schaffen. Unsere Erfahrung ist die, dass zeitgemäßes Officedesign den Fokus auf die Inspiration der Mitarbeiter legen sollte. Das ist eine Wertschätzung an die Mannschaft und macht es den Leuten einfacher den kreativen Turbo anzuschalten. Also: so viele inspirierende Raumsituationen wie möglich. Klassische Büroarbeit sollte eher geflüstert werden.

Macht es auch was mit den Mitarbeitern? Steigert es die Produktivität oder das Glücksgefühl?

Unser Auftraggeber ist ja meistens die Geschäftsführung oder der Inhaber. Die wissen alle, dass der war for talents tobt, sie müssen sich also inszenieren. Denn der neue Mitarbeiter ist auch für andere Agenturen interessant.

Es ist aber nicht so, dass die Bewerber kommen und irgendein konkretes Officedesign fordern. Die haben Lust auf Individualität und darauf sich inspirieren zu lassen. Unternehmen wissen heute, dass Räume so etwas wie eine dritte Intelligenz sind. Eine der Stellschrauben, mit denen die Zufriedenheit und der Output der Mitarbeiter positiv beeinflusst werden können.

Für mich ist ein gutes Workspace Design ein Kompliment an die Mitarbeiter, das ausdrückt, du bist mir etwas wert. Eine attraktive Arbeitsplatzgestaltung ist eine Einladung für ein Unternehmen zu arbeiten. Das impliziert eine bestimmte Sicht auf die Dinge. So etwas wie eine Umgangsform.

Zum Beispiel indem man die kindliche Perspektive durch die Größe der Möbel erschafft, wie ihr es bei Hi-ReS! umgesetzt habt. Wie ist es, wenn man sich wieder wie ein Kind fühlt? Wird man kreativer?

Das wurde nie empirisch erhoben, aber die machen da alle einen ziemlich guten Job und Hi-ReS! definiert sich stark über die Räume. Beides würde nicht passieren, wenn die Mitarbeiter sich nicht wohlfühlen.

Hinter der Idee des Big Size Table stand der Wunsch nach einem Versammlungsort. So etwas wie ein Lagerfeuer, an dem die „Agenturfamilie“ zusammenkommt. Das sollte unsere Designidee unterstützen. Wir haben uns überlegt, dass der tollste Tisch im Leben eigentlich der Küchentisch der Eltern war. Da hat man dran gesessen, drunter gespielt, Hausaufgaben gemacht. Also haben wir Möbel konstruiert, die ungefähr der Perspektive eines Sechsjährigen entsprechen. (70 % vergrößert) um das Family Gefühl entstehen lassen. Außerdem sind die Möbel visuell interessant und machen gute Laune. Ich glaube außerdem, dass dies auch eine Art von positiver Grenzüberschreitung für einen Konferenztisch ist und das ist ein wichtiger Punkt. Denn wenn die Agentur sagt, seid mutiger in eurer Kreation, fordert mehr von unseren Kunden, wir wollen das, dann ist das natürlich glaubwürdiger, wenn das Raumdesign der Agentur auch couragiert und ideenreich ist. Das macht freier und spornt an.

Was gab es da noch so für Ideen?

Wir haben zum Beispiel auch einen Super Size Schrank gebaut, durch den man steigen muss, wenn man in den Konferenzraum will. Auch Kunden. Die Botschaft: Wer durch diesen Schrank geht, betritt das geheime Hinterzimmer und gehört zu einer verschworenen Gemeinschaft. Das Ziel: Die Distanz zwischen Agentur und Kunden möglichst gering zu halten, ein lockeres Miteinander zu unterstützen. Der Raum schafft eine ungezwungene Atmosphäre, in der man konstruktiv über neue Ideen sprechen kann.

Wenn ich will, dass die Leute im Detail gut sind, dann kann ich das räumlich unterstützen. Wir haben uns bei Hi-ReS! darüber unterhalten, ob auch die Toilettenräume designt sein müssen und wir haben gesagt, das wäre ein schöner Beweis für Detail-Liebe. Das Unternehmen sendet eine Botschaft an seine Mitarbeiter und sagt, ich kann dich zur Detail-Liebe auffordern, denn ich habe sie auch beauftragt. Ich bin auch jemand, der Details liebt und es nicht nur sagt. Das geht bei uns bis in den kleinste Winkel, bitteschön.

Das fühlt sich natürlich auch anders an, wenn man reinkommt und das Gefühl hat, wow, hier hat sich jemand Gedanken darüber gemacht, dass sich die Leute wohlfühlen.

Genau. Das darf halt nur nicht mit diesem Gefühl gekoppelt sein: Schuhe aus! Das geht heute nicht mehr, so von wegen, ja, das ist hier alles aufwendig designt. Aber nix anfassen und bitte dankbar sein (am besten mit Überstunden), dass du hier arbeiten darfst. Das ist durch. Die Menschen kommen heute in so ein Büro und denken sich, mir ist es eigentlich ziemlich egal, wie viel dein Sideboard gekostet hat, sag mir lieber, was ich von dir lernen kann und gib mir einen guten Grund, warum ich für dich arbeiten soll. Das heißt, die Inhalte sind das Wichtigste. Wenn die stimmen und mit dem Officedesign ein inspirierender Ort geschaffen wurde, dann ist das ein echtes Wow!

Für die Zukunft wird spannend sein, wie Officedesign generationsübergreifend funktionieren kann. Man sieht ja jetzt schon, dass die Leute auch in der Kreativwirtschaft älter werden. Im Vergleich zu den frühen Neunzigern darf jetzt jemand Mitte Vierzig sein und keiner fragt sich, was macht der denn noch hier? Für uns stellt sich die Frage, wie müssen Orte in Zukunft aussehen an denen Generationen miteinander arbeiten können? Wo es kein „Wir hier und die da“ gibt.

Wie sieht es denn bei dir im Büro aus?

Leider haben wir es noch nicht geschafft ein eigenes Raumkonzept für unser Büro zu entwickeln. Wir benutzen zum Beispiel Möbel, die für ein Projekt mal als Muster angefertigt wurden, dann aber nicht zu 100% funktioniert haben. Wir haben das one-team-one-table Prinzip, das finde ich gut, weil wir alle gerne um einen großen Tisch herum sitzen. Ich mag’s auch ganz gerne werkstatthaft. Zeug und Kram muss rumliegen und alles sollte zum mitmachen einladen. Vielleicht so etwas wie eine Waldorfschule für Officedesigign.

Kurze Prognose: Wie stark, denkst du, wird sich die Arbeitswelt in den nächsten Jahren verändern?

Ich glaube nicht, dass sich die Gesellschaft neu orientieren wird, getrieben aus dem Wandel der Arbeitswelt. Ich glaube, es wird ein paar Veränderungen geben. Was stärker an Einfluss gewinnen wird, ist das Inhaltsgetriebene. Wenn ich also die Inhalte, die für mich wichtig sind, nicht über meinen Job bekomme, dann brauche ich genügend Zeit um sie mir woanders zu holen. Die hohe Anzahl von Freelancern, wie es die Kreativbranche schon vormacht, wird auch auf andere Branchen übergreifen. Das ist natürlich für alle Seiten ein erhöhter Organisationsaufwand, aber anders wird es nicht mehr gehen. Zum einen um Effektivität zu gewährleisten, aber auch, weil die Menschen ganz stark das Gefühl haben, sich nicht den ganzen Tag einfach irgendwo hinsetzen zu wollen. Die haben noch andere Sachen vor. Spannend ist auch die zunehmende Unlust, Dinge zu besitzen. Das lässt sich ja auch übertragen auf die Karriere. Eine Karriere und den damit verbundenen Status muss man heute nicht mehr zwangsläufig besitzen. Das Bedürfnis danach ist nicht mehr so stark.

Haben sich unsere Ideale gewandelt?

Vor vielleicht fünfzehn Jahren waren die Helden der Popkultur oft Antitypen. Es ging um Aussteigen und das totale Verweigern. Die Kids waren fasziniert davon, wie die sich öffentlich „schlachten“. Nirvana, die Megaband aus den Neunzigern, ist so ein Beispiel.  Heute ist es so, dass man eher eine gewisse Form von Smartness gut findet. Jemand, der sich gut organisiert, Dinge teilt, nicht mehr jedes Produkt kauft. Man will halt bewusster leben und nicht Anti sein und Verweigern. Vielleicht, weil man heute nicht mehr so frustriert ist.

In der Arbeitswelt taucht eine neue Generation auf. Die sind krass qualifiziert, haben also etwas anzubieten, aber gleichzeitig geben sie nicht ihre gesamte Zeit für den Job. Durch geschicktes Zeitmanagement können sie für einen bestimmten Zeitraum gutes Geld verdienen, gehen danach für ein Jahre in den Regenwald, weil sie da Lust drauf haben, kommen wieder zurück und steigen in Projekte ein. Da geht es nicht um das totale Aussteigen, sondern eher um eine hop on, hop off – Strategie, für die das Netzwerk immer gut gepflegt sein muss.

Vielen Dank, Henri!

 

Mehr Inspiration zu Workspace Design gibt es hier: Studio Another Space

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Kategorie: Interviews

Schlagworte: Mit Flexibilität